LUXEMBURG
SVEN WOHL

Der wohlverdiente Ruhestand eines Auftragsmörders wird in der Netflix-Produktion „Polar“ gestört

Es wäre ein Leichtes, „Polar“ als eine knalligere, vulgärere Variante von „John Wick“ zu bezeichnen. Das würde dem Film aber unrecht tun. Der Action-Streifen mit Mads Mikkelsen in der Hauptrolle bemüht sich, wo es nur geht, eigene Akzente zu setzen. Nur gelingen will das nicht immer. Selbst dort, wo es gelingt, sind die Resultate eher zweifelhafter Natur.

Duncan Vizla (Mads Mikkelsen) steht als Auftragsmörder zwei Wochen vor der Pensionierung. Weil die Auszahlung dieser umfangreichen Pension seinem Arbeitgeber „Damocles“ zu teuer werden würde, entscheidet man sich dort, ihn umzubringen, ehe er den Ruhestand antreten kann. Leichter gesagt als getan, denn Vizla versteckt sich in einem kleinen Dorf in Montana und die absolut unfähigen Auftragsmörder, die auf ihn angesetzt sind, haben redlich Mühe, ihn auszumachen. Wir wissen, dass sie unfähig sind, weil sie in der Eröffnungsszene selbst mit Hilfe eines Scharfschützen insgesamt vier Treffer brauchen, um einen anderen Auftragsmörder zu erledigen. Die Sozialkosten der Auftragsmörder dürften somit das geringste Problem von „Damocles“ darstellen.

Tempo- und motivationslos

Vizlas anfangs amüsante Versuche, ein Hobby für sich zu entdecken, können leider nicht über die größte Schwäche des Filmes hinwegtäuschen: Als Figur ist und bleibt er eindimensional und langweilig. Das liegt auch daran, dass die erste Hälfte der Handlung ihn reichlich passiv aussehen lässt und ihm keinen Entwicklungsbogen gönnt. Der Vizla am Ende des Films ist der gleiche, wie am Ende der zweistündigen Handlung. Stattdessen liegt der Fokus eher auf den Verfolgern, während Vizla eine Beziehung mit einer Frau aus dem Dorf aufbaut, die zumindest in diesem Teil der Handlung ohne Konsequenz oder Bedeutung bleibt.

Der Vergleich mit „John Wick“ drängt sich thematisch auf, allein die Struktur des Keanu Reeves-Actionknüllers ist straffer, durchdachter und tiefgründiger. Dabei sprechen wir von einem Film, wo ein Hundewelpe dran glauben muss, um die Motivation von John Wick zu rechtfertigen. Doch dies wirkt gegenüber „Polar“ bereits reichlich subtil.

Knallig-obszöne Comic-Vulgaritäten

Erst in der zweiten Hälfte nimmt die Netflix-Produktion an Fahrt auf. Bis man in den Genuss einiger solide inszenierter Actionszenen kommt, muss man sich mit guten Landschaftsbildern, einigen hervorragend gewählten Kameraeinstellungen und zweifelhaften, aber immerhin amüsanten schauspielerischen Leistungen der Nebendarsteller über Wasser halten. Allzu langweilig wird es nicht, denn knallig-obszöne Comic-Vulgaritäten werden nicht ausgelassen. Das kann reichlich geschmacklos sein, doch das Oszillieren der Kontraste zwischen der Suche nach Ruhe von Vizlas und der frenetisch-kathartischen Gewaltorgien seiner Verfolger verleiht dem Film eine gehörige Portion Charakter. Es ist konzeptuell so durchdacht, dass man in der Hälfte des Films glaubt, bereits am Ende angekommen zu sein. Oder es sich wünscht, je nach Betrachtungsweise.

Nein, die Länge des Films unterstreicht nicht seine Stärken, sondern legt die Schwächen weiter bloß. Schwaches Pacing, ein lustloses Script und ein Mangel an konzeptueller Stringenz sind zu offensichtlich. 30 Minuten weniger, tiefere Figuren und ein besseres Casting hätten einem unterhaltsameren Streifen gedient.

Schade ist, dass der finale Plottwist die lahme Handlung nicht retten kann, sondern genutzt wird, um einen Nachfolger vorzubereiten. Der unaufgelöste Entwicklungsbogen der Hauptfigur lässt einen hängen - nicht wie ein Cliffhanger, sondern eher wie ein Luftballon, aus dem die Luft mit einer letzten lauten Flatulenz entweicht.

Mikkelsen kann das egal sein, denn die Rolle verlangt nicht viel von ihm ab, abseits einiger trauriger Blicke, die er mit Vanessa Hudgens austauscht. Nicht einmal in puncto Körperlichkeit muss sich Mikkelsen besonders anstrengen. Schon gar nicht im Vergleich mit dem Kollegen Keanu Reeves. Aber er trägt den Film gelassen auf seinen Schultern, was für Fans des Schauspielers sicherlich von Vorteil ist.


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