LUXEMBURG
DANIEL OLY

Latif Ladid und der unermüdliche Kampf für ein besseres Internet

Stellen Sie sich vor: Sie erwarten einen wichtigen Anruf, teilen sich aber einen Telefonanschluss mit den Nachbarn aus demselben Häuserblock. Wer bei Ihnen klingeln will, tut es zugleich auch beim Nachbarn. Oder Haus-Adressen: Wir kämen im Traum nicht auf die Idee, für mehrere Menschen eine gemeinsame Anschrift zu verwenden. Mit dem Internet drohte ausgerechnet eine unserer modernsten Infrastrukturen exakt diese skurrilen Probleme zu bekommen: Die sogenannten IP-Adressen, die Geräte für die Kommunikation im Internet brauchen, gingen aus. Bisweilen geisterten sogar Hiobsbotschaften zu dem Ende des Internets herum.

Dass es nicht so weit kommen musste, ist Menschen wie Latif Ladid zu verdanken. Sein rastloser Einsatz für das sogenannte „IPv6 Forum“ als Gründer und Präsident weltweit brachte ihm jüngst sogar eine Ehrung für sein Lebenswerk ein - völlig zu Recht. Der in Luxemburg lebende Pionier für den modernen Standard wurde dabei unter anderem dafür geehrt, die Interessen des international aktiven Forums in aller Welt zu vertreten. Vielerorts beißt er dabei zwar auf Granit, aber „davon darf man sich nicht unterkriegen lassen“, wie Ladid lächelnd erklärt. Das erklärte Ziel: Eine breite Unterstützung für den neuen Standard, weltweit, um den alten Standard progressiv abzulösen.

Mit viel Einsatz direkt vor Ort

Mit dem Leitsatz „IPv6 eignet sich für Jedermann“ begann Ladid daher schon sehr früh, auch in Entwicklungsländern für den neuen Standard zu werben. Dazu gründete er mehrere „IPv6 Task Forces“ direkt vor Ort, hielt nahezu monatliche „Summits“ ab und beriet Betriebe, Provider und Regierungen gleichermaßen. Hierzu engagierte sich Ladid in Ländern rund um den Globus, unter anderem in Peru, China, Taiwan, Indien, Ägypten, den Golfstaaten oder Saudi Arabien. In den Vereinigten Staaten dürfte der Vergleich zum Gemeinschaftstelefon gut gezogen haben: „Ich erklärte ihnen vor versammelter Mannschaft - das ist ein kommunistisches System“, lächelt Ladid.

Der Erfolg gibt ihm Recht: Viele Länder weisen mittlerweile hohe Anwendungsraten auf. In Luxemburg beispielsweise wurde der neue Standard schon 2006 eingeführt, mittlerweile ist er - auch wegen dem Glasfaserausbau - nicht mehr wirklich wegzudenken. Geschäftsmodelle wie die Internettelefonie von „Skype“ wären ohne individuelle Adressen schwer zu bewerkstelligen. Bis zur vollständigen Adoption wird zwar noch etwas Zeit vergehen, der wichtige Schritt sei aber getan. Zwischenzeitlich war das Großherzogtum sogar auf dem ersten Platz, was die Anwendung betraf.

Mittlerweile habe man den guten fünften Platz übernommen. Das ist auch Ladids Pionierarbeit zuzuschreiben: Er sitzt im hiesigen Gremium, dem „IPv6 Council“ Luxemburgs. Mit dabei sind auch Mitarbeiter von Netzanbietern und dem Staat, was den ganzen Prozess beschleunigt haben dürfte. „Es hat sicherlich geholfen, dass wir von Anfang an wichtige Entscheidungsträger mit an Bord hatten“, meint Ladid.

Nicht überall sind derartige Erfolge zu verbuchen. Das kann auch ökonomische Gründe haben: „Ein Internetprovider kann seinen Kunden eine feste Adresse für einen sicheren monatlichen Betrag verkaufen. Das ist ein hervorragendes Geschäft, das niemand so schnell aufgeben möchte“, wie Ladid erklärt. In China hingegen könnte das Problem viel tiefgründiger sein: Es ist wesentlich einfacher, eine geringere Zahl an Adressen zu verwalten, wenn der Internetzugang reguliert sein soll. Letzten Endes dürfte es aber oft auch eine technische Umstellungsfrage sein - wenn auf einen Schlag tausende Router kompatibel werden sollen, kann das durchaus dauern.

Geschichtsträchtig

Um zu verstehen, warum diese Entwicklung so wichtig ist, müsse man zurück blicken: „Sie müssen verstehen: Die ursprüngliche Adressierung sah 256 (2 hoch 8) feste Adressen vor - hauptsächlich für die damals existierenden vier Hauptrechner Nordamerikas“, erklärt Ladid. Ein riesiges, weltweites Netz war damals utopisch, nicht vorgesehen. Als dessen Etablierung nach der Zusammenlegung mit begann, wurden die ersten IP-Adressen vergeben. Das übernahmen seitdem internationale Gremien.

Das Problem: Durch die Art und Weise, wie sich die IP-Adressen zusammen setzen, gab es nur knapp 4,3 Milliarden mögliche, einzigartige Adressen. Das klingt nach einer ganzen Menge, bis man bedenkt, dass jedes einzelne Gerät wie eine smarte Uhr, ein Mobiltelefon oder der Rechner eigentlich eine eigene Adresse bräuchte. Von den ganzen Geräten des Internets der Dinge in Zukunft ganz zu Schweigen. Seit Anfang 2011 ist der Pool eigentlich offiziell erschöpft. Es gibt keine freien IPv4-Adressen mehr.

Das Problem sollte bei dem neuen IPv6-Standard nicht so schnell auftreten. Deren Zahl ist zwar theoretisch auch beschränkt, beläuft sich aber auf über 340 Sextillionen (oder 3,4 mal 10 hoch 38). „Das sollte auf absehbare Zeit reichen“, lacht Ladid.

Der Grund: Mit einer Länge von 128 Bit haben die neuen Adressen ganz einfach wesentlich mehr Kombinationsmöglichkeiten. Das erlaubt tatsächlich, jedem einzelnen Gerät eine eigene, einmalige Adresse zuzuweisen. Aber der neue Standard bietet mit Autokonfiguration (ein Gerät kann sich selbst automatisch eine Adresse zuweisen) oder Mobile IP (unterwegs unter derselben Adresse erreichbar zu sein) auch abseits des größeren Angebots an Adressen waschechte Vorteile.

Seit 2006 arbeitet Ladid als Forschungsmitarbeiter in der „Security and Networking“-Abteilung (SECAN-Lab) der Universität Luxemburg unter Leitung von Professor Thomas Engel. Der Grund für diesen Schritt war schnell erklärt: „Irgendwann kommt der Zeiptunkt, an dem man sein Wissen teilen möchte, und etwas zurück geben möchte. Die Universität ist da das richtige Mittel.“

Dabei sitzt er weiterhin an vorderster Front der Innovation und Pionierarbeit: Engels Abteilung stützt unter anderem junge Technologie-Unternehmen und Startups auf ihrem Weg zum Erfolg. Da sind sie bei Latif Ladid sicherlich auch an der richtigen Adresse.