ERPELDINGEN (BOUS)
PATRICK WELTER

Der punktgenaue Einsatz von Drohnen im Weinberg macht den konventionellen Sprüh-Hubschrauber überflüssig

Agrarfliegerei der anderen Art. Anstelle des charakteristischen Flapp-Flapp des Rotors und dem Dröhnen einer Helikopterturbine, hört man nur ein feines Sirren. Es kommt auch keine gelbe Brühe eimerweise vom Himmel, die neben den Weinstöcken auch noch die umliegenden Wege und ein paar Spaziergänger einsaut. Nein, über dem Weinberg vor uns liegt nur ein feiner Sprühnebel.

Hier, ganz nahe bei Erpeldingen (Bous), donnert kein Helikopter im Tiefflug über die Weinberge. Fast lautlos kurvt eine Drohne – ein unbemannter ferngesteuerter Flugkörper mit acht Rotoren – tiefer als es jeder Hubschrauber könnte, über die Weinstöcke von Raphaël Hannart hinweg. Nur das Sirren der Elektromotoren ist zu hören und man kann genau sehen, wie punktgenau der feine Schwefelnebel über den Stöcken verteilt wird.

Der Pilot steht abseits in einem Schutzanzug und steuert die Drohne, wie ein Modellflugzeug mit einem Joystick. Gewissermaßen erledigt er eine Arbeit, die auf der kleinen aber steilen Bio-Parzelle sonst erheblichen körperlichen Einsatz verlangt hätte, mit zwei Fingern. Übrigens ist es die einzige Parzelle in Luxemburg auf der Muscaris, eine pilzresistente Weißweinsorte, angebaut wird.

Drohnen erleichtern die Arbeit in Steillagen - Lëtzebuerger Journal
Drohnen erleichtern die Arbeit in Steillagen

Drohnen und Businessjets – Hauptsache, es fliegt

Gestern Morgen konnten einige Pressevertreter beobachten wie der Einsatz von Drohnen für alle Seiten nur eine Win-Win-Situation bringt. Drohnen im Weinbau wurden schon vor längerer Zeit vom Weinbauinstitut in Remich vorgestellt, doch hier ist man schon jenseits des Versuchsstadiums. Wir trafen auf den ersten kommerziellen Dienstleister der in Luxemburg Weinbergfliegerei mit Drohnen betreibt. Wobei dies nicht ohne Überraschung blieb, denn das Unternehmen „Luxaviation“ steht normalerweise für etwas ganz anderes: Für die Luxusklasse des Fliegens, den Privatcharter von Jets und Hubschraubern und den Betrieb von weltweit 27 VIP-Lounges an Flughäfen. „Ich mache gern Neues!“: Christophe Lapierre, Chef der „Business Aviation Support Services“, erklärte, dass es ihm darum gegangen sei, etwas anderes neben den drei Hauptstandbeinen des Unternehmens zu machen. Im nächsten Jahr will man auf die deutsche Seite der Mosel expandieren.

Das Unternehmen Luxaviation fliegt mit seinen Drohnen nicht nur in Weinbergen, sondern arbeitet beispielsweise auch auf Großbaustellen und liefert Luftaufnahmen. In diesem Fall mit Kamera-Drohnen. Im Weinberg sind spezielle Agrardrohnen im Einsatz. Es ging auch darum, das zivile Drohnenfliegen aus der Hobby-Ecke herauszuholen und zu professionalisieren.

Die Produkte, hier Schwefel, können ganz präzise aufgebracht werden - Lëtzebuerger Journal
Die Produkte, hier Schwefel, können ganz präzise aufgebracht werden

Bereits 500 Flüge

Was 2019 mit einem Pilotprojekt begann hat sich so gut entwickelt, dass man schon auf 500 Flüge mit Agrardrohnen zurückblicken kann. Diese Flüge sind in der Regel maximal zehn Minuten lang, dann müssen die Akkus gewechselt werden. Die Vorteile gegenüber dem Einsatz von konventionellen Hubschraubern sind vielfältig. Die Drohnen sind dank des Elektroantriebs leise. Ihre Nutzlast beläuft sich bei etwa 25 Kilogramm Gesamtgewicht zwar nur auf zehn Liter Flüssigdünger oder Flüssigschwefel, während der Helikopter hunderte Liter transportieren kann, aber die Drohne kann ihre Ladung ganz präzise versprühen. Während große Teile der Hubschrauberladung, umliegende Wege, Hecken und Büsche und im dümmsten Fall auch benachbarte Bio-Weine mit konventionellen Pflanzenschutzmitteln einnebeln. Selbst gegenüber von Traktoren mit aufmontierten Spritztanks bietet die Drohne Vorteile: Es gibt keine unnötige Bodenverdichtung.

Die Drohnen können über schmalen Terrassenlagen genauso gut operieren wie in an Steilhängen.

Neben der manuellen Steuerung besteht auch die Möglichkeit die Fluggeräte automatisiert, also GPS-gesteuert einsetzen zu können.

Für die Zukunft sieht Lapierre die Möglichkeit, dass sich mehrere Weinbaubetriebe eine Drohne, ähnlich wie in einem Maschinenring, teilen. Das Handling inklusiver aller rechtlichen und versicherungstechnischen Fragen kann dann „Luxaviation“ übernehmen.

Die Entwicklungen nach der ersten Saison sind vielversprechend. Die beschriebenen Vorteile liegen auch für Laien auf der Hand, zwar warnen Schilder vor dem Drohneneinsatz in der Nähe, doch Spaziergänger, Radfahrer oder Reiter bleiben de facto unbehelligt. Jeder, der schon mal aus Versehen in den Sprühnebel eines konventionellen Agrarfliegers gekommen ist, weiß das zu schätzen.

Spätestens nach zehn Minuten braucht die Drohne einen neuen Akku - Lëtzebuerger Journal
Spätestens nach zehn Minuten braucht die Drohne einen neuen Akku

Auch für kleine Parzellen geeignet

Gerade in den kleinen Bio-Parzellen von Nebenerwerbswinzer Raphaël Hannart, der insgesamt nur anderthalb Hektar bewirtschaftet, und die Keller der Bio-Domäne Sünnen-Hoffmann nutzt, zeigt sich, dass traditionelle und fortschrittliche Methoden sich wunderbar ergänzen. Wo andere mit dem Traktor die Erde umpflügen, setzt Hannart auf die Arbeit mit Ardenner-Pferden, während er gleichzeitig den Sprühtraktor durch die Nutzung von Drohnen ersetzt.

AUSSICHTEN

Die EU rechnet mit Wachstum

Aus Sicht der EU bieten „unbemannte Flugzeuge“, bürokratisch für „Drohnen“, ein großes Potenzial für die Entwicklung „innovativer ziviler Anwendungen in einer Vielzahl von Sektoren, die der europäischen Gesellschaft zugutekommen und zur Schaffung neuer Unternehmen und Arbeitsplätze beitragen werden.“
Schon 2018 erwartete die EU, dass sich der europäische Sektor für Drohnen binnen zwanzig Jahren so entwickelt, dass mehr als 100.000 direkte Arbeitsplätze geschaffen und Umsätze von etwa zehn Milliarden Euro pro Jahr erwirtschaftet werden, überwiegend im Dienstleistungsbereich
Nach Auffassung der Europäischen Kommission wird sich die Zivilluftfahrt in Richtung einer stärkeren Automatisierung entwickeln und die „Drohnentechnologie auch für die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Luftfahrtindustrie insgesamt von entscheidender Bedeutung sein“. LJ
Foto: Daimler - Lëtzebuerger Journal
Foto: Daimler
ZUKUNFTSMUSIK

„Vans and Drones“

Schon 2016 stellte Mercedes-Benz auf einer Konferenz über die „Last Mile“ im Transport ein Konzept für die Kombination von Drohnen und Kleintransportern  vor:
Auf einer abgelegenen Baustelle zerbricht eine spezielle Diamantscheibe, die Arbeit mit dem Trennschleifer muss aber unbedingt vorangehen. Der Weg zum Ersatzteillager würde eine Strecke von 20 Kilometern hin und 20 Kilometern zurück bedeuten. Zuviel Zeitverlust. Die von Mercedes und einem Startup entwickelte Lösung sieht so aus: Der Arbeiter vor Ort sendet eine Anfrage per App an den Ersatzteilhändler, dieser bestückt eine Drohne mit dem gewünschten Material. Der voll vernetzte Mercedes-Vito kommuniziert via Cloud mit der Drohne und führt sie zu seinem Standort. Das Dach des Transporters ist werksseitig als Landefläche für Drohnen vorbereitet, so dass die Drohne exakt auf dem vorbestimmten Platz landet, das Paket ablegt und wieder abhebt. Die Arbeit kann weitergehen. Das System lässt sich auch bei Ambulanz und Rettungsfahrzeugen für spezielle Medikamente oder Instrumente  anwenden. PW
Lëtzebuerger Journal
Drohnen-Projekte des LIST

Kranke Reben finden

Das „Luxemburg Institute of Science and Technology“ (LIST) führt mehrere Drohnen-Projekte durch. Sie befassen sich mit Krankheiten von Rebstöcken, deren Ausbreitung und Behandlung. Ein Beispiel ist das BioVim-Projekt, bei dem falscher Mehltau im Mittelpunkt steht. Gestartet wurde es, weil es besonders schwierig ist, Trauben für hochwertige Weine mit einem begrenzten Einsatz von Pestiziden anzubauen. Im Rahmen des BioVim-Projekts rüsteten die LIST-Forscher eine Drohne mit einer Hyperspektralbildkamera aus, mit der sie die Entwicklung von Rebkrankheiten frühzeitig und gezielt verfolgen können. Ziel ist es, eine Alternative zu Pestiziden zu bieten und Winzer zu unterstützen, die sich einem biologischen Ansatz verschrieben haben.
Darüber hinaus gibt es noch ein Projekt zu einer weiteren Rebkrankheit, bei der ein Inventar betroffener Stöcke erstellt wird. Partner ist auch hier das „Institut viti-vinicole“ (IVV), das dem Landwirtschaftsministerium untersteht. Ein drittes Projekt befasst sich mit Trockenstress bei verschiedenen Feldfrüchten. Das LIST hat eigene Drohnen, arbeitet aber auch mit externen Anbietern zusammen. Drohnen bieten eine hohe Auflösung und sind unabhängig von der Wolkenbedeckung.  CC