LUXEMBURG
CLAUDE MÜLLER

Sir Simon Rattle und das London Symphony Orchestra in der Philharmonie

Sicher war Bela Bartok primär kein revolutionärer Erneuerer der mustergültigen Tradition, er konzentrierte sich zeitlebens auf das planvolle Schaffen einer eigenen Tonsprache, die aus den Quellen der Rhythmik und Weisen der universellen Kultur des Balkan und slawischen Ländern schöpft. Aber sein erklärtes Ziel und seine fruchtbaren Bemühungen, die kontrapunktische Erfahrung eines Johann Sebastian Bach, die Logik Beethovens und Debussys Klangexperimente zu fusionieren, dazu sein Drang immer wieder Motive aus der Volksmusik seiner ungarischen Heimat zu verarbeiten, machen den passionierten Folkloreforscher zu einem der originellsten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Und eben all diese Elemente hat Bartok 1937 in einem seiner bedeutendsten und stärksten Werke behandelt, der impressionablen „Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta“.

Komposition mit faszinierendem Klangreichtum

Eine solch abwechslungsreiche konzertante Komposition mit ihrem faszinierenden Klangreichtum so intensiv zu inszenieren, wie wir das am Sonntag in der Philharmonie erleben durften, bedingt einer extrem soliden und feinfühligen Führung, die sämtliche Raffinessen des viersätzigen Meisterwerks in allen Details wirken lässt. Schon beim ersten Satz „Andante tranquillo“ stellten die Londoner Musiker die Qualität des Orchesters, beginnend mit hauchzartem „Pianissimo“, in puncto erregender Kraftentfaltung unter Beweis. Die traumhaft schönen Linien des fugenartig konstruierten Gerüsts bis zur impressionistischen Akkordik und dem rhythmisch exzessiven Finale könnten nicht reiner und ausdrucksstärker interpretiert werden. Leider hielten die noch gestern in der Tagespresse vorgestellten und seit Monaten in den Programmheften abgebildeten charmanten Karikaturen betreffend Störungen seitens des Publikums nicht von den üblichen, hörbar willkürlichen, Hustenanfällen ab.

Nach diesem farbigen, von unzähligen Effekten, rhythmischen ekstatischen Entladungen und klanglich-dynamischen Ausdruckswerten geprägten Meisterwerk fühlte sich die ebenso sorgfältig interpretierte 6. Symphonie des österreichischen Komponisten Anton Bruckner, zumindest in den ersten beiden Sätzen, wie ein gemütlicher, aber genussreicher Sonntagnachmittagsspaziergang an. Nach der einzigen Symphonie des belgischen Wahlparisers César Franck - vor gerade neun Tagen exemplarisch vom OPL ausgelegt - war dies das zweite großorchestrale Werk eines Orgelvirtuosen auf dem Programm der Philharmonie, einer Trilogie, die bereits im März vom Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Mariss Jansons mit Saint-Saëns‘ „Orgelsymphonie“ fortgesetzt wird.

„Er hat keine Ahnung von einer musikalischen Folgerichtigkeit, keine Idee von einem geordneten musikalischen Aufbau“, urteilte Bruckners Zeitgenosse Johannes Brahms einst über Bruckner, aber ob er das vor oder nach dieser etwas aus dem Rahmen fallenden Komposition Bruckners tat, ist ungewiss. Jedenfalls bedarf es schon dem untrüglichen Fingerspitzengefühl eines Individualisten wie Simon Rattle, um aus diesem rund einstündigen Opus mit seinen eher weichen und freundlichen Ansätzen ein spannendes Erlebnis zu machen. Robuster und aggressiver als gewohnt führten uns die acht Kontrabassisten mit dem markanten Hauptthema, das episodisch mit den Gegenstimmen der Bläser und dem rhythmischen Hintergrund der Streicher dahinzieht, in die farbige Entwicklung der vom kraftvollen Orchester kontrastreich, vielleicht etwas zu friedlich angestimmten Tuttis ein. Große Kunst ist es, den manchmal langatmigen Motiven eine luftige, zeitweise sogar filigrane Leichtigkeit abzugewinnen und damit den oft eintönigen Momenten der manchmal schwerfälligen Strukturen etwas Lebendiges einzuhauchen. Rattle gleicht gekonnt das Fehlen der Monumentalität und des Pathetischen der anderen Symphonien Bruckners durch seine bescheidene Dramatik aus.

Eine Herausforderung für die Musiker

Bei der 6. Symphonie ist das Frage-Antwortspiel in allen Sätzen dominant, eine immer wieder anspornende Herausforderung sowohl für Blech- und Holzbläser wie für die Streichergruppen, die von dem gewaltigen Klangkörper, immer ideologisch unter der diskreten Kontrolle des Maestros in der spannenden Aufführung meisterhaft bewältigt wurde. Die typisch Brucknerischen Züge der mosaikartig angelegten Schöpfung wie Harfenglissandi, Pizzicatopassagen der Violinen, besonders aber der Celli und Kontrabässe, und die an Richard Wagner erinnernden mächtigen Fortissimowirkungen von Trompeten und Posaunen erklangen unter dem magischen Klangregisseur in solch prachtvoller Entfaltung, wie man es ausdrucksdichter kaum gestalten könnte.

Natürlich ist die abwechslungsreiche visuelle Selbstinszenierung des Stardirigenten, von der wir uns schon letzte Saison mit der Neunten und Zehnten des Brucknerzeitgenossen Gustav Mahler überzeugen konnten, ein wichtiger Bestandteil des Gesamtgeschehens. Grosso modo ein Spektakel, von dem auch Bruckner und Bartok begeistert gewesen wären.