LUXEMBURG
PATRICK WELTER

75 Jahre „Oeuvre Nationale de Secours Grande-Duchesse Charlotte“

Rubbellose kennt jeder, ebenso wie die „Loterie nationale“, die in Luxemburg für das „kleine Glück“ verantwortlich ist. Dass dahinter eine soziale Einrichtung von bedeutender Größe steht, ist eher unbekannt.

Einfach formuliert ist die „Loterie national“ ein Teil des „Oeuvre Nationale de Secours Grande-Duchesse Charlotte“, das 1944 zur Unterstützung luxemburgischer Kriegsopfer gegründet wurde. Eigentlich Luxemburgs größte Sozialorganisation. Der Präsident des „Oeuvre“, Pierre Bley meinte gestern auf einer Pressekonferenz, bei der sich das Sozialwerk anlässlich seines 75. Geburtstag noch einmal vorstellte: „Wir sind draußen nicht so richtig bekannt“ – was erstaunlich ist, denn allein im letzten Jahr wurden 21 Millionen Euro an soziale, kulturelle, ökologische und sportliche Einrichtung ausgeschüttet, nicht zu vergessen Einrichtungen oder Verbände, die sich mit der Erinnerungskultur beschäftigen – Stichwort „Memoire“.

Die ursprüngliche Aufgabe der Kriegsopferhilfe ist fast völlig abgeschlossen, es gibt kaum zwanzig Hilfeempfänger in Luxemburg und in Brüssel. Noch in den 1960ern und 1970ern war das anders, da hat das Sozialwerk bis zu 5.000 Rentner unterstützen müssen. Heute gehe es vor allem um die Frage „Wie können wir die Gesellschaft weiterbringen“, formulierte Bley. Die neuen Aufgaben sind seit 2009 gesetzlich definiert.

Der Präsident verwies nicht nur auf die Gründung des „Oeuvre“ an Weihnachten 1945 in London. Er berichtete auch von ersten Initiativen von Auslandsluxemburgern die schon in den Kriegsjahren davor Spendenaktionen für ihr Herkunftsland ins Leben gerufen hatten. 1942 sei dann Großherzogin Charlotte auf eine „Goodwill“-Tour durch die USA gegangen und schon 1941 war in Chicago die „Luxembourg Brotherhood of America“ entstanden. Weitere aktive Fundrising-Organisationen in den USA, Kanada und Brasilien folgten, um vor allem die Flüchtlinge und den luxemburgischen Widerstand zu unterstützen. Bley nannte die Gründung des „ „Oeuvre““ an Weihnachten 1944 auch ein bewusstes Zeichen der Hoffnung, denn wer die immer noch tobende Schlacht in den Ardennen gewinnen würde, war zu diesem Zeitpunkt keineswegs klar.

Zunächst gab es ganz praktische Hilfen durch das „Oeuvre“, wie Decken, Lebensmittel, dazu auch organisatorische Aufgaben, da die luxemburgische Verwaltung noch zerschlagen war. Dabei ging es darum, genau die Menschen zu finden, die dringend Hilfe brauchten, diese konnte vielfältig aussehen, musste aber angemessen sein. Die Frage nach Geld stellte sich erst in zweiter Linie.

Ein Akt der nationalen Solidarität

Das „Oeuvre“ selbst stellte sich die Frage: Wie sollte sich das von der Großherzogin ins Leben gerufene Sozialwerk finanzieren? Um eine Anschubfinanzierung für die aus den Überlegungen geborene „Loterie Nationale“ zu erreichen, bat man, mit Unterstützung der Berufskammern, alle Luxemburger die in den nicht vom Krieg betroffenen Gebieten im Zentrum und im Süden in Lohn und Brot standen, ihre Einkünfte oder ihren Lohn vom 23. Januar 1945 – dem damaligen Nationalfeiertag - an das „Oeuvre“ zu spenden. Der Erfolg war überwältigend. 4,6 Millionen Luxemburger Franken, aufgrund der damaligen Kaufkraft ein staatlicher Betrag, flossen in die Kassen der Lotterie und damit des Sozialwerks. Ein Akt echter nationaler Solidarität.

Heute

Pierre Bley konstatierte angesichts unserer Sozialsysteme etwas Überraschendes. „Es gibt viele Leute, die durch alle Raster fallen; mehr als man denkt.“

Während das „Oeuvre“ – nach Deckung der Kriegsfolgen - seinen finanziellen Mittel für viele Jahre an andere Hilfsorganisationen und Sozialämter verteilt hat, verfolgt es mit einem Teil der Einnahmen, etwa einem Drittel, nun eigene Projekte. Wobei das „Oeuvre“ nicht die Ausführung übernimmt, sondern Projekte ausschreibt oder anstößt, dann nach sorgfältiger Auswahl ein Budget zur Verfügung stellt und es im Nachgang koordiniert, begleitet und kontrolliert. Auch hier heißen die Aufgabenfelder Soziales, Kultur, Sport, Umwelt und Erinnerungskultur.

Das „Oeuvre“ wolle nah an den Menschen sein, meint Bley, „Wir wollen nicht aus dem Elfenbeinturm heraus arbeiten!“

Lëtzebuerger Journal
20 Millionen Euro pro Jahr für gemeinnützige Aufgaben

Das liebe Geld

In den letzten 75 Jahren hat das „Oeuvre Nationale de Secours Grande-Duchesse Charlotte“ insgesamt 400 Millionen Euro an Kriegsopferhilfen und Unterstützung für soziale und gemeinnützige Organisationen ausgezahlt. Wobei diese Zahl den realen Wert nur bedingt wiedergibt, da veränderte Kaufkraft und Inflation nicht einberechnet wurden. Der reale Wert dürfte erheblich höher liegen.
Im letzten Jahr hat das „Oeuvre“ Einnahmen von rund 20 Millionen aus der Nationallotterie gehabt, davon ist mehr als die Hälfte an Sozialämter und den Solidaritätsfonds geflossen. Fünf Millionen gingen an das Rote Kreuz, die Caritas, die „Ligue Médico-Sociale“, die COSL (olympisches Komitee) und „natur&ëmwelt“.
Das letzte Viertel der Einkünfte wurde an direkt vom „Oeuvre“ betreute Projekte (stART-up; mateneen, imPACT, und für Ausbildungen) und für die Einzelfallförderung ausgeschüttet. Letztere beläuft sich auf insgesamt 2,68 Millionen Euro.
An noch lebende Kriegsopfer in Luxemburg und Brüssel wurden 2018 knapp 80.000 Euro ausgezahlt.
Das Sozialwerk, das unter der praktischen Leitung von Emile Lutgen steht, kommt mit knapp zehn hauptamtlichen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen aus. Das Personalaufkommen der Nationallotterie, die übrigens keine rechtlich eigenständige Körperschaft ist, liegt bei 46 Personen.
 „Oeuvre“-Präsident Pierre Bley betonte gegenüber dem „Journal“, dass man die Nationallotterie nicht zu höheren Umsätzen antreiben will. Angesichts der Gefahren der Spielsucht und des niederschwelligen Einstieg ins Glücksspiel wolle man es bei einem Umsatz von 100 Millionen Euro belassen. „Sonst schaffen wir Probleme, deren Folgen wir dann auf der anderen Seite wieder beseitigen müssen,“ meinte Bley.