LUXEMBURG
GEOFFREY CARUSO

Ab 2020 soll der öffentliche Transport gratis sein. Geoffrey Caruso, Professor für urbane Analyse und Modelle an der Universität Luxemburg und dem LISER, gewährt uns einige Einblicke in dieses komplexe Vorhaben:

„Der Transport ist kein normales Gut: Man nutzt es nicht zum Spaß, sondern um ein Ziel an einem anderen Ort zu erreichen. Man benötigt den Transport, um von anderen Aktivitäten zu profitieren, etwa, um Arbeiten zu gehen und Geld zu verdienen. In Luxemburg kommen die Hälfte der Arbeitnehmer nicht aus dem Land und würden kaum von diesem ‚Geschenk‘ profitieren.

Im Verlauf eines Tages oder einer Woche verbinden Menschen mehrere Aktivitäten miteinander. Sie reisen von einer Aktivität zur nächsten, doch aufgrund der zahlreichen Stationen ist es nicht immer möglich, auf den öffentlichen Transport zurückzugreifen. Der öffentliche Transport kann einige Ziele abdecken, jedoch nur bedingt zeitnah. Wer sich im Zentrum einer Stadt bewegt, ist zu Fuß oder mit dem Fahrrad schneller unterwegs. Sobald die Distanzen steigen und Landesgrenzen überschritten werden, kann der öffentliche Transport nicht mithalten. Selbst wenn man den Preis des öffentlichen Transportes stark senkt, werden Menschen noch lange nicht zum öffentlichen Transport wechseln, da ihr Zeitbudget dies nicht erlaubt.

Warum nutzen Menschen den öffentlichen Transport? Recherchen zufolge spielt die Preis-Elastizität eine Rolle, aber bei weitem nicht die größte. Distanz, Zeit, die Qualität des Angebots (Regularität, Qualität der Verbindungen) und Komfort spielen ebenfalls eine wichtige Rolle und es ist den Menschen wichtiger, einen verlässlichen und effizienten Service zu haben, als einen billigen. Dies trifft besonders auf Luxemburg zu, wo das Angebot sehr billig oder für viele Menschen gratis ist. Tatsächlich würde eine weitere Preisreduzierung wahrscheinlich keinen großen Einfluss haben. Wenn wir die Menschen überzeugen wollen, den öffentlichen Transport zu nutzen, müssen wir ihnen klar machen, dass sie Zeit sparen können und sich auf den Dienst verlassen können. Auch wenn das aktuelle Angebot nicht schlecht ist, könnte sich einiges verbessern, um die Beliebtheit des Autos zu reduzieren. Vor allem sollte in sichere Verbindungen, besonders gesicherte Fahrradwege, zu den Verbindungspunkten investiert und schnelle Umsteigemöglichkeiten geboten werden. Ich denke, es ist langfristig bedenklich, den Menschen vorzumachen, der öffentliche Transport würde nichts kosten. Investitionen sind weiterhin nötig. Falls die Maßnahme der Politik eher sozialen Zwecken dienen soll, wäre eine differenzierte Preispolitik, bei der weniger Verdienende einen fast gratis öffentlichen Transport haben, sinnvoller, als ein komplett gratis System für jeden, welches die Summe der Investitionen mindern würde.

Ich glaube nicht, dass Massen an neuen Menschen den öffentlichen Transport dank dieser Maßnahme nutzen werden – sicherlich nicht bei den Zügen und längeren Distanzen. Es könnte zu einer Steigerung der Nutzung von Bussen in der Stadt kommen. Hier gibt es eine große Dichte an Verkehrsflüssen, was den Menschen erlaubt, für kurze Distanzen auf den Bus umzusteigen. Doch dies würde eher Menschen vom Gehen oder Fahrradfahren als vom Autofahren abhalten.“