LUXEMBURG
PATRICK WELTER

„Lëtzebuerger Gemeis“ - Ein Rundgang durch die Gemüsegärtnerei der Familie

Luxemburg soll einen Gemüsemangel haben? Das ist hier kaum zu glauben. Rundum wächst und sprießt es, mal drinnen in den Gewächshäusern, mal draußen frei oder unter Vlies. Der Betrieb der Familie Kirsch steht seit 50 Jahren für genau das, was sein Name aussagt- für „Lëtzebuerger Gemeis“. Gemüse das weitgehend per Direktvermarktung vertrieben wird. Mittwoch und Samstag von 7.00 bis 13.30 auf dem Wochenmarkt auf dem Knuedler, Mittwochnachmittag direkt vom Betriebsgelände auf dem Eicher Feld. Ein Teil der Ernte geht auch an den Lebensmittelgroßhandel „Provençale“ und von dort in die Gastronomie. „Wir sind von der Fläche her sicher nicht die Größten, aber wir haben das vielfältigste Angebot, das macht uns einzigartig“, erklärt uns Claude Kirsch, der den Betrieb vor zehn Jahren übernommen hat. Der Senior, Niki Kirsch, ist nicht nur eines der bekanntesten Gesichter auf dem Wochenmarkt der Hauptstadt, sondern immer noch die Stimme des luxemburgischen Gartenbaus.

Eine kurze Erklärung des Begriffs „Gemüsemangel“: Natürlich mangelt es in Luxemburg nicht an Gemüse, es mangelt an luxemburgischem Gemüse. Einheimische Produkte machen nur zwei Prozent des Marktes aus. Ein großer Teil kommt aus diesem Betrieb.

Ein Herz für Spezialitäten

Gleich zu Beginn unserer Besichtigung geht’s los mit den außergewöhnlichen Angeboten aus dem Hause Kirsch. „Das hier haben früher hundert Betriebe gemacht, heute machen nur noch wir so etwas.“ Es handelt sich um Löwenzahn, der gleichzeitig gelb und grün ist - weil man hier noch den unteren Teil der Pflanze mit viel Handarbeit mit Erde abdeckt. Eine Saisonspezialität, mit einem Volumen von 300 bis 400 kg, die es nur von Anfang April bis Mitte Mai gibt und dann erst wieder im nächsten Jahr. Andere Kulturen kann man dagegen öfter ernten.

Im Gegensatz zu anderen landwirtschaftlichen Betrieben arbeitet Kirsch in der Gemüsegärtnerei nicht mit Saisonkräften, sondern mit vier festangestellten Mitarbeitern. Normalerweise gehört auch ein Auszubildender oder eine Auszubildende dazu gehört. In diesem Jahr fand sich aber niemand für den Frühaufsteherjob.

Gemüse für die Gastronomie ist Terminware, es verlässt um 4.00 den Betriebshof der Familie Kirsch in Richtung Provençale, wird dort um 6.00 angeboten und findet sich um 8.00 in einer guten Restaurantküche wieder. Um 12.00 auf dem Teller.

Unter dem Label „Lëtzebuerger Gemeis“ werden vier Hektar Freigelände und 3.000 Quadratmeter Gewächshäuser bewirtschaftet. Nur ein Gewächshaus besteht aus Glas, die Mehrheit ist mit einer UV-beständigen Noppenfolie abgedeckt. Sie werden in Falle eines Falles nur auf etwa drei Grad geheizt, um Frostschäden zu vermeiden. Neben dem klassischen Gemüse für den Topf sind Gemüsesetzpflanzen eine weitere Spezialität der Familie Kirsch. Hobbygärtner und Gärtnerinnen ziehen diese Setzlinge dann in ihrem Gemüsegarten groß. Aufgrund der „harten“ Haltung in den offenen Gewächshäusern halten diese Pflanzen eventuelle Wetterunbilden deutlich besser aus als andere. Claude Kirsch meint knapp: „Unsere Pflanzen sind robust!“

Bei der Lagerung von Knollengemüse greift man auf altbewährte Mittel zurück. Sellerie, Rote Beete oder Pastinaken werden vor dem Winter in einer so genannten Erdmiete vergraben und dann je nach Bedarf auf dem Markt wieder ausgegraben -. uralte Kulturtechnik.

Aber auch den Gemüsegärtnern macht die plötzliche Kälte, die dem Wein- und Obstbau so zugesetzt hat, Probleme. Es gibt keine Schäden, aber eine deutliche Wachstumsverzögerung. Der erste Freilandsalat sollte eigentlich schon in einer Woche geerntet werden, er wird wohl zwei Wochen länger brauchen. Auch beim Salat setzt man auf eigene Anzüchtungen, so dass man bis zu 25 Ernten im Jahr hat.

Ein Alleinstellungsmerkmal ist das außergewöhnliche breite Angebot von Küchen- und Gewürzkräutern; wohlgemerkt nicht aus dem Tütchen sondern als Pflanze. „Wir haben 50 verschiedene Sorten Kräuter im Angebot“ meint Senior Nikki Kirsch nicht ohne Stolz.

Nützlinge am Werk

Giftspritzen sucht man in den Gewächshäusern vergeblich. Zwar ist nicht von Bio die Rede, aber die Arbeit der Ungeziefervernichtung, vorwiegend „weiße Mücken“, übernehmen Nützlinge wie Raubwanzen.

Etwas unterhalb der Gewächshäuser befindet sich ein Regenwasserbecken mit einem Volumen von 3.000 Kubikmetern, das Wasser von allen Dächern und versiegelten Flächen wird hier aufgefangen und zur Bewässerung der Pflanzen benutzt. In der Mitte des Beckens schwimmt eine Umwälzpumpe, die das Wasser mit Sauerstoff versorgt und vor dem Umkippen schützt.

Experimente

Im einzigen wirklich warmen Gewächshaus zeigt uns dann Claude Kirsch sein Steckenpferd: Chili-Pflanzen, richtige Chilis mit richtigen Scoville-Werten, wie die Maßeinheit für Schärfe genannt wird. Er experimentiert mit verschiedenen Sorten. Welche Sorte gibt Menge, welche gibt Schärfe? Wobei er uns erklärt, dass Chili ein bisschen anspruchsvoll ist und zwei Dinge braucht: Wärme und sehr, sehr regelmäßige Wassergaben. Beides wird er bei Familie Kirsch erhalten.