DÜDELINGEN
CHRISTIAN BLOCK

Offizieller Startschuss für die Opferambulanz am kommenden Montag -Häusliche Gewalt betrifft alle Gesellschaftsschichten

Lediglich bis zu zehn Prozent der Opfer von häuslicher Gewalt wenden sich an die Staatsanwaltschaft oder die Polizei. Häufig sind die Betroffenen eingeschüchtert, fühlen zu Unrecht Scham oder gar Schuld oder haben Angst vor der Reaktion des Täters. Die Opferambulanz erlaubt ihnen künftig, innerhalb eines Zeitraums von zehn Jahren juristische Schritte einzuleiten. Gesundheits- und Chancengleichheitsministerin Lydia Mutsch (LSAP) und Justizminister Félix Braz (déi gréng) gaben gestern den offiziellen Startschuss für die „Umedo“, kurz für „Unité médico-légale de documentation des violences“. Die beim nationalen Gesundheitslabor (LNS) in Düdelingen angesiedelte Umedo versteht sich als kostenfreies „niedrigschwelliges Angebot einer verfahrensunabhängigen, gerichtsverwertbaren Dokumentation von Verletzungen“. 24 auf 24 Stunden kann die Opferambulanz telefonisch kontaktiert werden, um einen Termin zu vereinbaren, entweder beim LNS oder in einem Krankenhaus. Die vier Krankenhausgruppen CHL, HRS, CHEM und CHdN sind nämlich Partner des Dienstes. Auf diese Weise sollen auch behandelnde Ärzte, die den Verdacht haben, dass eine Verletzung auf häusliche Gewalt zurückzuführen ist, auf die Opferambulanz hinweisen. Von sich aus einschalten können sie sie allerdings nicht.

„Die Entscheidung bleibt beim Opfer“

„Die Entscheidung bleibt beim Opfer“, betont der Projektverantwortliche Dr. Andreas Schuff. Das Team um den Rechtsmediziner dokumentiert und bewahrt die Spuren - Fotos der Befunde oder DNA-Spuren - in pseudo-anonymisierter und sicherer Form im LNS auf. Nur auf Initiative beziehungsweise mit der Einwilligung der betroffenen Person können diese Dokumente und Spuren herausgegeben werden. Schuff rechnet mit einer Anlaufphase von anderthalb bis zwei Jahren, damit sich die Opferambulanz etablieren kann und zwischen 50 und 100 Untersuchungen im Jahr. Außerdem geht er davon aus, dass etwa zehn Prozent der dokumentierten Fälle zu einer Klage oder Expertise führen werden.

Leichter Rückgangder Fälle in 2017

Im vergangenen Jahr musste die Polizei 715 Mal aufgrund von häuslicher Gewalt eingreifen. Auch wenn die Zahlen sowohl im Vergleich zum Vorjahr mit 789 Interventionen sowie zum Zehn-Jahres-Durchschnitt rückläufig sind, rückten die Beamten dennoch 60 Mal im Monat aus. Auch bei den Wegweisungen auf Anordnung der Staatsanwalt ist 2017 ein Rückgang festzustellen: von 256 im Jahr 2016 auf 217. Mutsch erinnerte daran, dass häusliche Gewalt in allen Schichten der Gesellschaft vorzufinden ist, auch Männer unter den Opfern sind und in 90 Prozent der Fälle einer der Lebensgefährten involviert. Mit der Opferambulanz „werden die Rechte der Opfer verbessert“, meinte Mutsch. Braz ergänzte in diese Richtung: „Mit dieser Dokumentation bringen wir es fertig, dem Rhythmus der Opfer angepasst Beweise vor Gericht zu bringen“. Die Mitarbeiter der Opferambulanz sind zudem von der gesetzlichen Verpflichtung entbunden, den Behörden Straftaten zu melden.

Grundlage der Opferambulanz sind die erst kürzlich vom Parlament ratifizierte Istanbul-Konvention und die europäische Opferschutzrichtlinie. Im Artikel 25 des Übereinkommens des Europarates zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt heißt es etwa, dass sich die Vertragsparteien Instrumente geben, „um Opfern medizinische und gerichtsmedizinische Untersuchungen, Traumahilfe und Beratung anzubieten“. In diesem Sinne ist es auch Aufgabe von Umedo, an die Hilfsangebote anderer Organisationen und gemeinnützigen Vereine weiterzuvermitteln. Allerdings stellen die Gerichtsmediziner keine ärztlichen Atteste aus und behandeln auch keine Verletzungen. Das soll die Neutralität der Opferambulanz garantieren, die sich auf die Spurensicherung konzentriert.


Umedo wird ab kommendem Montag, 23. Juli,
rund um die Uhr unter der Tel.: 621 85 80 80 erreichbar sein.
Mehr Informationen unter umedo.lu