LUXEMBURG
PATRICK WELTER

Ein Gespräch mit Tourismus- und Mittelstandsminister Lex Delles

Eine tolle Sicht hat man von hier oben, dem zwölften Stock des Ministeriums am Boulevard Royal. Im obersten Stock residieren gleich zwei Minister: Wirtschafts- und Gesundheitsminister Etienne Schneider (LSAP) und Tourismus- und Mittelstandsminister Lex Delles (DP), unser Gesprächspartner in der nächsten Stunde. „Ich werde aber bald umziehen“, die Generaldirektionen für Mittelstand und Tourismus liegen einige Stockwerke tiefer. Für eine effiziente Arbeit sei es einfach besser nah bei den Mitarbeitern zu sein, so die einleuchtende Begründung von Delles für seinen (räumlichen) Weg nach unten. Delles fällt nicht nur durch seine schiere Größe auf, sondern auch durch sein jugendliches und vor allem gut gelauntes Auftreten. Dennoch ist Delles ein politischer Vollprofi. Nach seiner Zeit als Bürgermeister von Mondorf und Abgeordneter war sein Aufrücken in die Regierung mehr oder minder logisch. Auch für das Geschäftsfeld Tourismus.

Foto: Editpress/Julien Garroy - Lëtzebuerger Journal
Foto: Editpress/Julien Garroy

Neue Angebote für Aktivurlauber

Im Zentrum der Tourismuspolitik der nächsten Jahre stehen der Aktivtourismus und die Förderung des MICE-Sektors (Meeting, Incentive, Congress, Event).

Für den Minister gehört der Aktivtourismus schon seit Jahren zu den Stärken Luxemburgs. Bisher lag der Schwerpunkt auf dem Wandern. Mit der stärkeren Förderung des Fahrradtourismus soll ein zweites Standbein hinzukommen. Eine der Voraussetzungen dafür ist nicht nur der Ausbau des nationalen Radwegenetzes, sondern auch die Verknüpfung von kommunalen und nationalen Radwegen. Als einen der „Leuchttürme“ sieht Lex Delles den Radweg auf der „Vennbahn“.

Grundsätzlich geht es dem Tourismusminister darum, das Nahverkehrsmittel Fahrrad und das Freizeitgerät Fahrrad miteinander zu verbinden. Die Bereitschaft von Gemeinden, sich an das nationale Radnetz anzuschließen, wird von seinem Ministerium unterstützt. „Wir machen das aber ‚step by step‘ und sorgen nach und nach für die Verbindung der Radwege“, meinte Delles.

Um den Fahrrad-Tourismus zu fördern seien aber auch noch andere Ideen, wie ein Gepäckkonzept, also der Transport des Reisegepäcks, während der Tourist in die Pedale tritt, wichtig. Ebenso gehören die Unterkünfte unter dem Label „bed & bike“ dazu. Gemeinsam mit dem Fahrradverband LVI wird eine Übersicht der Routen im Land erarbeitet.

Auch beim Wandertourismus, der schon ein luxemburgischer Erfolg ist, müssen die nationalen Wanderwege weiter ausgebaut werden. Hier findet eine Bestandsaufnahme statt, die auch die Gemeinden mit einbezieht. Das Ziel sind mehr zertifizierte Wanderwege und „Traumschleifen“.

Vakanz Doheem & Oeno-Tourismus

Lex Delles will auch mehr Werbung für „Vakanz doheem“ machen. „Luxemburg ist ein tolles Land, das vergessen wir immer“, lautet die Feststellung von Delles. Es sei an der Zeit, Programme für Urlaub zuhause oder Wochenend-Trips im Inland anzubieten. Ein besonderer Anziehungspunkt für Einheimische und Touristen ist der luxemburgische Wein und die Weinlandschaft an der Mosel. Der „Oeno-Tourismus“ ist nicht nur ausbaufähig, er muss ausgebaut werden. Der Gast soll, laut Delles, den Wein „erfahren und erleben“. Für Delles bedeutet Weintourismus auch Weinförderung, was natürlich den mittelständischen Winzern zugutekommt.

Kongress- & Ausstellungstourismus

Der MICE-Tourismus, der vom „Luxembourg Convention Bureau“ (LCB) koordiniert wird, konzentriert sich bis jetzt auf die städtischen Ziele. Es sei an der Zeit, den ländlichen Raum mit einzubinden. Zitat Delles zum LCB: „Eine runde Sache!“ Die Zukunft gehöre den Kongressen, die zur wirtschaftlichen Entwicklung Luxemburgs passen, beispielsweise aus den Bereichen Raumfahrt, Logistik oder Medizin. Ein wichtiges Element ist die Neuaufstellung der Messe, räumlich und inhaltlich, um den Kongress- und Ausstellungstourismus übergreifend zu fördern.

Digitalisierung, Virtual- und Augmented-Reality

Schon die de-facto Vorgängerin von Lex Delles, Staatssekretärin Francine Closener, hatte auf ein Thema gesetzt, das für die Zukunft des luxemburgischen Tourismus unerlässlich ist: die Digitalisierung. Nicht nur auf der rein praktischen Seite für Werbung und Buchung, sondern da, wo Geschichte erlebbar wird. Die Stichworte lauten VR (Virtual reality) oder AR (Augmented Reality). Als Beispiel nannte Minister Delles die Simulation der historischen Burg Vianden. Innerhalb der nächsten Jahre werde eine Tourismus-App entwickelt, die an jedem interessanten Ort in Luxemburg zum Einsatz kommen soll und für den Besucher Geschichte lebendig machen soll.

Abgestimmte Strukturen

Die Professionalisierung des Tourismussektors, etwa durch die Gründung von „Luxembourg for Tourism“, hat Früchte getragen. „Die Strukturen sind jetzt da, man muss sich nun miteinander abstimmen“, so die klare Ansage des Ministers. Die Verbindungen unter den Akteuren müssen stimmen, damit die Informationen dauerhaft fließen können. Schlichter formuliert: „Informationen für alle.“ Der Tourist weiß nicht, wo das Gebiet eines ORT aufhört und das andere anfängt, so Delles. Es darf also in der Tourismusarbeit keine Grenzen im Land geben. Ein Beispiel ist für den Minister das „Centre Mosellan“, das nach langen Jahren endlich real wird. „Dort wird man sich auch um das Hinterland der Mosel kümmern müssen“, lautet Delles‘ klare Ansage.

Ein großes Problem bleibt der Fachkräftemangel im Hotel- und Gastronomiebereich. Wer Fachkräfte haben will, muss sich auch darum bemühen. Für Delles steht fest, dass ein ganzjähriges Hotel bessere Chancen auf gute Mitarbeiter hat, als eines mit langer Winterpause.

KMU: 210.000 Arbeitsplätze

Insgesamt stellt der Mittelstand - die Obergrenze ist im Allgemeinen eine Betriebsgröße von 250 Mitarbeitern - landesweit in 30.000 Betrieben 210.000 Arbeitsplätze. Was Minister Lex Delles zu einer einfachen Erkenntnis bringt: „Luxemburg ist eine Mittelstandsnation“. Dennoch bleibt die Stärkung des Mittelstands weiterhin wichtig, was verlangt, dass beispielsweise Betriebsgründungen administrativ einfacher werden müssen.

Ein besonderes Anliegen ist für Delles die „zweite Chance“. Die Stigmatisierung nach einem beruflichen Scheitern als Unternehmer müsse ein Ende haben. In anderen Staaten macht es nichts, wenn man zwei oder drei Starts als Unternehmer braucht, um den Sprung in die Selbstständigkeit zu schaffen. Die Leute sollen sich trauen, da gehöre das Scheitern dazu. Zu den Aufgaben des Mittelstandsministeriums gehöre es, Kenntnisse in Unternehmensführung, Verwaltung und Organisation als Fortbildung anzubieten.

Digitalisierung ist auch bei den KMU (Klein- und Mittelunternehmen) ein Thema, etwa in Form von Plattformen wie letzshop.lu, Plattformen, die eine Verbindung zwischen Betrieben und Kunden herstellen. Dazu braucht es durchaus staatliche Hilfe. „Wir wollen die Betriebe an der Hand nehmen.“

Übrigens: Start-ups fallen nicht unter Mittelstand, dafür ist das Wirtschaftsministerium zuständig.

Kein Platz fürs Handwerk?

Eine der Herausforderungen ist der Mangel an Grundstücken für Handwerk und Handel. Abhilfe sollen natürlich weitere Gewerbegebiete bringen, dafür bedarf es eines gültigen „plan sectoriel“ für Gewerbe- und Industriegebiete.

Es kann aber auch andere Wege geben. Lex Delles stellt sich eine Datenbank vor, in der alle leerstehenden Hallen und Betriebsgebäude erfasst werden. Zum Nutzen von Verkäufern und Käufern und auch der Gemeinden.

Der frühere Bürgermeister weiß von der Bedeutung des Mittelstands vor Ort. Ohne Handel keine lebendigen Gemeinden. Geschäfte bringen Leben in einen Ort, daher ist die Ansiedlung von Mittelstand auch eine kommunale Aufgabe, so Delles.