BISSEN
MONIQUE MATHIEU

Gespräch mit Luxlait-Generaldirektor Gilles Gérard überdie Genossenschaftsmolkerei in Corona-Zeiten

Die Milchgenossenschaft Luxlait sieht sich im Rahmen der durch das Coronavirus verursachten Krise vor ihre größte Herausforderung in ihrer mehr als hundertjährigen Geschichte gestellt. Als wichtiges Mitglied der Lebensmittelbranche ist Luxlait in der aktuellen Situation verpflichtet, ihre Produktion für die Versorgung der Bevölkerung aufrechtzuerhalten. Wir sprachen mit Generaldirektor Gilles Gérard, der der Genossenschaft seit Mai 2018 vorsteht.

Wie viele Mitarbeiter zählt Luxlait? Sind zurzeit alle auf ihrem Posten, oder sind verschiedene Bereiche, wie beispielsweise das Labor, geschlossen?

Gilles Gérard Luxlait zählt 330 Mitarbeiter, von denen circa 50 zurzeit nicht verfügbar sind; etliche sind beurlaubt, um die Kinder zu betreuen, andere sind krankgeschrieben. Wir hatten bislang noch nie so viele Krankmeldungen auf einmal.

Die Situation ist demnach kritisch: Wenn bislang alle Bereiche von Luxlait weiter arbeiten, so darf zum Beispiel kein weiterer Fahrer ausfallen, der die Waren zu den Kunden bringt. Genauso ist die Betätigung einiger Maschinen von Mitarbeitern abhängig, die speziell hierfür ausgebildet sind. Jedenfalls müssen wir tagtäglich umorganisieren, zusehen, dass Einzelne nicht zu viele Überstunden leisten, um nicht auszufallen usw. Aufgrund der aktuellen Arbeitsbelastung zahlt Luxlait ihren Mitarbeitern zurzeit eine „Prime d’encouragement“ von 500 Euro.

Wird diese Prämie vom Staat übernommen?

Gérard Da Luxlait eine Genossenschaft ist, wird die Prämie schlussendlich von den Bauern bezahlt, deren Milch von Luxlait verarbeitet wird. Sie werden also zur Kasse gebeten, damit die Lebensmittelsicherheit gewährt bleibt.

Wie viele Ihrer Mitarbeiter sind Grenzgänger?

Gérard 60 Prozent sind im Land wohnhaft, 40 Prozent kommen jeden Tag über die Grenze. Wenn es nach mir ginge, wären alle Mitarbeiter aus der nahen Umgebung. Aber das ist reines Wunschdenken, denn auf unsere Anzeigen hin melden sich nur sehr wenige Ortsansässige, und sozusagen keine Luxemburger. Wir sind nicht das einzige Unternehmen, das in diesem Bereich Probleme hat. Vielleicht führt die Krise dazu, dass es zu einem Umdenken kommt.

Milch kann nicht virtuell fließen, sie muss beim Landwirt abgeholt werden. Welche besonderen Vorkehrungen wurden für die Fahrer der Milchtanks getroffen?

Gérard Lassen Sie mich vorab klarstellen, dass Luxlait als Lebensmittelproduzent seit jeher sehr hohen hygienischen Ansprüchen gerecht wird. Zum Beispiel zieht man beim Betreten der Fabrik Luxlait-Schuhe an, wäscht und desinfiziert die Hände. Mit der Corona-Krise haben wir unsere Maßnahmen verschärft. Unseren Fahrern geben wir desinfizierendes Gel mit auf ihre Tournee, und haben sie nochmals in den empfohlenen „Gestes barrières“ unterrichtet.

Wie viele Bauernhöfe werden angefahren? Mussten die Bauern besondere Vorkehrungen treffen?

Gérard Die 350 Bauernbetriebe erhielten bereits zweimal Post von uns, wobei wir sie unter anderem strikt baten, sich von unseren Fahrern fernzuhalten. Immerhin werden tagtäglich 500.000 Liter Milch gesammelt. Wenn die Fahrer ausfallen, kann diese Arbeit nicht geleistet werden, was bedeutet, dass die Bauern kein Einkommen haben werden. Ganz abgesehen davon, dass die Kühe weiter gemolken werden müssen. Es ist demnach sehr wichtig, dass jeder in der Versorgungskette besonders achtsam ist.

Arbeitet die Fabrik zurzeit 24/24 Stunden?

Gérard Ja, die Maschinen laufen seit einigen Wochen 24 Stunden am Tag. Darüber hinaus fahren unsere Fahrer die Waren zum Teil auch nachts aus.

Gerade die private Nachfrage an UHT-Milch ist zurzeit übermäßig hoch. Muss in punkto UHT-Milch rationalisiert werden? Werden alle Supermarktketten genauso beliefert wie vor der Krise?

Gérard Auch in diesem Bereich läuft die Planung zurzeit auf Tagesebene. In unserer allmorgendlichen Konferenz mit den Chefs der Departements klären wir, wieviel Milch verfügbar ist, wieviel bestellt ist, und wer demnach, auch entsprechend seinen Bestellungen vor der Krise, wie viel bekommt. Aufgrund der riesigen Nachfrage in den vergangenen 14 Tagen war es uns nicht möglich, alle Bestellungen zu erfüllen. Dieses Problem scheint jetzt aber gelöst, die Bestellungen sind etwas zurückgegangen, so dass wir seit dem 24. März den Anfragen wieder vollauf gerecht werden können. Leere Regale dürften die Kunden demnach bei der UHT-Milch nicht mehr vorfinden. Ich will in diesem Zusammenhang unterstreichen, dass aber stets genügend Frischmilch geliefert werden konnte. Und: Wir liefern die Milch an die Verteilungsplattformen der Supermarktketten, diese erledigen die Aufteilung nach Geschäften nach ihrem eigenen Ermessen.

Darüber hinaus verhält es sich so, dass Luxlait zurzeit weniger UHT-Milch nach Belgien und Frankreich liefert, und den Luxemburger Markt bevorzugt abdeckt.

Wird dies nicht zu Problemen nach der Krise führen?

Gérard Dessen bin ich mir bewusst. Aber wir müssen zuerst der lokalen Nachfrage gerecht werden. Ich denke, dass sich aufgrund der Coronakrise viele Menschen bewusst werden, wie unverzichtbar lokale Unternehmen sind.

Luxlait liefert auch - ich nehme an als Zwischenhändler - andere Produkte aus, wie zum Beispiel Golden Toast. Hierfür gab es vor 14 Tagen einen Lieferengpass...

Gérard Luxlait hat von der früheren Central Marketing, deren Mitinhaber die Genossenschaft war, einige wenige Aktivitäten im Trockenproduktbereich übernommen. Das Gros ging zur „Provençale“ über, wo zurzeit nur mehr zu 50 Prozent gearbeitet wird, da viele Großkunden, wie Hotel, Restaurants, Schulen und Kindertagesstätten usw. weggefallen sind. Dies hat wiederum einen Einfluss auf Luxlait, also auf unsere Milchverwertung. Die Produktion unserer Großvolumen haben wir zurzeit eingestellt, und setzen voll auf Privatkunden. Dazu muss man wissen, dass wir in Normalzeiten zum Beispiel auch Kreuzfahrtschiffe beliefern.

Läuft das Exportgeschäft denn noch?

Gérard Viele der Großaufträge aus Belgien und Frankreich wurden gecancelt. Das heißt, wir liefern schon noch etliche unserer Produkte ins Ausland, aber auf einem viel niedrigeren Niveau. Luxlait wird demzufolge harte finanzielle Einbußen erleiden, und wird, wie fast jeder, von einer Krise nicht verschont bleiben.

Ich nehme an, auch vor Corona gab es Krisenpläne bei Luxlait?

Gérard Luxlait war in der Vergangenheit bereits mit Krisen konfrontiert, zum Beispiel die der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit, oder der Schweinepest. Auf solche sanitären Probleme sind wir vorbereitet. Solche Krisen sind aber eher lokal. Das Coronavirus hat weltweite Auswirkungen, das stellt uns jeden Tag vor die Herausforderung, uns anzupassen und Lösungen zu finden.