LUXEMBURG
SAMUEL HAMEN

Auf seiner Welttournee hat das Theaterstück „Just call me God“ in der Philharmonie Halt gemacht

Sicherlich: Wer denn unbedingt wollte, der konnte die Philharmonie am vergangenen Dienstag federnden Schrittes verlassen, mit dem zufriedenen Gefühl, mit „Just call me God“ gerade einer so treffenden wie zeitkritischen Kunstreaktion auf Donald Trump beigewohnt zu haben, einem Gefühl, nach dem wir uns heutzutage ach so sehr sehnen.

Ein solches Fazit aus dem vorgestrigen Musiktheaterabend geht freilich den interpretativen Weg des geringsten Widerstands: Der plappernde, lügnerische und selbstverliebte Diktator Satur Diman Cha, der der fiktiven Republik Circassia vorsteht, wäre dann das dramatische Pendant zu Trump; die NCC-Tv-Journalistin Caroline Thomas, die nach einer missglückten US-Army-Erkundungsmission durch die Palasträumlichkeiten des Diktators in dessen Fänge gerät, würde die verunsicherte westliche Presse repräsentieren; und die vielen Verweise, die sich während der Dialoge zwischen beiden genannten Figuren entspinnen, nähmen demnach exklusiv Bezug auf die manipulativen Praktiken während der letzten Politkampagnen in den USA.

So einfach ist es glücklicherweise nicht. Tatsächlich wäre es ein schwacher, verbohrter und eilfertiger Theaterabend gewesen, hätte sich das Stück unter der Regie von Martin Haselböck und Michael Sturmringer ausschließlich darauf versteift, eine aktualistische Replik auf den neuen US-Präsidenten zu geben. Die 90-minütige Aufführung mit John Malkovich in der Rolle des Satur Diman Cha nimmt sich einer bedeutend größeren Fragestellung an: Wie konstituiert und behauptet sich Macht? Welche medialen, inszenatorischen und diskursiven Mechanismen stecken dahinter? Gerade das Theater eignet sich hierfür besonders, ist dessen Bühne doch immer schon der Schauplatz von Täuschung, Rollenhaftigkeit und Rhetorik gewesen.

Auf der Polit- und Rhetorikbühne

Und Satur Diman Cha, der nach dem Sturz seines Regimes alleine in seinem eigenen privaten Konzertsaal zurückgeblieben ist, fühlt sich bis zuletzt sichtlich wohl auf dieser Bühne. Er bedient meisterhaft alle Rede- und Gestenregister, um zu glänzen und zu blenden. Er weiß haargenau, wann er seinen vermeintlich tollpatschigen englischen Akzent auspacken muss, um im Interview, das er der Journalistin bewilligt, zu überzeugen. Im Gespräch mit Thomas (Sophie von Kessel), die verzweifelt versucht, sich in ihre Presseprofessionalität hineinzuretten, wird er seine Sicht der Dinge darlegen: wieso der Westen verlogen ist, wie man ein Volk beherrscht und wie politische Manipulation funktioniert. Später wird er noch eine donnernde Rede halten, um den westlichen Zuschauer im fiktiven Fernsehen (und im realen Theatersaal), das Fürchten zu lehren. Das funktioniert (leider) beeindruckend gut, ja, die vierte Wand fällt binnen Sekunden - es bedarf nur einiger zeitaktueller Sätze wie
„There will be no gatekeeper at the watchtower“, um den Zuschauer kurz und heftig anzugehen.

Alles in diesem sogartigen Ein-Mann-Stück hat sich um diesen personalen Machtmittelpunkt herum zu arrangieren. Wohl auch deswegen ist das Bühnenbild karg, ja, nebensächlich - schließlich darf nichts vom Despoten ablenken. Nur zur mittig aufgebauten Leinwand wandert der Blick immer wieder: Dort werden Aufnahmen einer Handkamera live übertragen, die mal von Thomas, mal von Cha auf der Bühne bedient wird. Mit diesem nicht mehr gerade neuen Regiekniff will „Just call me God“ die mediale Reproduktion und Perpetuierung von politischen Botschaften zur Darstellung bringen.

Das Publikum als Sympathisant

Der zweite Überlebende der US-Truppe, ein Pfarrer, muss die gesamte Zeit über auf der Orgel Stücke von Johann Sebastian Bach, Richard Wagner, Franz Liszt und Martin Haselböckel spielen, je nachdem, welche suggestiven Klangwelten Cha sich für seine Reden wünscht. Selbst die Musik wird also ihrer hehren Zwecklosigkeit beraubt, um dem medialen Fascho-Spektakel zu Diensten zu sein. Und das Publikum? Wehrt es sich? Müsste es nicht angeekelt sein ob dieser perfiden Einschüchterungs- und Manipulationsrhetorik?

Nichts dergleichen. In den Zuschauerrängen wurde ausladend viel gelacht. Malkovich weiß als abgebrühter und zwischen listig und lustig changierendem Diktator nunmal sehr genau, wie er wann welche Fäden zu ziehen hat. Und das Publikum erbrachte vorgestern den stärksten Beweis für jene These, derer sich diese medien- und machtkritische Inszenierung angenommen hat: Wer die medialen Kanäle und rhetorischen Werkzeuge zu bedienen weiß, der kann jeden auf seine Seite ziehen. So schmunzelt das Publikum zuerst über eine brutale Anekdote, in der Cha erzählt, wie er einen Behinderten hingerichtet hat, nur um kurz danach aufzulachen, wenn Cha verkündet: „The story is not true. I made it up.“ Die Täuschung, das führt „Just call me God“ herausragend vor, hat sich halt überall eingenistet, im Theater, der Politik, den Medien.