CORDELIA CHATON

Kaum einer glaubt, dass die Europäische Zentralbank (EZB) die Leitzinsen rasch anheben wird. Und so ziemlich jeder ist überzeugt, dass die Staaten weltweit weitaus stärker verschuldet sind als die Unternehmen. Während das erstere zutrifft, ist die zweite Annahme falsch. Und beide haben eine Menge miteinander zu tun.

Fakt ist: Seit der Finanzkrise 2008/ 2009 steigt die Verschuldung der Unternehmen - und zwar weltweit. Der Internationale Währungsfonds hat in einem Mitte Oktober erschienenen Bericht über die finanzielle Stabilität darauf hingewiesen: „Im Falle einer Verlangsamung des Wirtschaftswachstums würden sich im schlimmsten Fall 40 Prozent der Unternehmensschulden der acht größten Volkswirtschaften - rund 17.000 Milliarden Euro - als nicht rückzahlbar erweisen.“ Dabei geht es also um mehr als bei der letzten Finanzkrise. Und es ist ein offenes Geheimnis, dass die Wirtschaft immer langsamer dreht und der Zins nicht noch tiefer gelegt werden kann, um sie anzukurbeln.

Tatsächlich ist es eigentlich nicht die Aufgabe der EZB, die Wirtschaft anzukurbeln, sondern die Inflation in Schach zu halten. Dafür hat sie nur sehr wenig Mittel zur Auswahl. Das wichtigste Instrument ist der Zins. Da dieser in der Vergangenheit immer tiefer sank, hatten erstmals auch kleine und mittlere Unternehmen die Möglichkeit, am Kapitalmarkt zu Krediten zu kommen, die ihnen vorher verwehrt gewesen sind. So konnten sie auch risikoreiche Operationen finanzieren. Tatsächlich geht die OECD davon aus, dass der Anteil von Schulden mit einem BBB-Rating von 30 Prozent im Jahr 2008 auf 54 Prozent in diesem Jahr gestiegen ist. Das beste Rating ist AAA. Je schlechter das Rating, desto höher das Risiko eines Ausfalls.

Besonders heftig ist die Verschuldung in China. Das Reich der Mitte kämpft mit den Sanktionen der USA. Aber auch in der Türkei sind viele Unternehmen stark überschuldet. Das kann teuer werden, wie das Beispiel WeWork zeigt. Die Schuldscheine des gebeutelten US-Unternehmens sind nur noch mit einer Rendite von über 13 Prozent absetzbar. Die Asiatische Entwicklungsbank warnt bereits: Die Schulden bedrohen die weltweite Stabilität des Finanzsystems, vor allem im jetzigen Umfeld, in dem das Risiko externer Schocks hoch ist.“

In der EU kämpfen viele Banken noch mit Altlasten, Krediten, von denen sie nie einen Pfennig sehen werden. Rund 636 Milliarden Euro an faulen Krediten schlummern noch in den Büchern. Es könnten mehr werden. Allein in Portugal sollen 15 Prozent der Unternehmen „Zombies“ sein, Unternehmen, die sich viel zu stark verschuldet haben. Auch in Spanien und Italien sieht es schlecht aus.

Europa hat sich von der letzten Krise noch nicht ganz erholt. Die Finanzplätze hier - auch Luxemburg - verlieren international an Attraktivität. Eine neue Blase ist das letzte, was die EU brauchen kann. Denn das gibt vor allem populistischen Kräften Auftrieb.

Der niedrige Zins, der zum Wachstumsförderer werden sollte, wird auf lange Sicht zur Bedrohung durch die Hintertür, zur stillen Falle.