LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Die Lipsync-App zieht vor allem Teenies an - und wird viel zu schnell gefeiert

Es gibt Fragen, die manche Leute nicht verstehen. „Löst TikTok bald Facebook und Snapchat ab?“, hieß es jüngst auf Internetmagazinseiten. Dabei wissen viele nicht mal, was TikTok ist. Die chinesische App gibt es schon länger, seit 2016. Und seit sie im August 2018 Musical.ly für bis zu eine Milliarde Dollar übernommen hat, ist sie noch bekannter, heißt aber jetzt anders, eben TikTok.

Schlagzeilen hat die 2014 eingeführte App des chinesischen Internetkonzerns Bytedance vor allem wegen der hohen Downloadzahlen gemacht. 150 Millionen Nutzer in genau so vielen Ländern hat TikTok täglich, ganze 500 Millionen im Monat. Damit ist es die führende Kurzvideo-Plattform in Asien, hat sich als die sich am schnellsten ausbreitende mobile App der Welt etabliert und besitzt die größte weltweite Playbackvideo-Community. Aus den USA kommen immerhin 14 Prozent der Nutzer.

TikTok bietet Nutzern Gelegenheit, kurze Videos, in der Regel von bis zu 15 Sekunden einzustellen. Meist handelt es sich um Gesangsdarstellungen; jemand bewegt die Lippen und tut so, als ob zur Musik, die die App zur Verfügung stellt. Geschwindigkeitseinstellungen, Filter, Effekte und Emojis peppen das Video auf Wunsch auf. Manche wollen auch als besonders witzig gelten und machen Grimassen oder peinliche Bewegungen. Die App erlaubt genau wie Facebook das Posten von Kommentaren anderer Nutzer, die für alle einsehbar sind. Da Teenager nicht immer durch guten Geschmack glänzen, können die Kommentare entsprechend böse und sogar verletzend sein. Darüber hinaus können die Videos geteilt und mit Hashtags versehen werden.

TikTok lockt mit wenig Datenschutz und einer einfachen Handhabung: „Mit dem sozialen Netzwerk TikTok kannst du lustige Musikvideos erstellen und mit all deinen Freunden und Followern teilen. Um es zu nutzen, musst du nur ein Konto eröffnen. Dies erfordert nur wenige Sekunden und kann mit Instagram, Facebook oder Google erstellt werden“, heißt es da. Doch in Zeiten, in denen jeder ein Star sein will, gelingt es nicht allen. Auf Youtube gibt es Zusammenstellungen der peinlichsten Videos und jede Menge Youtuber, die sich darüber lustig machen.

Zwar liegt das offizielle Nutzungsalter bei 13 Jahren. Doch das Publikum auf TikTok ist jung, sehr jung. Die Jüngsten, die ihre Lippen zu Liedern bewegen, sind sieben oder acht Jahre alt. Sie versuchen, ihre Idole, erwachsene Sängerinnen nachzumachen. Das wirkt oft befremdlich, weil es nicht kindgerecht ist, vor allem nicht bei den Bewegungen. Gerade bei Mädchen und jungen Frauen ist das Tank Top samt Shorts ein gern genutztes Kleidungsstück. Das führt zu einer gewissen Vereinheitlichung, die der Idee des Individualismus und der Kreativität entgegensteht. Jungs und junge Männer hingegen zeigen besonders gern ihre Bauchmuskeln.

Die App steht in der Kritik, weil sie zu einem Jagdgebiet für Pädophile geworden ist. Das Fargo Police Department in den Vereinigten Staaten warnte Eltern schon davor, dass die App nicht so harmlos ist, wie sie auf den ersten Blick wirkt. Es reicht schon, Kommentare wie „yummie“ oder „contact me under my private account“ zu lesen, um die Absichten zu ahnen. Indonesien sperrte die App daher vorübergehend.

Die Macher versichern, die Plattform solle sicherer werden. So sollen auch die Eltern ihre Kinder besser darin anleiten können, wie sie sich im Internet bewegen. Künftig soll es deshalb ein „Safety Center“ geben, in dem Nutzer nicht nur leichter einstellen können, wer ihre Inhalte sehen darf, sondern auch Tipps an Eltern, die schnell den Überblick verlieren, auf was für Plattformen ihre Kinder sich so tummeln. Videos mit bis zu fünf Minuten Länge und 19 Kategorien von Schönheit über Reise bis Sport sollen die Anwendung erweitern, damit es nicht bei einer reinen Tanz- und Singplattform bleibt. Alex Zhu, Mitgründer von Musical.ly und „Senior Vice President“ von TikTok, will auch eine ältere Zielgruppe ansprechen.