MONT ST. MICHEL
HELMUT WYRWICH

Bridgestone schließt im Norden Frankreichs eine Fabrik - Und sorgt für Entrüstung

In der nordfranzösischen Kleinstadt Béthune schließt der japanische Reifenhersteller Bridgestone eine Fabrik. Seine 863 Arbeiter riskieren die Arbeitslosigkeit. Die französische Politik schreit auf; ist in Wirklichkeit aber machtlos. Wirtschaftsminister Bruno le Maire ist wütend.  „Revoltierend, unannehmbar“, nennt er die Entscheidung  von Bridgestone, die Fabrik in der 25.000 Einwohner-Stadt zu schließen.

Von „geplantem Mord“ spricht der Präsident der Region, Xavier Bertrand und von einem „Hammerschlag“. Die politische Wut ist verständlich. Bruno le Maire hat bei seinem letzten Japan-Besuch noch mit Bridgestone über die Fabrik in Frankreich gesprochen. Es gab beruhigende Antworten. Und jetzt? Das Aus.

„Kalkulierter Mord“

Es kommt allerdings so unvorhergesehen nicht. Bridgestone hat seit langem die Fabrik zurückgefahren. Von einst 2.200 Mitarbeitern blieben noch 863. In Polen hat der weltgrößte Hersteller von Reifen eine neue Fabrik gebaut. Hier werden größere Reifen hergestellt, jene, die die SUVs benötigen. In Béthune sind die „kleinen“ Reifen für Kleinwagen geblieben. Investitionen hat Bridgestone in Bethune zurückgefahren. Das waren Zeichen, die in der Region nicht übersehen worden waren. Was aber jetzt an Äußerungen fällt, ist erstaunlich. Nach der Einschätzung des „kalkulierten Mordes“ kündigt der Präsident der Region dem Unternehmen geradezu den Krieg an. Wenn Bridgestone die Fabrik nicht weiterführe, dann würde ihre Schließung so teuer, dass man sich in Japan gewünscht haben würde, dort doch weiter Reifen zu produzieren, kündigt Xavier Bertrand juristische Auseinandersetzungen an, die Jahre dauern werden.

Die lautstarken Äußerungen haben ihre Gründe: Der Präsident der Region „Hauts de France“ hat viel getan für die Dynamisierung seiner Region, die wie Lothringen unter einem Zusammenbruch gleich mehrerer Industrien gelitten hat. Der Bergbau verschwand und hinterließ seine großen Abraumkegel, die die Landschaft heute prägen. Einer der letzten verbleibenden Stahlstandorte wurde gerade erst durch Liberty Steel durch eine Verbindung mit der Schienen-Walzstraße im lothringischen Hayange gerettet. Um den dauerhaften Verbleib einer Automobilfabrik in Maubeuge kämpft er noch und auch die Textilindustrie, die einst der Stolz Frankreichs war, ist nur noch in Ansätzen vorhanden. Xavier Bertrand hat der Region dennoch in kurzer Zeit durch viele soziale und wirtschaftliche Aktionen wieder eine Perspektive gegeben.

Außerdem hat er eine persönliche Perspektive, die er sich nicht verderben lassen will. Im bürgerlichen Lager gilt er als einer der möglichen Kandidaten, die im Präsidentschaftswahlkampf 2021 gegen Emmanuel Macron antreten könnten. Da passt die Schließung einer Fabrik mit über 800 Arbeitslosen und mit derselben Zahl indirekter Arbeitsplätze nicht ins Konzept.

Die starken Worte von Xavier Bertrand sind Ausdruck einer Ohnmacht, die der frühere sozialistische Premierminister Lionel Jospin so ausdrückte: „Der Staat kann nicht alles“. Die Hochöfen von ArcelorMittal in Hayange wurden stillgelegt trotz staatlicher Intervention und der Drohung der Nationalisierung. Ford schloss seine Fabrik in Bordeaux trotz des Pariser Vetos. In Amiens schloss Whirlpool ebenfalls in einem landesweit beachteten Machtkampf seine Fabrik und verlagerte die Produktion nach Polen. Der Verkauf der Alstom-Turbinensparte an General Electric gegen den Willen des damaligen Wirtschaftsministers Arnaud Montebourg entwickelt sich zu der von ihm vorausgesagten Katastrophe.

Frankreich ist nicht glücklich mit seiner Industrie. Frankreich arbeitet seit der sozialistisch-kommunistisch geprägten ersten Amtszeit des Präsidenten François Mitterrand in den 1980er Jahren gegen seine Industrie. Frankreich hat sich seitdem zu einem Land des Tourismus und der Dienstleistung entwickelt. Die Coronavirus-Krise hat Frankreich seine Abhängigkeiten von der Produktion in Asien gezeigt. Seitdem kämpft das Land um jede Fabrik, verlangt von seinen Großkonzernen die Relokalisierung von Produktionen ins Heimatland. Die französische Industrie hat die Jahre der niedrigen Zinsen zum weltweiten Einkauf von Unternehmen genutzt. Der Gashersteller Air Liquide verdient die Mehrheit seiner Dividende in den USA und plant in Kanada eine der größten Elektrolyse-Anlagen der Welt zur Herstellung von Wasserstoff. Die Entscheidung eines weltweit tätigen Konzerns, die Produktion nach Polen zu verlagern, wird als Affront empfunden. Polen ist Mitglied der Europäischen Union. In Frankreich aber werden Verlagerungen von Produktionen vor allem in osteuropäische Länder der Union als „Delokalisierung“ verunglimpft.

Die französische Politik täuscht damit darüber hinweg, dass sie im europäischen Rahmen mit hohen Sozialkosten, mit einer umständlichen und fordernden Verwaltung, mit Gewerkschaften, die auf Konfrontation gepolt sind, mit einem justiziarisierten Geschäftsleben, mit hohen Steuern und dauerhaft politischen Ansprüchen an die Wirtschaft nicht unwesentliche Nachteile anhäuft.

Die virulente Reaktion der französischen Politik erklärt sich aus einer rein französischen Nabelschau, die die internationale Verflechtung des Landes nicht zur Kenntnis nehmen will. Und: Aus ihr spricht die Furcht vor dem, was noch kommen könnte. Im Frühjahr 2020 hat Frankreich 700.000 Arbeitsplätze verloren. Renault hat nun den Abbau 4.500 Arbeitsplätzen in Frankreich angekündigt, Air France etwa 7.000. Der Rhythmus der angekündigten Sozialpläne wird schneller. Es sind derzeit gut 50 Prozent mehr als im Vorjahr, rechnet die Wirtschaftszeitung „Les Echos“ vor.

Hoffnung vermitteln

Wirtschaftsminister Bruno le Maire will nun Hoffnung vermitteln. Man wolle den Standort aufforsten, andere Unternehmen ansiedeln, neue Arbeitsplätze schaffen. Die Bridgestone-Arbeiter aber haben Angst um ihre soziale Zukunft, um ihren Hausbesitz, um die Zukunft ihrer Kinder. Sie haben die Sorge, wovon sie leben sollen, wenn „ihre“ Fabrik aschließt. Denn sie sind Industrie-Arbeiter. Sie wissen, dass man Ersatzindustrien nicht aus dem Hut zaubert.