MONT ST MICHEL
HELMUT WYRWICH

Automobilhersteller bauen massiv Arbeitskräfte ab

Der europäischen Automobilindustrie geht es nicht gut. In den letzten Zuckungen der ersten Welle der Coronavirus-Krise füllen sich die Parkplätze der Fabriken mit frisch produzierten Wagen. Sie stehen neben denen der noch nicht verkauften des vergangenen Jahres. Die Käufer bleiben aus. Die Hersteller kündigen den Abbau von Arbeitsplätzen – sprich Entlassungen – an. Zulieferer schließen Fabriken. Die Automobilindustrie befindet sich nach der sanitären nun in einer wirtschaftlichen Krise.

„Anpassung von Kapazitäten“ heißt die Devise in der Automobilindustrie. Wo die Prognose für 2020 noch von 90 Millionen produzierten Autos ausging, werden es nach Expertenschätzungen jetzt wohl „nur“ noch 70 Millionen sein. In Deutschland brachen die Verkäufe in den ersten fünf Monaten um 35 Prozent ein, in Frankreich vereinzelt bis 70 Prozent. Die Boston Consulting Group schätzt, dass sich der europäische Markt erst 2024 wieder erholen wird, in den USA 2025, in China allerdings schon 2022. Das Car Institut der Universität Essen/Duisburg, Referenz für den deutschen Markt, geht von einem Verlust von 100.000 der 830.000 Arbeitsplätze in der deutschen Automobilindustrie aus. Durch die Viruskrise entstandene Überkapazitäten beliefen sich auf 1,3 Millionen Wagen, schätzt das Institut. Andere Institute gehen davon aus, dass etwa fünf Automobilfabriken in Europa überflüssig sind, weil die Auslastung nicht mehr gegeben ist.

Renault am härtesten betroffen

Wie wirkt sich diese Krise auf einzelne Hersteller aus? Der bayrische Hersteller BMW kündigte Mitte Mai auf seiner Aktionärsversammlung an, 6.000 der 126.000 Arbeitsplätze abzubauen. Eine geplante neue Fabrik in Ungarn soll zunächst nicht in Angriff genommen werden. Verträge mit einer wöchentlichen Arbeitszeit von 40 Stunden werden vorübergehend auf 35 Stunden gekürzt. Der französische Autobauer Renault ist am härtesten betroffen. Modelle, die am Kunden vorbei geplant wurden, eine Expansionspolitik, die den Konzern schon vor der Krise in Schwierigkeiten stürzte und erstmals seit zehn Jahren Verluste in dreistelliger Millionenhöhe, die nichts mit der Coronakrise zu tun haben wirken sich aus. Renault bezahlte schon 2019 die blindwütige Ausrichtung auf immer mehr Masse, um weltweit der Größte zu werden. Mit fünf Milliarden Euro wird Renault nun vor dem Verschwinden gerettet. Ein weltweites Sanierungsprogramm soll zwei Milliarden Euro einsparen. Global sollen 15.000 der über 100.000 Arbeitsplätze abgebaut werden, davon 4.600 in Frankreich. Von den 14 Fabriken soll bisher nur eine kleine geschlossen werden. In Maubeuge an der belgischen Grenze protestierten die Arbeiter erfolgreich gegen eine Zusammenlegung mit einer anderen Fabrik. Frankreichs Regierung befindet sich einer Falle. „Arbeitsplätze retten“ heißt das Motto. Die Furcht vor Arbeitslosigkeit geht um. Wer nach dem Staat ruft, kann beinahe sicher sein, dass die Schließung einer Fabrik verhindert wird. Ökonomen in Frankreich gehen dennoch von einer Arbeitslosigkeit in Höhe von 12 bis 15 Prozent am Ende des Jahres aus. Der japanische Renault-Partner Nissan geht radikaler vor. Er weist für das abgeschlossene Geschäftsjahr 2019/2020 einen Verlust von umgerechnet 5,7 Milliarden Euro aus. Nissan schließt als Folge die Fabrik in Barcelona.

Konsequenzen bei den Zulieferern

Die Verwüstung bei den Herstellern zeitigt Konsequenzen bei den Zulieferern. ZF Friedrichshafen mit großer Fabrik in Saarbrücken streicht 15.000 Stellen. Der Hersteller von Standheizungen, Eberspächer, verlagert nach Polen. Im württembergischen Esslingen gehen 300 Arbeitsplätze verloren. Erst im Juli, bei den Halbjahreszahlen, wird sich zeigen, wie stark die Branche wirklich betroffen ist. Geschlossene Fabriken mit weiter laufenden Kosten werden Spuren hinterlassen.

Die Automobilbranche leidet unter einer strukturellen Schwäche. Sie hat einen langen Vorlauf bei den Entwicklungszeiten und hohe Fixkosten. Die Produzenten haben daher gelernt, zu kooperieren. Mercedes und BMW arbeiten in Grenzbereichen zusammen. Renault liefert Motoren an andere Unternehmen, sogar Modelle werden gemeinsam gebaut. Der Pickup von Nissan wird bei Mercedes zum X-Modell mit entsprechender Mercedes-Ausstattung. Peugeot bindet Opel ein in die Produktion und Entwicklung. Die Produktionsplattformen werden angepasst. Zukünftig wird sich Opel in Peugeots wiederfinden wie Peugeot im Opel. Bei zwei Herstellern ist die Philosophie ähnlich: Die Marge zählt. Bei Peugeot und Mercedes gibt es auch zukünftig keine Autos zum Schleuderpreis.

Die Reaktionen der Regierungen in Frankreich und in Deutschland auf die sich abzeichnenden Entlassungen sind unterschiedlich. Frankreich versucht mit einem Konjunkturprogramm, das auch Verbrennungsmotoren umfasst, den Abschwung der Industrie zu vermeiden. In Deutschland sind Konjunkturprogramme immer unter skeptischer Beobachtung. Die Philosophie heißt hier: Was jetzt im Konjunkturprogramm als Kauf vorgezogen wird, fehlt später. Dennoch hat die Regierung ein Förderprogramm aufgelegt. Elektroautos sollen großzügig bezuschusst werden. Damit kommt die Regierung Merkel den Grünen entgegen. Durch die Hintertür wird aber dann doch noch der Verbrennungsmotor gefördert: Durch die Hybrid-Version mit Batterie und Benzin oder neuestem Dieselmotor.

Auch die britischen Hersteller Aston Martin und Bentley schreiten zu Restrukturierungen. Bentley hat angekündigt, auf der Basis von Freiwilligkeit auf ein Viertel seiner Mitarbeiter zu verzichten. Der britische Hersteller von Luxuswagen beschäftigt 4.200 Mitarbeiter. Er gehört seit 1998 zum VW-Konzern. Die Restrukturierung geht nicht unmittelbar auf die Virus-Krise zurück, sie habe sie aber beschleunigt, sagt Adrian Hallmark, Vorstandsvorsitzender des Unternehmens. Bentley arbeitet seit zwei Jahren an einer Erneuerung der Modelle. In zwei Jahren soll ein Hybrid-Fahrzeug auf den Markt kommen, 2026 soll es einen vollelektrischen Bentley geben.

Reduzierungen auch bei Aston Martin. Der britische Sportwagenhersteller will sich von 500 Mitarbeitern trennen. Mit der Restrukturierung sollen umgerechnet 42 Millionen Euro jährlich eingespart werden. Die Kosten der Restrukturierung liegen umgerechnet bei 13 Millionen Euro. Das Unternehmen stand Anfang des Jahres vor dem Konkurs, wurde aber durch den kanadischen Milliardär Lawrence Stroll gerettet.

Auch die Händlerkette „Lookers“ will sich von 1.500 Mitarbeitern trennen. Der Hintergrund: Im Mai sanken die Verkäufe um 89 Prozent, auf den tiefsten Wert seit 1952. In Großbritannien wurden im Mai gerade einmal 20.247 Autos neu zugelassen, 163.000 weniger als zur selben Zeit im Vorjahr. wy.