LUXEMBURG
BERT FLOSSBACH

So wie Menschen verfügen auch Wertpapierportfolios über ein Immunsystem, das ihnen Widerstandskraft gegen exogene Schocks, die aus heiterem Himmel kommen, verleiht. Aber was zeichnet ein gutes Immunsystem aus? Das Portfolio sollte klug diversifiziert sein, die einzelnen Titel sollten ein attraktives Verhältnis von Qualität und Wert aufweisen und liquide genug sein, um genügend Handlungsspielraum zu gewähren. Unter Qualität verstehen wir die Höhe und Sicherheit der zukünftigen Zahlungsströme und die Substanz (Solvenz) der Anlage. Der Wert bemisst, wie viel davon noch nicht im Preis enthalten ist.

„In den kommenden Monaten werden die Anleger noch zahlreiche Wechselbäder der Gefühle erleben“, Bert Flossbach, Gründer und Vorstand der Flossbach von Storch AG in Köln - Lëtzebuerger Journal
„In den kommenden Monaten werden die Anleger noch zahlreiche Wechselbäder der Gefühle erleben“, Bert Flossbach, Gründer und Vorstand der Flossbach von Storch AG in Köln

Extremer Qualitätstest für Anlagen

Die vergangenen Wochen waren für viele Anlagen ein extremer Qualitätstest. Selbst vermeintlich sichere Geschäftsmodelle wurden durch den Corona-Shutdown infrage gestellt, zahlreiche Dividendenausschüttungen wurden gestrichen. Eine Delle im Geschäftsverlauf der Unternehmen kann, einem unangenehmen Schnupfen ähnlich, temporärer Natur sein. Handelt es sich aber um dauerhafte Werteinbußen, die durch die Corona-Krise ausgelöst oder beschleunigt worden sind, so liegt der Vergleich mit einem schweren viralen Infekt nahe, der langfristige Folgen für die Gesundheit bzw. den Wert der Anlage hat.

Wenn man also Aktien oder Anleihen von Unternehmen aus weniger resistenten Branchen wie Airlines, Banken, Touristik, Maschinenbau oder Stahlerzeugung im Portfolio hält, sollten diese aufgrund ihrer geringen Widerstandskraft gegen exogene Schocks eine entsprechend geringe Dosierung aufweisen.

Die Bilanzqualität ist in einer tiefen Rezession von besonderer Bedeutung. Selbst Unternehmen mit einem langfristig intakten Geschäftsmodell droht bei zu hoher Schuldenlast das Aus oder eine Zwangsrekapitalisierung, die die Altaktionäre weitgehend enteignet. Auch Inhaber von Anleihen oder Schuldscheinen, die ausschließlich den Bonitätsnoten der einschlägigen Ratingagenturen vertrauen, könnten im Zuge der Corona-Krise noch Überraschungen erleben, die mit den Erfahrungen der Finanzkrise 2008/2009 vergleichbar sind. Diesmal sind es aber keine verpackten Hypothekenanleihen, sondern verpackte Unternehmenskredite, sogenannte CLOs. Analog zur Finanzkrise bedarf es zunächst einer Bereinigung des Marktes von solchen Produkten und bereits vor der Krise schwächelnden Zombieunternehmen, die sich nur dank zinsloser Kredite über Wasser halten konnten, bis die Erholung einsetzen kann.

In den kommenden Monaten werden die Anleger noch zahlreiche Wechselbäder der Gefühle erleben, die Hoffnungen auf ein baldiges Ende der Krise wecken und Ängste vor einem weiteren Absturz schüren. Es ist unwahrscheinlich, dass sich die Gemengelage schon in einigen Tagen oder Wochen auflöst und wir zu „Business as usual“ übergehen werden. Deshalb erscheint es uns sinnvoll, weiterhin Teile des Portfolios abzusichern. Erneute Kursrückschläge werden wir nutzen, um Aktien von Unternehmen aufzustocken, die aufgrund eines guten Immunsystems nach der Krise wieder auf ihren Wachstumspfad zurückkehren können und schließlich besser dastehen als vorher.

Flossbach von Storch

Seit 1998

Die Flossbach von Storch AG wurde 1998/99 mit Sitz in Köln gegründet, zunächst als reiner Vermögensverwalter. Heute betreuen mehr als 200 Mitarbeiter rund 50 Milliarden Euro von Anlegern in Europa. Ein Großteil der Gelder entfällt mittlerweile auf die Publikumsfonds. Das Unternehmen ist nach wie vor im Besitz seiner Gründer und leitenden Angestellten. Die Publikumsfonds werden seit 2012 über die Flossbach von Storch Invest SA mit Sitz in Luxemburg verwaltet.