CLAUDE KARGER

Na, wo waren Sie, als die Mauer fiel am 9. November 1989? Wir als Schüler vor einem kleinen, damals noch schwarz/weißen Fernseher, der Tragweite der Ereignisse noch nicht ganz bewusst, aber schon so weit, um zu erkennen, dass sich da in Berlin etwas ganz und gar Außergewöhnliches zutrug. Wir erinnern uns auch noch gut an die bange Hoffnung von Erwachsenen, die bereits die Niederknüppelung einiger „Revolutionen“ im damaligen „Ostblock“ gesehen hatten, dass angesichts der Menschenmassen, die im Freudentaumel über die DDR-Grenzübergänge nach Westen strebten, ja kein Schuss fiele. Heute wissen wir, wie chaotisch die Kommunikation zwischen den Führungsstellen und den Grenztruppen verlief und dass es ein kleines Wunder war, dass es nicht zu Gewaltausbrüchen kam, wie das kurze Zeit zuvor noch bei manchen Demonstrationen in der DDR der Fall war.

Wir erinnern uns auch an das Gefühl eines Aufbruchs in eine neue Ära, zu der die „Scorpions“ mit „Wind Of Change“ eine mitreißende Hymne kredenzt hatten, die auch heute noch Hoffnung inspiriert. In der Tat blies der Wind des Wandels, der nicht zuletzt Michail Gorbatschow anzurechnen ist, den Eisernen Vorhang, den Kalten Krieg, die Sowjetunion und eine ganze Weltordnung weg, unter der zahllose Menschen zu leiden hatten, wie wir uns über die Jahre hinweg während einiger Reisen in den Osten Europas überzeugen konnten.

Es gibt auch weiterhin millionenfach Existenzen mit „gebrochenen“ Biographien, die auch später stark unter dem Wendeprozess litten. Viele mussten sich nach dem Zusammenbruch der DDR völlig „neu erfinden“. Nicht immer gelang es, nicht immer gab es eine stützende und schützende Hand, deshalb aber das Gefühl, abgehängt worden zu sein.

Diesen Frust schlachten heute Parteien und Bewegungen gnadenlos aus, die vorgeben, den Leuten zu neuem Stolz verhelfen zu wollen. „Hol dir dein Land zurück“, prangt da auf Wahlplakaten der AfD oder „Wende 2.0“, als ob man die Uhren wieder zurück drehen wolle. Von einem neuen „antideutschen Trennwall“ und einem Land, das sich wieder auf dem Rückweg in die Diktatur befinde, faselten gestern AfD-Abgeordnete bei einer Debatte im Bundestag zu 30 Jahren friedliche Revolution. Sie feuern immerzu ein Freund-Feind-Denken an, das eigentlich als überwunden galt und bauen so neue Mauern in den Köpfen auf. Leider gehen immer mehr Wähler dieser Kerntaktik der Populisten aller Länder auf den Leim, wie es leider auch die letzten Länderwahlen in Deutschland gezeigt haben.

Dagegen muss man immer wieder darauf hinweisen, was das Mauer-Denken in der Vergangenheit angerichtet hat und vor allem mehr vor Ort tun, um die Bürger ganz konkret zu unterstützen. Viele, nicht nur in Deutschland, haben heute Angst, abgehängt zu werden in einer von Globalisierung und Digitalisierung geprägten Welt, deren Zusammenhänge sie nicht unbedingt verstehen und deren Instrumente sie nicht unbedingt nutzen können. Wir müssen aufpassen, dass die Gräben, die hier entstanden sind, rechtzeitig zuschütten oder Mauern nicht erst entstehen lassen. Darüber wird nicht genügend gesprochen.