COLETTE MART

In den letzten Wochen brachten Medien und Gewerkschaften ein soziales Phänomen ans Tageslicht, das uns alle interpellieren sollte. In Europa nimmt die Sklavenarbeit massiv zu, führt zu erschreckenden Lebensbedingungen für die betroffenen Menschen, und hat ebenfalls einen Effekt des Sozialdumpings, weil gute und sichere Arbeitsplätze dadurch auch millionenfach verloren gehen. Vorige Woche organisierten luxemburgische und belgische Gewerkschaften eine Lastwagenblockade, um gegen Sklavenarbeit im Transportsektor zu protestieren. In der Tat verbringen osteuropäische Kraftfahrer 15 Stunden am Tag auf Europas Straßen, und dies manchmal für 300 € im Monat. RTL veröffentlichte eine Reportage über sklavenähnliche Arbeitsbedingungen im Bausektor, und „Die Zeit“ denunzierte vor kurzem die Praktiken von Leiharbeiterfirmen in Deutschland, bei denen Menschen völlig rechtlos sind, und für große Konzerne wie Adidas arbeiten.

Nach Schätzungen der Stiftung Walk Free, die über Menschenhandel forscht, leben weltweit etwa 36 Millionen Menschen unter sklavenähnlichen Bedingungen; eine Bestandaufnahme in 167 Ländern offenbarte, dass Sklaverei überall existiert. Mauretanien und Indien gehören zu den traurigen Spitzenreitern, derweil in Island und Luxemburg relative am wenigsten Sklaven ausgemacht wurden. Luxemburg wird mit hundert Sklaven in dieser Studie erwähnt, gemeinnützige Vereinigungen sprechen bei uns jedoch von weitaus mehr Opfern. Die Zahl der Sklaven in Europa wurde 2014 von Walk Free auf etwa 566000 geschätzt; Frauen und Mädchen arbeiten vielfach in der Zwangsprostitution oder aber als Hausmädchen, ohne Rechte. Es ist davon auszugehen, dass 20% der Arbeitskräfte in der europäischen Landwirtschaft Sklaven sind. Im Bau-und Hotelsektor werden auch zahlreiche Sklaven gezählt.

Dia aktuelle Flüchtlingswelle aus Afrika, die Italien vor große Herausforderungen stellt, führt einerseits zu beispielhaften Bemühungen der Integration und der Menschlichkeit in Sizilien; andererseits werden gerade die illegalen Flüchtlinge auch Opfer des Menschenhandels, da sich viele in den Orangenplantagen wiederfinden, wo sie für Hungerlöhne arbeiten und in armseligen Lagern leben müssen.

Europas Sklaven kommen aus dem Osten, aus den ehemaligen Sowjetrepubliken, oder auch aus Afrika. Es wurde errechnet, dass von 4 Millionen Moldawiern bereits 700.000 ausgewandert sind, weil Moldawien nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zum Armenhaus der Region geworden ist. Viele fielen Menschenhändlern zum Opfer, und wurden bereits als ganz junge Menschen verschleppt, prostituiert, ausgebeutet. Die Öffnung der Grenzen, der freie Verkehr von Arbeitskräften in der EU hat also Auswirkungen, die verheerend sind, und die dazu geführt haben, dass es in Europa hundert tausende von Schattenmenschen gibt, die absolut rechtlos sind, die sich auch lange niemandem anvertrauten, aus Angst, ihre spärliche Existenzgrundlage doch wieder zu verlieren. Mit der Globalisierung der Wirtschaft öffnete sich in Europa wieder die Tür der Sklaverei. Die Sklavenarbeit ist nur ein Aspekt der Tatsache, dass die Schere zwischen arm und reich in der Gesellschaft immer mehr auseinander klafft. Der EU-Binnenmarkt müsste einer humanistischen Prüfung unterzogen werden.