NORA SCHLEICH

Wenn es einen Gott gibt, warum lässt er zu, dass unschuldige Menschen sterben? Dass tragische Unglücke, brutale Schicksalsschläge und weitere Katastrophen die unter seinem Schutz stehenden Erdenbürger heimsuchen? Wie kann ein perfektes, omnipotentes Wesen eine Welt schaffen, in der Leid und Übel Bestand haben?

Das Problem der Theodizee, abgeleitet von altgriechisch theós - Gott und dík? - Gerechtigkeit, beschäftigt sich damit, wie das herrschende Übel trotzdem, in Anbetracht eines absolut guten Schöpfers, gerechtfertigt werden kann. Der christliche Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz war zwar nicht der erste, der sich mit diesem Umstand beschäftigte, jedoch gilt sein Lösungsvorschlag bislang als der wohl bekannteste. Leibniz - ich verbitte mir abgedroschene Butterkekswitze - avancierte die Theorie, dass Gott nur die beste aller möglichen Welten für uns wollen kann. Alles andere würde mit seiner Gutmütigkeit und Vollkommenheit in Konflikt stehen. So sind die Übel in unserer Welt notwendig, da das Gute niemals ohne sein Gegenteil zu verwirklichen wäre.

Die Gabe der freien Entscheidung, die Gott den Erdenbürgern verliehen hat, sowie unsere Fehlbarkeit, die uns von Gott unterscheidet, sind für unser Dasein unvermeidliche Faktoren, die aber eben auch Missstände mit sich bringen. Heutzutage ist diese Thematik wenig aktuell, wird belächelt und ist, da immer mehr Menschen sich nicht mehr mit dem Glauben identifizieren können, nahezu gegenstandslos geworden.

Es scheint viel mehr, dass wir nun nicht mehr erklären müssen, warum Gott das irdische Übel zulässt, sondern warum der Mensch selbst, als Schöpfer von unwahrscheinlich performanter Technik, es in Kauf nimmt, dass er dem einhergehend auch Möglichkeiten schafft, die verheerende Folgen für unser aller Dasein haben können.

Wir schöpfen die Technik, um unserer Entfaltung einen vorteilhaften Rahmen zu schaffen, sind dann aber auch implizit für das damit verbundene Übel verantwortlich. Die Gefahren der technischen Kreation sind wohlbekannt; Missbrauch und fehlerhafte Anwendung, oder die unvorstellbaren katastrophalen Folgen der bestehenden Kriegstechnik, all dies könnte sogar das Überleben der Menschheit selbst in Frage stellen. Erschreckend ist zudem, dass technische Instanzen uns das Leben erleichtern sollen, indem sie uns das Denken abnehmen, und ohne Denken, wir wissen es eigentlich alle, fehlt unserer Spezies ihr größter Trumpf.

Müssen wir die Technik anklagen, weil sie trotz aller Potenz zur Erweiterung auch die Einschränkung des menschlichen Lebens zulässt? Oder ist es eher der Mensch, der zur Rechtfertigung gezogen werden muss, da die Technik das realisierte Produkt seiner Idee ist? Das Problem geht sicherlich auf die Verwirklichung dieser Ideen zurück, denn diese ist an problematische Gegebenheiten gebunden: Material, Arbeitskraft, menschliche private Interessen, all dies ist nicht vor Mängel gefeit. Das heißt, alle Technik fußt auf nicht idealen Ausgangsbedingungen, die als Ursache von Fehlern und Leid gelten.

Doch bedürfen wir eben dieser Fehler vielleicht sogar, um uns in einem stets weiterentwickelnden Fortschrittsprozess bewegen zu können? Da wir Technik benötigen, um uns in der heutigen Welt die bestmöglichen Lebensbedingungen des Seins und Werdens setzen zu können, sind die damit einhergehenden Übel also vielleicht eher Mittel zum Zweck, um das stetige Überwinden und Verbessern vorantreiben zu können.

Einen solchen Lösungsansatz hat auch Hans Poser 2011 vorgeschlagen, und dies scheint mir ein ernstzunehmendes Argument für die Frage nach der Rechtfertigung des selbstgeschaffenen Übels darzustellen. Allerdings kann ich diese Idee doch nicht ruhigen Gewissens unterschreiben, lässt die gegenwärtige Situation mich doch zweifeln: Verhelfen die heute bekannten technischen Übel, Atomkraft und Waffentechnik als berüchtigtste Vertreter, wirklich dazu, die menschliche Entwicklung zum Guten voranzutreiben, oder schaufeln wir uns damit blindlings und in aller Fortschrittsnaivität doch das eigene Grab?