Mein Magen dreht sich. In fünf Minuten beginnt der außergewöhnlichste Auftritt, den ich je erleben werde. Straffällige oder schwererziehbare Jungs kommen auf die Bühne der Kapelle des „Centre socio-éducatif de l’Etat“ in Dreiborn. Sie fangen an zu Rappen. Das Publikum, das aus inhaftierten Jugendlichen und Sozialarbeitern besteht, lässt sich sofort von den Beats mitreißen. Die jungen Männer performen aus ihrer Seele heraus und sehen recht glücklich aus. So hatte ich sie mir nicht vorgestellt. Ehrlich gesagt hatte ich etwas Angst, überhaupt hierherzukommen, in den Knast der Jugendlichen. Ich bin positiv überrascht. Die „Fondation EME - Écouter pour Mieux s’ Entendre“ der Philharmonie hat dieses Konzert der etwas besonderen Art organisiert. Zusammen mit der Band „The Läb“ haben die Jungs aus Dreiborn eigene Songs geschrieben und sogar aufgenommen. Ich unterhalte mich nach dem gelungenen Konzert mit einem von ihnen in Gegenwart von Aufsehern; allein darf ich nicht mit ihm sein.
Warum bist Du hier?
David R. Ich habe viel Blödsinn gemacht, bin auf die schiefe Bahn geraten und lebe jetzt seit einigen Monaten hier.
Wie ist das Leben hier in der Anstalt?
David R. Naja, es ist kein Hotel. Mir fehlt meine Privatsphäre. Aber es ist kein Gefängnis. Viele glauben, wir seien hier eingesperrt. Das stimmt nicht. Abends werden die Türen zwar geschlossen, tagsüber können wir uns aber frei bewegen.
Warum hast Du bei dem Projekt mitgemacht?
David R. Ich liebe Musik. Ich kannte „The Läb“ und wollte diese Gelegenheit nicht verstreichen lassen, das Rappen auszuprobieren. Es hat mir super viel Spaß gemacht. Ich konnte mir so endlich das von der Seele reden, was ich schon immer aussprechen wollte, aber wozu ich mich nie traute.
Was war das Schwerste daran?
David R. Immer bei den Proben dabei zu sein. Besonders, wenn schönes Wetter herrschte, verspürte ich oft mehr Lust, einfach draußen zu bleiben, anstatt zu proben.
Worüber handeln Deine Texte?
David R. Über meine eine schwere Kindheit und die schiefe Bahn. Ich bin in Kreise geraten, in die ich nie geraten wollte. Ich habe Sachen erlebt, die ich nie erleben wollte. Alles ist schief gelaufen.
Hilft die Musik Dir?
David R. Ja. Durch die Lieder kann ich die ganze verdammte Scheiße verarbeiten. Es wirkt wie eine Therapie. Ich sehe, dass ich etwas kann, dass ich ein Talent besitze und nicht nur krumme Dinge drehen kann. Ich bin stolz auf unsere Lieder, wenn ich sie mir anhöre. Das gibt mir Kraft. Ich kann anderen zeigen, dass auch etwas Positives in mir steckt.
Wirst Du weiter Musik machen?
David R. Ich weiß es nicht, vielleicht. Die Musik hat mir auf jeden Fall gezeigt, dass es noch andere Dinge gibt, dass ich noch viel entdecken kann.
Wie stellst Du Dir Deine Zukunft vor?
David R. Ich will unbedingt so schnell wie möglich, hier wegkommen. Ich möchte nicht mehr zu meiner Gang zurückkehren. Das wird jedoch sehr schwierig, weil ihre Mitglieder meine Familie sind. Aber ich weiß, dass ich einen anderen Weg einschlagen muss.



