LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Früher war er ein West Coast Boy, dann Banker und Topmanager - jetzt ist der Frühpensionär ein umtriebiger Luxemburger mit einem besonderen Geschmack an Olivenöl

Für Thomas Seale fühlt sich jeder Tag wie ein Samstag an. Denn nach einem stressigen Leben mit 15-Stunden-Tagen ist er jetzt Frührentner. Davor war er 20 lange Jahre Chef der „European Fund Administration“ und somit Chef über rund 500 Mitarbeiter. Aber Seale war weit mehr; ein bekanntes Gesicht des Finanzplatzes, jemand, der Luxemburg nach außen vertrat, auf Wirtschaftsmissionen sprach, in Expertengruppen saß, Politiker beriet. Und was macht er jetzt?

Seale lächelt und stellt die Einkaufstasche beiseite. Er ist sportlich gekleidet und seine 60 Jahre sieht man weder seinem braunem Haar noch seiner schlanken Gestalt an. „Nun“, sagt Seale, „ich will nicht nochmal die gleiche Verantwortung tragen. Mit 60 muss man Möglichkeiten finden, in Form zu bleiben. Darauf will ich mich konzentrieren.“ Also läuft er mit Hund Maggie durch den Wald, macht Yoga, schwimmt, spielt Squash, golft, fährt Ski und surft mit Leidenschaft. Das hat er schon früh angefangen, denn Seale ist ein echter West Coast Boy.

Der Mann mit Geschmack an Europa kommt aus Kalifornien. Er hat in Santa Cruz und Los Angeles studiert, für Sunkist und die „Bank of America“ gejobbt, bevor er 1985 nach Paris kam. Dort beriet er für die Mac Group, aus der später Gemini Consulting wurde, die Lebensmittelindustrie.

Nahrungsmittel haben es ihm bis heute angetan. Seale backt gern sein eigenes Brot. Vor allem aber presst der Amerikaner sein eigenes Öl. Daran ist seine Frau Sophie nicht ganz unschuldig. Die Französin, die er in Schottland an der Universität St. Andrews kennenlernte, wollte irgendwann einen Anlaufpunkt in ihrer Heimat haben. Vor 19 Jahren kauften die Seales ein Haus mit 35 Hektar im für seinen Lavendel berühmten Lubéron in der Provence; nicht zuletzt, weil dort die Sonne so warm scheint wie in Kalifornien. Die ländliche Idylle kannte Sophie Seale aus der Auvergne. Aber Besitz verpflichtet. „Wir merkten bald, dass wir uns um das Land kümmern mussten. Ein Landwirt riet mir zu Olivenbäumen“, erinnert sich der Freizeitbauer.

4.000 Liter Olivenöl

Heute sind aus ein paar Bäumen 3.000 geworden und Seale wäre nicht Seale, wenn er das nicht in ein Unternehmen verwandelt hätte. „Les Templiers de Provence“ produzieren in diesem Jahr 4.000 Liter kalt gepresstes Olivenöl, dazu Honig und den Olivenaufstrich Tapenade. „Wir vermarkten das über unsere Internetseite, aber verkaufen auch an Restaurants und Läden sowie über Verkaufsstellen in Luxemburg wie die Brasserie Guillaume“, erklärt der Senior mit den vielen Projekten. Die Ware in den Designerflaschen hat ihren Preis: Ein halber Liter kostet 14 Euro.

Reisen wird Seale auch. „Ich will nach Neuseeland, da kann ich Surfen“, lächelt er. Aber in Luxemburg wird er bleiben. „Seit 2012 bin ich Luxemburger, ich habe den Sprachentest gemacht“, sagt er nicht ohne Stolz. „ Der mehrsprachige Seale und seine Familie fühlen sich hier wohl. „Ich war in Schottland, der Schweiz, Frankreich, den USA und hier. Hier sind Fremde willkommen“, unterstreicht er. Seine Frau hat ihre Praxis als analytische Psychologin hier, die drei Kinder Daphnée, Zoë und Henry leben zwar in Berlin, Brüssel und Brighton, sehen aber Luxemburg als ihre Heimat an.

Dabei hätte sich Seale das anfangs kaum vorstellen können. In Paris hatte er für die Mac Group gearbeitet und dann bei der Citi Bank angefangen, die ihn bald nach Zürich schickte - und von dort ab 1994 nach Luxemburg, wo der damals ehrgeizige 36-Jährige endlich die Geschäfte führen konnte. „Als meine Frau und ich in Zürich waren, fanden wir es schon sehr ruhig verglichen mit Paris. Aber Luxemburg war der einzige Platz, der Zürich wie Paris wirken ließ!“, erinnert er sich mit einem breiten Lächeln. „Damals haben die Leute Luxemburg mit Liechtenstein verwechselt. In den USA kannte kaum einer Luxemburg.“ Die Seales wollten zwei Jahre bleiben; länger nicht. Aber das Land habe sich sehr verändert, findet der Mann, der in Bereldingen zuhause ist. „Vom kulturellen Standpunkt her ist es viel interessanter. Es passiert mehr bei Musik, Museen, Theater, aber auch in den Medien, Infrastruktur und Architektur. Es ist jetzt wie in der Schweiz.“

Seale weiß besser als viele andere, dass diese Entwicklung mit dem Finanzplatz zusammenhängt. Schließlich war er aktives Mitglied bei der Bankenvereinigung ABBL, saß in der „American Chamber of Commerce of Luxembourg“ (Amcham) im Aufsichtsrat und Finanzkomitee, in Gremien der Finanzaufsicht CSSF und bei Luxflag, war von 2003 bis 2007 Präsident des Fondsverbandes ALFI, Mitglied des Entwicklungskomitees für Luxemburg als Finanzzentrum, CODEPLAFI und nach seinem Job als Citi Bank-Landes-Chef der Mann, der EFA von einem Start-up zu einem Dienstleister für 2.500 Fonds im Wert von 125 Milliarden Euro machte. „Wir sind mit ALFI und Luxembourg for Finance nach Taipeh und Rio gereist, aber wir sollten vielleicht nach Diekirch und Petingen fahren. Denn wenn die Menschen hier die Bedeutung des Finanzplatzes nicht verstehen, kann das gefährlich werden“, sorgt sich der Experte. „Politiker verstehen den Finanzplatz, aber Wähler nicht.“

Wenn Seale in seiner ruhigen Art spricht, den Blick auf den Tisch gerichtet, dann wirkt er fast schüchtern. Bis jene Sätze fallen, die das Lüge strafen. „Ich war der erste Mitarbeiter der EFA, weil sie eine starke, unabhängige Führungspersönlichkeit wollten. Und ich war auch eine gute Wahl, schließlich hatte ich den Job 20 Jahre lang.“ Ein jungenhaftes Grinsen. Der Manager weiß genau, dass er noch fünf Jahre hätte bleiben können. Aber wozu? Wie sich Verantwortung anfühlt, weiß er zur Genüge - und kann auch die Gunst der Stunde schätzen. „Wir hatten Glück damals, denn die Fondsindustrie begann erst 1988 und war zehn Jahre später noch klein. In der Finanzwirtschaft gab es noch mehr Kooperationsgeist, heute dagegen sind viele Banken nur noch Töchter. Aber das Leben geht weiter“, sinniert er.

Teamarbeit ist schwierig

Was er gelernt hat im Job? „Es ist schwer, Teams von Mitarbeitern zu einer guten Zusammenarbeit zu bewegen. Aber wenn man das schafft, ist es super“, sagt er nach kurzem Nachdenken. „In einem Team ist alles vorhanden, damit es nicht funktioniert, vor allem in großen Unternehmen.“ Er hebt den Blick: Ist die Botschaft angekommen? Manche Weggefährten beschreiben ihn als jemand, der ein angenehmer Gesprächspartner ist, aber den sie nicht so gern als Chef hätten. Seale kann das egal sein. Er betrachtet alles mit einem gewissen Abstand. „Luxemburg hat lange unter einem schlechten Image gelitten. Aber viele Dinge wie Mikrofinanz oder Luxflag haben zu einem guten Ruf beigetragen. Und jetzt nennt uns die ‚High-Level Expert Group on Sustainable Finance‘ der EU-Kommission ausdrücklich als Vorbild. Das ist wichtig. Aber wir können da noch viel tun“, meint er.