MONT ST. MICHEL
HELMUT WYRWICH

Die neue Stahlkrise und unerfüllbare Vorstellungen

Die Stahlindustrie Europas ist seit 50 Jahren an Krisen gewöhnt. Stahl ist und bleibt ein zyklisches Produkt, abhängig von Industriezweigen wie dem Bau oder dem Automobil. Jetzt aber steht der Industriezweig, der in Europa fast 300.000 Menschen direkt beschäftigt, vor einem Überlebensproblem. Wenn der deutsche Wirtschaftsminister, der Saarländer Peter Altmaier, nach Duisburg in das Ruhrgebiet kommt, wird er vom Betriebsratsvorsitzenden Tekkin Nasikol empfangen. Nasikol steht für 20.000 Stahlwerker des ThyssenKrupp Konzerns. Direkt neben den Installationen des Ruhrkonzerns stehen die des Luxemburger Weltkonzerns ArcelorMittal, der in Deutschland als zweitgrößter Stahlhersteller etwa 8.000 Menschen beschäftigt.
Peter Altmaier weiß, was die Stahlindustrie in Deutschland bedeutet. Er hat den Konkurs der saarländischen Stahlindustrie erlebt und ihre Wiederauferstehung. Wer, wie Altmaier, oder der Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens, Armin Laschet, aus Stahl-Ländern kommt, erlebt seit gut 50 Jahren die Krisen einer zyklischen Industrie, die einerseits zu ungeahntem technischen Produktionsfortschritt geführt haben, andererseits aber eben auch zur Stilllegung von Hochöfen, die überall in Europa als Denkmäler einer industriellen Vergangenheit mit ihrem Niedergang herumstehen. Das ist in Luxemburg nicht anders, wo Hochöfen als Relikt einer glorreichen Stahl-Vergangenheit in Esch sur Alzette neben der Universität stehen. Dort allerdings steht auch mit einem Elektrostahlwerk die Modernität der Stahlindustrie, die allerdings in der laufenden Stahlkrise nicht vor dem Abbau von über 570 Arbeitsplätzen schützt. Stahlproduktion gilt als schmutzige Industrie, die vor allem das Gas ausstößt, das als Feind einer lebenswerten Umwelt definiert worden ist: Kohlenstoffdioxid (CO2).

Vielfältige Ursachen

Die derzeitige Krise hat mehrfache Ursachen. Die Viruskrise hat in den vergangenen Monaten Basis-Industrien in ganz Europa zum Stillstand gebracht. Die Automobilindustrie produzierte nicht mehr, weil es keine Nachfrage gab. Die Nachfrage befindet sich in einer Phase der Irritation. Selbst wenn die Zukunft nicht mehr den Verbrennermotoren gehört, ist technologisch nicht klar, was die Elektromobilität heutzutage leistet und wohin sie führt. Die Herstellung von Batterien gehört nicht zu den „sauberen“ Herstellungsverfahren, wird aber in der Diskussion um das „saubere“ Auto ausgeblendet. Das „Wasserstoff-Auto“ würde die Langstrecke wieder ermöglichen, ist aber in der Massenherstellung und im günstigen Preis noch nicht vorhanden. Überdies fehlt die Infrastruktur. Bei einer Lebensdauer von zehn Jahren verunsichert die derzeitige Übergangsphase. Nicht anders geht es in der Bauindustrie zu, die nach der Krise noch nicht wieder in ihre frühere Form zurückgefunden hat. Der Auftragsbestand bei ArcelorMittal ist um 15 Prozent zurückgegangen. Das Unternehmen hat quer durch Europa Hochöfen „einschlafen“ lassen. Der Hochofen an sich aber ist ein Problem für die hochwertige Stahlherstellung geworden. In der heutigen Produktionsart wird Stahl in Europa nicht mehr produziert werden können. Denn sowohl die deutsche Bundesregierung als auch die Europäische Kommission verlangen eine Reduzierung von Kohlenstoffdioxid um 50 bis 55 Prozent in längstens 20 Jahren. Hinzu kommen Staubverordnungen, die besonders de Elektrostahlwerke betreffen.
Hinzu kommt die internationale Konkurrenz. Sechs der zehn größten Stahlhersteller in der Welt sind in China beheimatet. Mit den Auflagen der europäischen Stahlhersteller haben chinesische Hersteller nichts zu tun. Ihre Produkte überschwemmen den Weltmarkt. Das Problem: Der Markt nimmt derzeit gerade 1,5 Milliarden Tonnen Stahl auf. Hergestellt werden 2,2 Milliarden. Der europäische Markt leidet unter Importen aus China und Russland, die unter wesentlich laxeren Umweltbestimmungen arbeiten. Betriebsratsvorsitzender Tekkin Nasikol erklärt den beiden Politikern, die zu Besuch bei ThyssenKrupp sind, dass alleine Thyssen um die zehn Milliarden Euro investieren muss, um diese Ziele zu erreichen. Bei dem Weltkonzern ArcelorMittal geht man je nach Zeitraum und anzuwendender Technik von bis zu 250 Milliarden Euro an Investitionen aus.

Neue Verfahren

Was tut die Stahlindustrie, um auch in der Zukunft noch Roheisen schmelzen und Stahl herstellen zu können. In Hamburg, Gent und Dünkirchen werden neue Verfahren erprobt oder alte repariert, etwa indem man versucht, Kohlenstoffdioxid im Boden zu speichern. Ein Verfahren, das in Deutschland verboten, in Frankreich erlaubt ist. Sicher ist, dass die Kohle ausgedient haben wird als Koks und als Kohlenstaub. Die Versuche gehen in Richtung Wasserstoff. Wird Wasserstoff aus Erdgas gewonnen, bleibt ein Rest Kohlenstoffdioxid. „sauber“ wird Wasserstoff, wenn er aus alternativen Energien gewonnen wird. In Hamburg baut ArcelorMittal ein Versuchsstahlwerk, das mit Wasserstoff betrieben werden soll. Wirtschaftsminister Peter Altmaier geht von 30 bis 40 Milliarden notwendiger Investition in den kommenden 20 Jahren aus. Die deutsche Bundesregierung beabsichtigt derzeit allerdings kein Hilfsprogramm. Gleichzeitig haben alle Hersteller in Deutschland das erste Vierteljahr 2020 mit Verlust abgeschlossen. Zusammenschlüsse, Fusionen, Konzentrationen mit den nachfolgenden Reduzierungen der Produktion scheinen angesichts der ungeheuren Kosten, die auf die Stahlindustrie zukommen, unweigerlich zu sein. In der deutschen Stahlindustrie wird seit langem über eine Fusion der Stahlsparten von ThyssenKrupp und Salzgitter spekuliert. Bisher lehnt Salzgitter eine Fusion zur Bildung der Deutschen Stahl AG ab.