LUXEMBURG
MARA KROTH

Die 1.748 Schüler des Lycée Michel Lucius werden komplett digital unterrichtet

Es ist Dienstagmorgen: Heute ist ein besonders stressiger Tag, denn es stehen mehrere Online-Kurse auf dem Plan. Laura Oé besucht die Abschlussklasse des Lycée Michel Lucius in Luxemburg-Stadt. Spätestens um 8.29 öffnet die 19-Jährige das erste Mal am Tag „Microsoft Teams“. Das „Lycée“ nutzt dieses Programm während der Quarantäne, um weiterhin Unterricht von zuhause aus zu ermöglichen. Dort können Online-Besprechungen per Video-Konferenz und Chat mit mehreren Teilnehmern abgehalten werden.

Jeden Tag um halb neun wird die Anwesenheit der Schüler überprüft. Um 10.00 geht es dann weiter mit Chemie, die Aufgaben sollen bis zum Abend erledigt werden. Danach geht es um 12.00 zur Biologiestunde. Die Hausaufgaben können bis 22.00 hochgeladen werden. „Der Server ist oft überlastet, deswegen wurde die Deadline nach hinten geschoben“, erklärt Laura. Der Unterricht endet mit einer Physik-Doppelstunde von 13.00 bis 15.00. Die Lehrerin zeigt ihre Präsentation auf dem Bildschirm, sodass die Schüler besser folgen können.

Warten auf das Ungewisse

Pascale Petry ist Schulleiterin des Lycée Michel Lucius. „Dass wir ab einem Punkt komplett online unterrichten müssen, war keine Überraschung, nur der Zeitpunkt war ungewiss“, sagt sie. Am 1. März wurde das Lehrpersonal erstmals kontaktiert und gefragt, ob sie bereits mit dem Online-Tool „Microsoft Teams“ vertraut seien. Glücklicherweise hatten alle Klassen der Sekundarstufe bereites mit dem Programm gearbeitet. Seit vergangenem Jahr hatten 60 Lehrer und Lehrerinnen am schulinternen Projekt „Digital Learning“ teilgenommen, auf diese Erfahrungswerten konnte man sich stützen.

Die Klassen des „Primaire“ nutzen derweil das Programm „Seesaw“.

„Wir wussten außerdem von anderen internationalen Schulen in unserem Netzwerk, wie sie mit Remote Learning und Teaching verfahren.“ Petry konnte daher den 1.748 Schülern, und 212 Lehrern sowie den Eltern am 12. März bereits ein ausgearbeitetes Konzept vorlegen. Danach fand zudem eine pädagogische Tagung statt, die die Lehrer fit für Online-Teaching machen sollte.

Die Schüler im Mittelpunkt

Zweimal pro Tag, um 8.30 und 13.15, gibt es ein virtuelles „Check- In“ mit den Klassenlehrern. Diese Stunden werden genutzt, um die Klassengemeinschaft aufrecht zu erhalten, den Austausch zwischen Mitschülern und Lehrer auf einer anderen Ebene zu ermöglichen. Die Anwesenheit wird immerzu überprüft. Wenn Hausaufgaben fehlen, wird bei den Eltern nachgehakt. Bei der Gestaltung des Unterrichts und der Aufgaben müssen die Lehrer differenzierter vorgehen, Aufträge haargenau formulieren. „Generell sehen wir eine Tendenz hin zur Aufgabenorientierung, die Schüler rücken nun in den Vordergrund. Vorher lag der Fokus auf den Lehrern und ihren Anforderungen “, sagt Petry.

Beim Sportunterricht wird auf Theorie verzichtet, die Schüler sollen zuhause fit bleiben und werden zum Teil mit Übungen versorgt. Eine Lehrerin hat zum Beispiel ein Bewegungs- Tagebuch angefordert. Die Schüler sollen dort festhalten, wie aktiv sie sind und wie oft sie sich am Tag bewegen.

Nicht nur das physische, sondern auch besonders das psychische Wohlbefinden der Schüler rückt in dieser außergewöhnlichen Zeit in den Fokus. Die Schüler werden dazu angehalten, zuhause zu meditieren, um auf positive Gedanken zu kommen. Angebote zur geführten Meditation zum Stressabbau und vor Prüfungen gab es schon vor der Coronakrise.

Außerdem hat der interne Service „SPOES“ (Service de Psychologie et d‘Orientation, d’Education et d’Assistance sociale et scolaire) immer ein offenes Ohr für die Schüler. „Wenn es mir jetzt schlecht ginge, wüsste ich, dass ich mich an den SPOES wenden könnte“, sagt Laura.

Aus der Not eine Tugend machen

Und wie zufrieden sind Schüler und Lehrer mit dem Online-Teaching? Bis jetzt gibt es überwiegend positives Feedback. Natürlich hatten einige in der ersten Woche technische Startschwierigkeiten. Aber die konnten durch den Helpdesk der Schule schnell behoben werden.

„Krisenmomente sind auch immer Momente der Innovation.“ Die Schulleiterin ist optimistisch. „Wenn wir es schaffen, dass standardisierte Bewertung und Punktesysteme in den Hintergrund rücken und Rückmeldung für Schüler qualitativer gestaltet wird, dann war diese Krise gut für unsere Schulentwicklung.“

Der Schülerin Laura ist mit dem sauberen Übergang zum Remote Learning sehr zufrieden. Von Freundinnen an anderen Schulen weiß sie, dass digitales Lernen nicht überall einwandfrei funktioniert.