AMATRICE
LJ MIT DPA

Wieder bebte die Erde in Italien: Am Montagabend stürzten auf der Insel Ischia Häuser infolge eines Erdstoßes der Stärke 4,0 ein, Menschen sterben. Die Bilder erinnern an die fatale Erdbebenserie, die Mittelitalien vor einem Jahr, am 24. August erschütterte. Dort kommen die Wiederaufbauarbeiten nur langsam voran.

Wenn Nando Bonanni durch das geht, was sein altes Leben war, knirscht und wackelt es unter seinen Füßen. Überall liegen Trümmer, Scherben und Überreste eines Lebens, das es seit einem Jahr nicht mehr gibt. Bonanni geht zügigen Schrittes durch den großen Raum. „Hier, wie ein Bombeneinschlag. Nein, eine Bombe hätte nicht so viel Schaden angerichtet, wie das Erdbeben, alles ist kaputt“, sagt er und deutet in den Raum, in dem Tische und Stühle noch stehen, aber alles von Staub und Trümmern bedeckt ist. In den Wänden und der Decke sind bedrohlich tiefe Risse. Bis um 03.36 am 24. August 2016 war dies ein typisches Restaurant in der italienischen Gemeinde Amatrice. Dann kam ein Erdbeben, das 299 Menschenleben auslöschte und ganze Orte verwüstete. „Mein altes Leben gibt es nicht mehr“, sagt Bonanni.

In der Grenzregion zwischen Latium, Umbrien, den Marken und den Abruzzen wurden mit dem Beben vom 24. August Zehntausende Menschen obdachlos. Der Erdstoß der Stärke 6,0 blieb nicht der einzige in Amatrice und der Umgebung. Seit jenem Tag wackelt es in der bergigen Gegend immer wieder und lässt Häuserruinen vollends einstürzen. Die Menschen sind zermürbt. Viele wollen aber nicht weichen.

„Wo soll ich denn sonst hin? Ich bin 64...“, sagt Bonanni. Das Restaurant führe er in dritter Generation. Er wolle hier auch sterben, so wie seine Eltern. Bonanni wirkt voller Tatendrang, auch wenn das Erdbeben sein Leben zerstört hat. „Früher habe ich mich mit den Kunden unterhalten. Jetzt habe ich nichts mehr zu tun. Ich lege mich tagsüber schlafen, oft fange ich auch an zu weinen.“

Wiederaufbau benötigt Zeit

Er wohnt neben seinem Restaurant zusammen mit seiner Frau in einem Wohnwagen auf 20 Quadratmetern. Daneben hausen seine zwei Kinder mit den fünf Enkeln. Eines der Kinder könne seit dem Erdbeben nachts nicht mehr schlafen. Seine Enkel gäben ihm den Mut zum Weitermachen, sagt Bonanni. Er habe Glück gehabt, aus seiner Familie sei niemand gestorben. Anders bei den Nachbarn und Bekannten: Überall gab es Tote zu beklagen. Nun wartet er auf eine. Bungalow, in den er übergangsweise wohnen kann. 40 Quadratmeter immerhin.

Aber es zieht sich. „Die Politiker? Pah...“, Bonanni macht eine abwertende Geste. Seit einem Jahr wartet er, dass etwas geschieht. Doch die Häuserreste in seiner Umgebung stehen immer noch genau so da wie nach dem Beben. „Seit einem Jahr will ich das Restaurant wiedereröffnen. Sie hatten mir zugesichert, dass das im Juni wieder möglich ist. Ich habe gehofft, wenigstens die Sommersaison dieses Jahr mitzunehmen, ich habe gehofft, dass wenigstens irgendwer kommt.“

Im Zentrum von Amatrice dagegen gehört die „Zona Rossa“, also die Sperrzone, zum Pflicht-Besuchsprogramm von Politikern und Prominenten. Hier schritt Prinz Charles durch die Trümmer, Papst Franziskus betete vor zerstörten Häusern, Trümmertouristen fahren regelmäßig durch den Ort, so dass schon „No Selfie“-Schilder aufgestellt wurden.

Bauexperten erklären, dass so ein Wiederaufbau nicht von heute auf morgen passiere. Wer die meterhohen Schuttberge in Amatrice sieht, kann sich die Sisyphosaufgabe vorstellen. Vor allem wenn der Boden immer wieder bebt. Die Bürokratie, mit der die Regierung verhindern will, dass es zu Korruption und mafiösen Verstrickungen kommt, verzögert den Wiederaufbau weiter.

„Genau so wie vorher“ soll alles werden, wenn nicht noch schöner, betont Amatrices Bürgermeister Sergio Pirozzi. Der kahlköpfige, kettenrauchende Mann, der durch seine Medienpräsenz so etwas wie das Gesicht des Bebens geworden ist, spricht gerne von einer „Schlacht“, einem „Kampf“, den es zu gewinnen gilt. „Das Wegräumen der Trümmer läuft schleppend. Die Trümmer repräsentieren für uns den Schmerz. Ich lebe jeden Tag hier mit anderen Gefühlen. Manchmal ziehe ich aus der Solidarität Kraft, und manchmal werde ich stinkwütend wegen der Verzögerungen“, sagt er. Rund 3.000 Einwohner waren es vor dem Beben, nun sind es einige Hundert. Einige haben bereits einfache Bungalows bezogen. Ob sie jemals wieder in ihre Häuser können, ist ungewiss.

100.000 Tonnen Trümmer fortgeschafft

Es gehe trotz allem vorwärts, meint der Präsident der Region Latium, Nicola Zingaretti. 100.000 Tonnen Trümmer seien fortgeschafft worden. 30 Bungalowdörfer seien errichtet, ein Einkaufszentrum und ein Supermarkt wieder eröffnet worden. Geradezu futuristisch sieht es am Rande des Stadtkerns von Amatrice aus. Dort hat man sich für eine radikale Modernisierung entschieden. Bekannte Architekten haben einen luftigen Holz- und Glasbau hingestellt: In der „Area Food“ sind Restaurants angesiedelt, die es auch schon in der alten Stadt gab. „Das hier ist mein Anti-Depressivum“, sagt Bürgermeister Pirozzi und deutet auf die schicke Anlage, die mit Spenden von Unternehmen aufgebaut wurde.

Bonannis Anti-Depressivum sind seine Tiere. Die Region Latium habe ihm einen schönen Stall aufgebaut, wo er ein paar Hundert Schafe halte. In der Nacht wurde auch ein Lämmchen geboren. Bonanni zieht es an den Beinen hoch: „Schaut!“ Irgendwie geht das Leben doch weiter. 

„Der Wiederaufbau hat noch nicht wirklich begonnen“

Mit dem Zweck, Gelder für den Wiederaufbau in den vom Erdbeben vor einem Jahr getroffenen Regionen zu sammeln, wurde im vergangenen September die asbl „Séisme Italie Centrale“ ins Leben gerufen. Über den Zeitraum eines Jahres hat die Vereinigung etwa 200.000 Euro an Spenden gesammelt, teilt sie schriftlich auf „Journal“-Nachfrage mit. „Wir sind dabei, verschiedene Projekte umzusetzen“, erklärt Antoine Calvisi, Vizepräsident des Komitees der asbl. So sei Anfang Mai dem Bürgermeister der Stadt Cascia in Umbrien ein kleiner Laster gestellt worden, der helfen soll, in den für normale Lkw unzugänglichen Orten die Trümmer zu räumen. Ein zweites Projekt ist die bereits in der Umsetzung befindliche Restaurierung eines Parks in Foce de Montemonaco (Region Marken). Drei weitere Projekte seien in Arquata del Toronto (Marken), Amatrice (Lazio) und in Penne (Abruzzen) geplant. Die Projekte befinden sich demnach in den vier vom Erdbeben getroffenen Regionen (Lazio, Umbrien, Marken, Abruzzen).

„Die Menschen leben heute entweder in kleinen Häusern, Hotels oder zur Miete beziehungsweise bei Verwandten oder Freunden“, sagt Calvisi zur heutigen Lage. Aufgrund der zahlreichen notwendigen Kontrollen und der Wiederherstellung der Straßen habe „der Wiederaufbau noch nicht wirklich begonnen.“ Etwa 30.000 Behausungen seien entweder teilweise oder vollständig unbewohnbar. Von den derzeit geplanten 3.830 geplanten kleinen Häusern (maisonettes), die den Familien eine Rückkehr in ein normales Leben ermöglichen sollen, seien bislang etwa 500 fertiggestellt worden. 

Séisme Italie Centrale asbl

CCP: LU42 1111 7043 3316 0000

Warum Italien nicht aus Erdbeben lernt

„Es ist erschreckend, dass Menschen bei einem Beben dieser Stärke sterben“, sagte Francesco Peduto, Präsident des Nationalen Geologenrates gestern nach dem Erdbeben von der Stärke 4.0, das die Insel Ischia traf und mindestens zwei Menschen das Leben kostete. „Es macht einen ratlos, wie das Schäden und Opfer in unserem Land hinterlassen kann.“ Italien sei extrem verwundbar, aber es werde nicht genug Erdbeben-Vorsorge betrieben. Es gebe viel „Geschwätz“, aber wenig konkrete Taten. Das betrifft Schulen, in denen Kinder lernen sollen, was bei einem Erdbeben zu tun ist. Und das betrifft die Bauweise. Auf der Ferieninsel Ischia könnten auch Bauauflagen missachtet worden sein, legte der Präsident der Vereinigung italienischer Geomorphologen, Gilberto Pambianchi, nahe. In Italien lebten mehr als 21 Millionen Menschen in erdbebengefährdeten Regionen.

„Schlechte Bauweise kann ein Grund sein, aber nicht der einzige“, sagte der Seismologe Frederik Tilmann vom Geoforschungszentrum GFZ in Potsdam zu dem jetzigen Beben. „Uns hat das Ausmaß der Schäden auch überrascht, wir haben noch keine vernünftige Antwort.“ Ein Grund sei, dass das Zentrum des Erdstoßes nicht sehr tief lag.

Ischia ist seit jeher ein gefährdeter Ort. 1883 tötete ein Erdbeben um den auch jetzt betroffenen Ort Casamicciola rund 2.300 Menschen. Die Vulkaninsel liegt ganz in der Nähe der Phlegräischen Felder. Dort brodelt im Erdinneren einer der wenigen „Supervulkane“ der Welt. Im Gegensatz zu dem immer noch aktiven Vesuv, der 79 nach Christus die Gegend in Schutt und Asche legte, sorgen sich Geologen um dieses Pulverfass unter der Erde weit mehr.

Dass das jetzige Beben mit dem „Supervulkan“ zu tun habe, hält Seismologe Tilmann allerdings für weniger wahrscheinlich. Man könne auch nicht sagen, ob dies ein Vorbote für ein schlimmeres Beben sein könnte. „Es wäre jetzt auch kein Grund, eine Reise nach Neapel zu stornieren.“ Um ausbleibende Touristen sorgt man sich jetzt aber auf Ischia, mitten in der Urlaubssaison. Viele Urlauber nutzten noch in der Nacht das Angebot, mit Fähren ans Festland zu fahren. „Einige Touristen haben die Insel in Panik verlassen, aber die Lage ist unter Kontrolle, und es ist nicht so schlimm“, sagte der Bürgermeister der Gemeinde Lacco Ameno, Giacomo Pascale. „Die Insel ist nicht verwüstet.“

Horrende Kosten

Laut einem Bericht des italienischen Zivilschutzes vom vergangenen Februar belaufen sich die Kosten für die materiellen Schäden infolge der Erdstöße in Italien zwischen dem 24. und August 2016 und dem 18. Januar 2017 auf mehr als 23,5 Milliarden Euro - zum Vergleich: Der luxemburgische Staat rechnet für 2017 mit rund 17 Milliarden Euro Einnahmen. Erste Schätzungen der Kosten des Bebens von Amatrice waren auf rund 7,5 Milliarden Euro gekommen. Private Besitztümer wurden insgesamt in Höhe von 13 Milliarden Euro beschädigt, Die Schäden an Infrastrukturen (Straßen, Wasser- und Gasleitungen...) betrugen 2,7 Milliarden Euro, jene an öffentlichen Gebäuden 1,1 Milliarden Euro und jene an Produktionsanlagen (Industrie und Landwirtschaft) 455 Millionen Euro. Schwer zu schätzen ist natürlich der Höhe des Schadens durch unwiederbringlich verloren gegangen Kulturgüter wie historische Bauten. Italien hat Hilfe aus dem EU-Solidaritätsfonds für natürliche Katastrophen beantragt. Die Schadenskosten liegen laut einer Studie der Rückversicherungsgesellschaft Munich Re höher als jene des großen Erdbebens in der Region um L’Aquila 2009 (13,7 Milliarden Euro). Das Erdbeben, das seit 1968 die höchsten Kosten verursachte war jenes von Irpinia (1980): damals soll die Schadenshöhe rund 52 Milliarden Euro betragen haben. 

Italien liegt in einer der erdbebengefährdetsten Regionen der Welt

Stete Bedrohung

Es kann jederzeit passieren: Immer wieder wird Italien von Erdbeben heimgesucht, wie auch am Montagabend wieder, mitten in der touristischen Hochsaison, die Insel Ischia. Zwei Personen kamen bei dem Beben der Stärke 4.0 auf der Richterskala um, das schwere Schäden anrichtete. 40 weitere wurden verletzt. Dass die Helfer drei verschüttete Kinder - elf Jahre, sieben Jahre und sieben Monate - nach vielen Stunden aus den Trümmern befreien konnten, wird als „Wunder von Ischia“ gefeiert.
Für die Bewohner der schönen Insel im Golf von Neapel, die viele Touristen bereits fluchtartig verlassen haben, beginnt nun eine harte Zeit - 2.600 wurden durch das Beben obdachlos. Denn es kann dauern, bis sie wieder ein festes Zuhause finden.
In Amatrice in Zentralitalien, wo vor einem Jahr ein schweres Beben der Stärke sechs auf der Richterskala eine Region verwüstete, die bereits oft von starken Erdstößen betroffen war und es in den darauffolgenden Monaten immer wieder war, leben viele Betroffene bis heute in Hotels, zur Miete oder bei Familie und Freunden, wie die luxemburgische Hilfsorganisation „Séisme Italie Centrale“ gegenüber dem „Journal“ berichtete. Schwierig, sich vorzustellen, wie die Menschen in den betroffenen Regionen mit dieser Angst leben können, dass es jederzeit ein neues Beben geben kann. Zuletzt wurde übrigens am 23. Juli ein Erdstoß von 4,2 auf der Richterskala - also stärker als das Beben in Ischia - in der Region um Amatrice registriert. Zum Glück verursachte es keine weiteren Schäden oder forderte Verletzte. „Es öffnet sich wieder der Abgrund der Angst“, sagte damals die Bürgermeisterin von Borbona der italienischen Nachrichtenagentur Ansa. Immer wieder kommt schnell wieder die Diskussion auf, weshalb selbst bei schwachen Erdstößen manche Häuser umfallen und warum nicht mehr getan wird für die Erdbeben-Vorsorge - so auch gestern. Von effizienteren seismografischen Messdiensten über die Auflagen für die Bauweise in den betroffenen Gebieten, bis zur Organisation und Ausstattung der Hilfsdienste. Der Präsident des Nationalen Geologenrats brachte es gestern in einem Interview auf den Punkt: es gebe „viel Geschwätz“, aber wenig konkrete Taten. In einem Land, das außerdem nicht zu den reichsten in der EU zählt...
Seit Jahrmillionen wird Italien, das mit Griechenland zu den Ländern gehört, in denen die Erde am häufigsten bebt, immer wieder durchgerüttelt. Denn es liegt in einer der tektonisch aktivsten Zonen Europas. Hier schiebt sich die Afrikanische Erdplatte jährlich 2,4 Zentimeter nach Norden, unter die Eurasische Platte. Der Druck, der die Alpen auffaltete, ist natürlich gigantisch. Doch die Lage ist weit komplexer, denn dazwischen gibt es noch so genannte „Mikroplatten“, die mit bewegt werden. An vielen Stellen entstehen also immense Spannungen im Erduntergrund. Wehe, wenn sie sich entladen... Genau vorauszusehen, wann das passiert, ist äußerst komplex.
Erdbeben führen uns auch vor Augen, auf welch instabilem Untergrund wir eigentlich leben. Die Erdkruste ist lediglich zwischen fünf und 70 Kilometern dick, darunter brodelt es über 6.000 Kilometer tief. Und sie bebt dauernd. Allein gestern in der Region Europa-Mittelmeer vielfach nicht nur in Italien, in Griechenland, in der Türkei, in Russland, in Polen und nördlich von Island. Wer mehr darüber erfahren möchte, sollte sich diese Seite ansehen: www.emsc-csem.org  Claude Karger