LUXEMBURG
SVEN WOHL

Spielfokus: Deus Ex

Die Entscheidungen, die Spieler im Verlauf eines Spieles treffen, machen dieses einzigartig. Dabei ist die Möglichkeit, ein Spiel so zu spielen, wie man will, nichts Neues und auch keine Erfindung einer Marketingabteilung. Dass viele Spieler das glauben liegt daran, dass moderne Videospiele oft zahlreiche sinnvolle Entscheidungsmöglichkeiten anpreisen, das Versprechen aber nur selten halten. Aber „Deus Ex“ aus dem Jahr 2000 bewies, dass es durchaus möglich ist, den Spielern sinnvolle Entscheidungsmöglichkeiten zu geben.

Doppelagent wider Willen

JC Denton ist Agent bei UNATCO (United Nations Anti-Terrorist Coalition), einer fiktiven Organisation, die gegründet wurde, nachdem Terroristen die Freiheitsstatue in die Luft sprengten. Keine nette Zukunftsvision, aber organisierter Terrorismus ist nicht das einzige Problem: Tatsächlich plagt eine Seuche die westliche Welt. Das Heilmittel mit dem sinnigen Namen „Ambrosia“ ist jedoch teuer und wird zudem als Druckmittel gegen die Bevölkerung eingesetzt. Denton erhält bei seinem anfänglichen Kampf gegen die Terroristen einen kurzen Blick hinter die Kulissen und stolpert dadurch über eine Verschwörung, die ihn dazu zwingt, zwischen den beiden Fronten seinen eigenen Kampf durchzustehen. Die Story verirrt sich zwar in teils sehr obskuren Verschwörungstheorien, ist aber solide genug geschrieben, um einen zu packen. Vor allem die Wendungen und der Entscheidungsfreiraum sind äußerst beachtlich und lassen bis heute andere Spiele ziemlich schlecht dastehen.

Auch, was das eigentliche spielerische Vorgehen angeht, liegt so ziemlich alles in den Händen der Spieler, denn „Deus Ex“ sieht nur so aus, als wäre es ein handelsüblicher Ego-Shooter. Dabei ist der Titel gleichzeitig Rollenspiel und Adventure. Zahlreiche Spielelemente werden hier miteinander verbunden: Man kann schleichen, hacken, Schlösser knacken oder ganz einfach einen auf Rambo machen. Durch das Sammeln von Erfahrungspunkten kann Denton immer mehr Fähigkeiten erlernen. Kann er anfangs noch nur mit viel Zittern ein Scharfschützengewehr bedienen, kann er dank der Erfahrungspunkte, im späteren Verlauf des Spiels einer Fliege auf große Distanz ein Auge ausschießen. Der Fortschritt des Charakters misst sich also nicht nur an den zahlreichen Dialogoptionen und Entscheidungen, die man im Hinblick auf die Geschichte trifft, sondern auch, wie man seine Fähigkeiten ausbaut. Am Ende hat jeder Spieler seine ganz eigene Version von Denton.

Blockiger Zugang

Für diese revolutionäre Tiefe wurde jedoch ein enormer Preis bezahlt: Die Grafik des Titels sah, wie auch hier auf den Screenshots zu sehen ist, schon für damalige Verhältnisse eher schlecht aus.

Die Texturen sind matschig, niemand hat wirklich Haare und es gibt gefühlte drei Charaktermodelle für männliche Figuren. Wenigstens die Ladezeiten sind auf aktuellen Systemen aus zu halten. Es erschwert jedoch enorm den Zugang zu diesem Klassiker, was auch Alteingesessene feststellen müssen, wenn sie sich nach Jahren wieder entscheiden, das Spiel zu installieren.

Trotzdem hat „Deus Ex“ enorme Spuren hinterlassen und bis heute versuchen zahlreiche Spiele, die hier vorhandenen Elemente zu replizieren. Ironischerweise schafft aber nicht einmal „Deus Ex: Human Revolution“ aus dem Jahr 2011 diese Tiefe noch einmal zu kreieren. Der Titel ist aktuell für PC auf Steam und Good old Games erhältlich.