LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Paul Wurth galt als ein innovationsfreudiger und weitsichtiger Mann. 1895 war er der erste Luxemburger, der ein hierzulande immatrikuliertes Auto fuhr. 1906 gründete der Ingenieur den Automobil-Club. Und 1918 hatte er die Idee zur „Fédération des Industriels Luxembourgeois“ (FEDIL). Damals war es eine Reaktion auf die chaotischen Nachkriegszustände. Jetzt feiert die FEDIL ihren 100. Geburtstag - und hält immer noch seine Ideen hoch. Was sie nicht ganz so laut sagt ist, dass Wurth damals das Schlimmste verhindern wollte: Nämlich den am 14.12.1918 von der Regierung Reuter ohne vorherige Konsultation ausgerufenen Acht-Stundentag - und das, obwohl damals ein Zwölfstundentag vielerorts die Regel war. Hinzu kamen noch die Nachkriegswirren, bolschewistische Ideen, Versorgungsengpässe und Inflation. Die Industriellen hatten Angst um ihre Zukunft. Und so kam es, dass Wurth Gleichgesinnte am 19. Dezember 1918 zusammenrief und die FEDIL gründete. Dem Gründer des immer noch existierenden Unternehmens Paul Wurth war von Anfang an klar, dass die FEDIL politisch neutral sein musste und möglichst alle Industriellen, unabhängig aus welchem Sektor, unter ihrem Dach vereinen sollte. Das zeugt von seiner Weitsicht, denn diese Grundsätze sind bis heute gültig. Zum ersten Treffen kamen 54 Industrievertreter, von denen zwei Drittel sich sehr angetan von der Idee zeigten. So wurde Wurth der erste FEDIL-Präsident. Schon 1920 erschien das „Écho de l´industrie“, die erste wöchentliche Industriepublikation. Es war zunächst vor allem für das breite Publikum gedacht, ging es doch um Themen wie Arbeitszeiten oder um Produktivitätssteigerung durch Standardisierung. Bald jedoch informierte es Interessierte und erscheint heute noch als Monatsmagazin. Von Anfang an gab es einen engen Austausch mit der Handelskammer, aber auch mit dem Stahlverband. Wer durch die Archive blättert, erlebt ein Stück Zeitgeschichte. Heute ist die FEDIL, die seit 1975 auf Kirchberg im Gebäude der Handelskammer ihre Büros hat, einer der Pfeiler der Wirtschaftsstruktur des Landes. Diese ist weitaus vielfältiger als bei der Gründung. Die Bedeutung des Stahls nahm ab, neue Industrien wie Automobil, Glas, Chemie, Telekommunikation oder Nanotechnologie und Weltraum kamen auf. Die Industrie, die noch bis Mitte der 60er Jahre die meisten Menschen im Land beschäftigte, wurde vom Service-Sektor als größten Arbeitgeber abgelöst und ist auf dem Weg ins digitale Zeitalter. In Fabriken liegt teilweise Parkett und weiße Handschuhe und Kittel haben vielerorts den Blaumann ersetzt. Die FEDIL wirbt neue Mitglieder mit dem Zugang zu Entscheidungsträgern, Networking auf hohem Niveau und Unterstützung durch das FEDIL-Team und das Expertennetzwerk. Heute lauten die Themen ICT, Talentsuche und -anwerbung, Umwelt & Energie, ECOFIN, Industrie 4.0, Forschung und Innovation sowie Arbeitsbeziehungen. Auf politischer Ebene ist die FEDIL ein wichtiger Ansprechpartner für die Kollektivverträge, aber auch für Fragen zur Arbeitszeit oder die Tripartite. Der Jubilar hat viel mit der Öffnung des Landes zu tun - nicht zuletzt, um dem engen Markt zu entkommen. Egal ob es sich um den Zollverein des 19. Jahrhunderts, die Wirtschaftsvereinigung mit Belgien 1921 oder die Vorläuferorganisation der EU handelt. Ihrem selbst gegebenen Motto: FEDIL - „die Stimme der Industrie“ ist der Verband treu geblieben. Bis heute spielt sie immer vorne mit. Längst ist sie zu einem regelmäßig konsultierten, kräftigen Sprachrohr geworden.



„Hilfreicher Verband“: Paul Wurth-CEO Georges Rassel erzählt, was der Interessenverband dem Unternehmen bringt

Die Geschichte von Paul Wurth S.A, ist eng verbunden mit der des Industrieverbandes FEDIL. Immerhin ging die Initiative von Paul Wurth selbst aus. Als das 1870 als „Kesselfabréck“ mit Sitz in Luxemburg gegründete Unternehmen acht Jahre später eines von acht war, die die FEDIL gründete, war die Industrie noch eine andere in einem nach dem Ersten Weltkrieg recht chaotischen Umfeld. Heute ist die Paul Wurth-Gruppe einer der weltweit führenden Maschinen- und Anlagenbauer im Bereich Roheisenerzeugung. Braucht ein Unternehmen mit 1.500 Mitarbeitern in rund 20 Ländern überhaupt noch einen lokalen Verband im kleinen Luxemburg? Was will ein Unternehmen mit über 360 Millionen Euro Umsatz und einem eigenen Inkubator für Start-ups mit der FEDIL? CEO Georges Rassel weiß darauf Antwort. 

Herr Rassel, sind die Gründe für die Mitgliedschaft seit hundert Jahren die gleichen? Die Interessen haben sich mit Sicherheit sehr geändert. Aber damals war die Situation auch anders. Vor hundert Jahren gab es eine Arbeitgeberseite und eine Arbeitnehmerseite, die meisten Industriebetriebe waren jung. Heute ist die Industrie eine ganz andere. Auch das Geschäft hat sich sehr verändert. Jetzt sind in Luxemburg Banken, Fonds und Versicherungen sehr dominant in der Wirtschaft. Die FEDIL ist sehr hilfreich, um deren Vertreter zu treffen, aber auch auf höherem Niveau mit der Politik zu sprechen. Solche Gespräche sind wichtig, um Lösungen zu finden. Eines der Themen, bei denen wir uns weiterentwickeln müssen, ist die Digitalisierung. Aber auch Arbeitsrecht oder Fragen der Produktion sind Themen, bei denen die FEDIL helfen kann. Wir sitzen im Aufsichtsrat der FEDIL, wo wir die Themen mitbestimmen können. Die FEDIL ist auch hilfreich bei der Suche nach Talenten. Bei Initiativen wie „HelloFuture“ oder „Fit4future“ machen auch unsere jungen Ingenieure mit, um unseren Bedarf für Nachwuchs in Zukunft zu sichern. Die FEDIL hilft uns da. Ein weiterer Unterschied: Die FEDIL war früher wichtiger im internationalen Kontext. Heute gibt es Netzwerke und Internet, da hat sich viel geändert.

Welche Rolle spielt die FEDIL für die Zukunft Ihres Unternehmens? Die FEDIL hat es sich zur Aufgabe gestellt, die Darstellung Luxemburgs als „Start-up Nation“ zu fördern. 2016 bereits haben wir den Paul Wurth Incub entwickelt, unseren eigenen Unternehmensinkubator, mit dem Ziel, uns für Ideen von außen zu öffnen. Vor allem auf diesem Gebiet der Innovation sehe ich einen nützlichen Austausch mit der FEDIL. Einerseits kann die FEDIL auf ein internationales Netzwerk zurückgreifen, andererseits können wir, beziehungsweise die uns verbundenen Start-ups über einen spezifischen Call, unser Wissen und unsere Erfahrungen anderen FEDIL-Mitgliedern zur Verfügung stellen. 

Sie sind doch sehr international unterwegs und andere FEDIL-Mitglieder auch... Ja, viele FEDIL-Mitglieder haben weltweit Büros. Die FEDIL rechtfertigt den Standort über Innovation, gute Kontakte zur Politik und den angemessenen Steuerrahmen. Wir haben als Standort das Problem, das wir teuer sind und daher müssen wir sehr kreativ und innovativ sein. Da ist es hilfreich, dass die Netzwerke gut funktionieren, auch wenn es manchmal Überschneidungen gibt; beispielsweise mit der Handelskammer. Aber wir arbeiten hier alle Hand in Hand, um die Arbeitsplätze interessant zu gestalten und die Industrie konkurrenzfähig zu halten.