COLETTE MART

Der sexuelle Missbrauch von Kindern zieht sich durch alle Gesellschaften, Epochen, Länder und Kulturen. Während er in den westlichen Industrienationen eher ein Tabu bleibt, und nur spektakuläre Phänomene wie Misshandlungen in Kinderheimen an die Öffentlichkeit gelangen, nimmt er in Entwicklungsländern Ausmaße an, die uns alle interpellieren müssen, und bei denen man durchaus von einer kollektiven Schuld sprechen kann; denn die Täter und Täterinnen kommen aus allen Ländern der Welt und aus allen Gesellschaftsschichten.

Ein aktuelles Beispiel von Kindesmissbrauch offenbart sich im Krisengebiet Nepal, wo das Erdbeben tausende Familien obdachlos machte. Im Nepal werden jedes Jahr schätzungsweise 15.000 junge Mädchen in Bordelle nach Indien verschleppt, und derzeit durchziehen Menschenhändler die erdbebenbetroffene Region, um Mädchen mit falschen Versprechungen nach Indien zu locken. In einer Reportage des „Luxemburger Wort“ wird sogar berichtet, dass den Mädchen Hormone gespritzt werden, um ihre sexuelle Entwicklung zu beschleunigen. Dem Zynismus sind also keine Grenzen gesetzt, und diese aktuellen Schreckensnachrichten sollten uns daran erinnern, dass vergleichbare Schicksale die nepalesischen Kinder jahraus jahrein trafen, auch vor dem Erdbeben.

Darüber hinaus gibt es im Rahmen aktueller politischer Begebenheiten auch Vergewaltigungen kleiner Mädchen, die mit kriegerischen Auseinandersetzungen in Verbindung zu bringen sind, wie im Ostkongo und im Sudan. So zeigten vorige Woche mehrere Nichtregierungsorganisationen, sowie das Luxemburger Büro des Europaparlamentes in der Neumünsterabtei einen durchaus bewegenden Film über das Wirken des Sacharow-Preisträgers Denis Mukwege, der im Ostkongo vergewaltigten Frauen und kleinen Mädchen hilft. Wie der Film dokumentierte, werden die Opfer nicht nur operiert, sondern es wird ebenfalls versucht, ihnen ein Gefühl der Würde zurückzugeben, da sie über die Vergewaltigung hinaus auch noch den sozialen Ausschluss erleiden. Denis Mukwege musste feststellen, dass er bereits die kleinen Töchter vergewaltigter Frauen operieren muss, da diese ebenfalls, manchmal sogar mehrmals, auch wieder Opfer von Missbrauch, Brutalität und Folter wurden.

Im Kongo, genauso wie im Süden Sudans, stehen die Vergewaltigungen von Frauen und Kindern in direktem Zusammenhang mit dem Kriegsgeschehen, sie sind eine Waffe, um die Menschen zu erniedrigen und den sozialen Zusammenhalt der Familien zu untergraben. Handfeste finanzielle Interessen von internationalen Großkonzernen, sowie ethnische Konflikte bilden den tragischen Hintergrund der Vergewaltigung von Kindern.

Die sexuellen Übergriffe in Kriegsgebieten, die seit Menschengedenken zur Kriegsführung, zur Demonstration von Macht und zur Erniedrigung von Menschen gehören, zeigen, dass wir in vielen Ländern der Welt in der Stunde Null der Zivilisation angekommen sind. Dort, wo der Schutz und der Respekt von Kindern nicht mehr funktionieren, ist Hilfe dringend angesagt, denn hier hat eine Gesellschaft vielleicht schon über Generationen versagt; und dieses Versagen ist in den meisten Fällen auf Armut, Unterentwicklung, oder auch Ausbeutung und Korruption, sowie unglückliche historische Entwicklungen und eine kollektive Schuld zurückzuführen.