PASCAL STEINWACHS

Derweil die Menschen hierzulande, wie auch in unseren Nachbarländern, die Supermärkte leer kaufen, um sich mit Toilettenpapier, Nudeln, Reis und anderen Esswaren und Hygieneartikeln einzudecken, die sie in derartigen Mengen unmöglich jemals verbrauchen können – Premierminister Xavier Bettel ironisierte in diesem Zusammenhang auf einer vorgestrigen Pressekonferenz, dass dies nicht der Moment sei, um sich zu Hause eine eigene Zweigstelle eines Supermarkts anzulegen - , müssen die Menschen in den Flüchtlingslagern in Griechenland und anderswo stundenlang für eine Ration Wasser anstehen.

Während die Leute momentan also überall dazu aufgefordert werden – und das ist auch richtig so und mehr als notwendig – sich regelmäßig die Hände zu waschen und zwei Meter Abstand zu anderen Leuten zu halten, werden in Flüchtlingscamps wie Moria auf Lesbos, wo eigentlich nur Platz für 3.000 Leute ist, 25.000 Menschen unter katastrophalen hygienischen Bedingungen zusammengepfercht. Keiner hat hier eine Chance, sich vor dem Virus zu schützen, von vernünftigen Quarantäne-Möglichkeiten gar nicht zu reden. Die Corona-Pandemie wird dort, wenn sie denn ausbricht, aber das dürfte bei der Geschwindigkeit, mit der sie momentan insbesondere in Europa wütet, nur eine Frage der Zeit sein, die sowieso schon Schwächsten der Schwachen treffen, und dann wird es dort zu einem Massensterben kommen, ist es in einem derartigen Lager doch fast unmöglich, die Ansteckungsketten zu unterbrechen. Aus diesem Grund wurde dann auch jetzt auf der Kampagnenplattform „change.org“ eine Petition lanciert, in der die EU und deren Mitgliedstaaten dazu aufgefordert werden, die überfüllten Lager zu evakuieren, um die Menschen an Orte zu bringen, wo die nötigen Quarantäne- und Schutzmaßnahmen auch umgesetzt werden könnten. Vor allem aber wird sich hier dafür ausgesprochen, den Menschen Zugang zu Asylverfahren zu geben, die momentan ja ausgesetzt sind. Besorgniserregend ist die Situation aber auch an der Grenze zwischen Griechenland und der Türkei, wo das Risiko, sich mit Covid-19 anzustecken, ebenfalls sehr hoch ist, hausen die Menschen dort doch völlig verstreut und gibt es hier kein fließendes Wasser zum Hände waschen.

Dramatische Auswirkungen hätte ein Ausbruch des Coronavirus aber auch in der Region um die syrische Stadt Idlib – offiziell wurde noch kein Corona-Fall aus Syrien gemeldet - , wo die Kliniken zerstört wurden und die Gesundheitsversorgung brach liegt. Die Weltgesundheitsorganisation versucht jetzt, Corona-Tests in die Region zu bringen. Ähnlich schutzlos dürften sich im Moment aber auch die obdachlosen Menschen in Europa fühlen, die sich, genauso wie die Leute in den Flüchtlingslagern oder in Kriegsgebieten, ebenfalls nicht in ihre eigenen vier Wände zurückziehen können. Wie heißt es doch so schön in der gerade erwähnten Petition: „Die Corona-Krise lässt das Leid von Schutzsuchenden, die Gewalt und die humanitäre Katastrophe in den Hintergrund treten. Die Zivilgesellschaft wird zeigen, dass wir aus dieser Krise gestärkt hervorgehen, wenn wir niemanden zurücklassen“. Es bleibt zu befürchten, dass dies nur ein frommer Wunsch ist, denn wie es zum jetzigen Zeitpunkt aussieht – und die Hamsterkäufe lassen Schlimmes befürchten - wird dieses Problem gerade heftig verdrängt - bis es zu spät ist...