ESCH/ALZETTE
PATRICK WELTER

„PRO-SUD“ bewirbt sich um das Label UNESCO-Biosphäre für das alte Minette-Revier

Kaum jemand wird vor vier Jahrzehnten geglaubt haben, dass der Untergang der luxemburgischen Montanindustrie, das Ende der Minen und Hütten, sich eines Tages mal so auszahlen würde, dass sich die „Minette“, das einstige Stahlrevier des Landes zu einer Vorzeigelandschaft entwickeln würde. Zu einer Kulturlandschaft im Wortsinn, also einer Landschaft die durch den Menschen gestaltet wurde und teilweise von der Natur zurückerobert wurde. Die Minette-Landschaft, das Konglomerat aus Zeugen der industriellen Entwicklung, Gebäuden, Maschinen, Stollen und Tagebaugruben die zu wahren biologischen Gärten wurden, ist einmalig. Im wörtlichen Sinne. Industriegeschichte und Natur sind dort eng und untrennbar ineinander verwoben.

Da man bekanntlich mit seinen Pfunden wuchern soll, wagt man jetzt im luxemburgischen Süden unter der Führung des Raumentwicklungssyndikates PRO-SUD den ganz großen Sprung und bewirbt sich bei der UNESCO, der Kulturorganisation der Vereinten Nationen (UN) um den Status eines UNESCO-Biosphärenreservates. Wobei man in den Luxemburg den Begriff „Reservat“ vermeiden will, obwohl er nur die Fläche des UNESCO-Gebietes abgrenzt und keineswegs eine „Käseglocke“ für die Landschaft bedeutet, aber es klingt komisch. Bei PRO-SUD spricht man von UNESCO-Biosphäre oder vom UNESCO-Programm „Man and Biosphere“.

Weltweit nur 680 UNESCO-Biosphären

Die Auszeichnung mit dem UNESCO-Label „Biosphäre“ ist keine Banalität. Weltweit tragen nur etwas mehr als 680 Gebiete dieses Label von höchstem Rang. In einem Umkreis von 200 Kilometern um Luxemburg gibt es nur drei (siehe Kasten), in Deutschland insgesamt 16 und in Belgien keines. Eine UNESCO-Biosphäre ist - banal formuliert - ein touristisches Verkaufsargument erster Güte.

Überall wo das Label bisher verliehen wurde, war der wirtschaftliche Erfolg danach messbar. Allerdings muss man sich vorher mit guten Argumenten bei der UNESCO bewerben, ähnlich wie bei den Weltkulturerbe-Stätten. Obwohl alles dafür spricht, sich mit den elf PRO-SUD-Gemeinden um die Auszeichnung zu bemühen soll die Idee nicht „top down“, also über die Köpfe der Bürger hinweg, umgesetzt werden. Für Roberto Traversini, Präsident des Syndikates und Bürgermeister von Differdingen, ist die frühe Einbeziehung der Bürger aus den elf Gemeinden unabdingbar.

Mit Bürgerbefragungen und Informationsveranstaltungen will man die Einwohner unter der Projektüberschrift „Man and Biosphere“ auf möglichst breiter Basis mit ins Boot holen. Dabei sollen diese nicht nur informiert werden, sondern auch eigene Ideen mit einbringen können.

Es geht nicht nur um Tourismus, sondern auch um die Förderung lokaler Produkte, die Erhaltung der kulturellen und biologischen Vielfalt - ohne sie unverrückbar zu konservieren - und der Schönheit der Natur.

Querschnitt durch die Industriegeschichte

Für Traversini gehört auch die Pflege der eigenen Identität dazu, als der Landstrich, der als erstes von der Einwanderung profitierte und die Grundlage für den Reichtum des Großherzogs legte. Bereits jetzt arbeiten fünf Arbeitsgruppen am Bewerbungsprogramm.

Für die Koordination „Man and Biosphere“ wurde extra eine Mitarbeiterin eingestellt. Die Bewerbung muss im September bei der UNESCO eingereicht werden, eine Antwort wird es im Frühjahr 2020 geben. Das Vorhaben zur UNESCO-Biosphäre zu werden, ergänzt für Roberto Traversini auch das anstehende europäische Kulturjahr „Esch 2022.“ Simone Beck, die Präsidentin der luxemburgischen UNESCO-Kommission, betonte, dass es sich bei einer UNESCO- Biosphäre - anders als zu den Anfängen 1969 - nicht um ein Naturschutzprojekt handelt, sondern um die Würdigung eines besonderen und einmaligen Lebensraums. Für „Man and Biosphere“ in der Minette spreche, dass man hier einen Querschnitt durch die Industriegeschichte erleben könne. Hier fänden sich proto-industrielle und hoch industrielle Spuren genauso wie postindustrielle Entwicklungen. Von Seiten des Ministeriums für Landesplanung wurden dem Syndikat PRO-SUD für „Man and Biosphere“ zunächst 500.000 Euro und dann noch einmal 150.000 Euro bis 2020 bewilligt.

Was ist das?

Unesco Biosphäre

Wie kann in einer konkreten Landschaft nachhaltige Entwicklung gelingen, wie kann man dort Naturschutz und Wirtschaft zusammen bringen? Die UNESCO zeigt dies mit ihren 686 Biosphärenreservaten (deutsche Terminologie) weltweit, Modellregionen und Lernorten für nachhaltige Entwicklung, in 122 Ländern.
Ein Biosphärenreservat erfüllt verschiedene Aufgaben: Es fördert nachhaltige Wirtschaftsformen, Naturschutz, Forschung und Bildung für nachhaltige Entwicklung ebenso wie internationale Kooperation. Ein Biosphärenreservat ist in Zonen unterteilt, in denen unterschiedliche Regeln gelten. Es muss für einen besonderen Naturraum repräsentativ sein - noch wichtiger sind aber die Menschen im Gebiet und ihre möglichst naturschonenden Lebens- und Wirtschaftsformen. Biosphärenreservate stehen für einen Paradigmenwechsel: Naturschutz mit und durch den Menschen. Sie bieten Rahmen für langfristige Nachhaltigkeitsprozesse und halten eine Landschaft somit „lebensfähig“. Sie sind ein Qualitätssiegel für Touristen, sie stehen für neue Einkommens- und Beschäftigungschancen ebenso wie für Identität und Stolz auf eine Region in einem Weltnetz. Sie tragen bei zu internationaler Zusammenarbeit und Frieden. Der Weg zur Anerkennung ist nicht einfach, bringt aber nachweislich große Erfolge.  Quelle: www.unesco.de