LUXEMBURG
NORA SCHLEICH

Harmonie mit Charles Fourier

Wo Arthur Schopenhauer (1788–1860), bekannter Philosoph der Deutschen Klassik, Triebe und Leidenschaften als Ausgeburten eines immerdrängenden Willens anprangerte, durch den wir uns in Unzufriedenheit und Rastlosigkeit dem Untergang geweiht wiederfinden, steht ihm der französische Philosoph Charles Fourier (1772–1837) als motivierter Optimist gegenüber. Fourier war sich sicher, Leidenschaften sind unsere natürlichen Kräfte, durch die wir uns vervollkommnen können und dank deren ein Leben in einer sich stets weiterentwickelnden, ultimativ harmonischen Gesellschaft möglich wird. Zentrale Hindernisse hierfür sind jedoch Egoismus, Abgrenzung, Einsamkeit, aber auch gesellschaftliche Rigidität, politische Unterdrückung und prüde Heuchelei. 
Ausgangspunkt seiner Reflexion ist die These, dass mit dem Ausleben des individuellen Potenzials der Grundstein für sozialen Fortschritt gelegt wird. Bedingung hierfür ist die größtmögliche persönliche Freiheit, vor allen Dingen: freie Liebe. Dafür bedarf es nicht nur absolute Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern – die Frau ist Gegenpol des Mannes, nicht dessen Sklave! – und unbedingte Toleranz bezüglich Homosexualität und Fetischismus, sondern auch ein Loslösen von Besitzansprüchen in Beziehungen und Erotik.

Indem Fourier somit für die Vergemeinschaftung von Sex argumentiert, ist er keineswegs einer orgiösen Fantasie zum Opfer gefallen. Dieser Argumentationsschritt ist lediglich die beste Illustration dafür, wie aus der Idee der Weiterentwicklung unserer Person anhand unserer Leidenschaften Realität werden soll: nämlich durch die Wechselwirkung mit dem Anderen.

Als Individuen zeichnen wir uns alle durch eigene Talente und Ideen aus, wobei eine unterschiedliche Ausprägung der Fähigkeiten und Gesinnungen dafür verantwortlich ist, dass wir alle in unterschiedlichen kleinen Welten leben, unterschiedlich gut in unterschiedlichen Dingen sind, und demgemäß auch unterschiedlichste Mängel aufweisen. Eines eint uns jedoch alle: Wir leben in einem großen, gemeinsamen Wirkungsraum – der Welt. Es sind unsere Leidenschaften, die es uns erlauben, über Erwartungshaltungen, Zwänge und Determination hinwegzukommen. Sie lassen uns träumen, das Momentane erträglich und das in der Zukunft liegende Ziel näher erscheinen. Lassen wir unseren Leidenschaften freien Lauf, erscheint nichts unmöglich. Lernen wir, die Passionen zu formen und zu bilden, sind wir nicht nur Kreative, sondern Revolutionäre, die ihre freien Fantasien Wirklichkeit verleihen wollen. All dies geht aber nur, so Fourier, wenn wir Zusammenhänge und Verbindungen wahrnehmen, voneinander lernen, uns austauschen und somit die Palette an Möglichkeiten, die wir für die Verwirklichung brauchen, ausweiten. Die Verbindung zum Anderen wird ein Mittel sein, uns zu komplettieren und unsere Leidenschaften anzufeuern. Die Interaktion im sozialen Miteinander mit dem Ausleben unserer Passionen zu kombinieren wird dem „homme du désir“, wie Fourier das Subjekt betitelt, den Schritt zur Harmonie ermöglichen. Die persönliche Freiheit ist es drum, durch die das in uns Treibende mit dem im Anderen Drängenden in den Austausch treten kann, und fernab von starrem Gesetzesrahmen oder heuchlerischem Sittentum den sogenannten kollektiven Aufflug zu Stande bringt. Erst wenn alle Instrumente in einem Orchester den Wechsel zwischen Soli und Tutti beherrschen, kleine Konzerte im Ganzen möglich machen, verschiedene Stimmen und Klänge in einem großen Gebilde an Kombinationen ertönen, dann ist die ganze Leidenschaft in Harmonie wirksam, wie Fourier es beschreibt.

Werden die Leidenschaften jedoch unterdrückt, zerfließt das Individuum in Krankheit, Depression oder Kriminalität, warnt Fourier. Natürlich gibt es auch Leidenschaften, deren Wirkung dem Gegenüber Schaden könnte, deswegen legt Fourier viel Wert auf gemeinschaftliche Bildung, durch die ein harmonisches Miteinander voneinander erlernt werden kann. Dann wird das Vergnügen zur Staatsangelegenheit und in der staatlich gesicherten Harmonie soll die einem jeden innewohnende Kraft respektiert und gefördert werden. In dem Sinne sieht Fourier nicht nur die Vergemeinschaftung der Passionen an, die im Endeffekt dem Etablieren einer gesellschaftlichen Harmonie zuträglich ist, er spricht sich auch für ein universelles Grundeinkommen ein, welches neben einem Recht auf Arbeit auch die Wichtigkeit persönlicher Freiheit und Freizeit zum Ausleben der eigenen Kreativität und Leidenschaft sichert.

Wohl ist Fouriers Harmonie eine frühsozialistische Utopie, ein Schwelgen in solchen Fantasien wirkt aber dennoch anregend, zumal sie nicht nur den sozialistischen Parteien vielleicht vor Augen führen dürften, für was sich ihre Vorreiter beherzt einsetzten, sodass der eine oder andere aus seinem Tiefschlaf erwacht, und in Zukunft davon absieht, Gedankengänge jüngerer Kollegen scharf zu verurteilen. Neue Gedanken und Fantasien bergen nämlich vor allem eines: die Potenz zur Verbesserung. Dieser zu Beginn bereits den Garaus zu machen ist Ursache und tragischerweise auch Konsequenz individueller sowie gesellschaftlicher Unfreiheit und -zufriedenheit.