CLAUDE KARGER

Richtig gruseln lässt der Bericht über die Cyber-Bedrohung, den die europäische Polizeibehörde diese Woche veröffentlicht hat. Darin geht von „in ihrem globalen Ausmaß, ihren Auswirkungen und ihrer Verbreitungsgeschwindigkeit nie da gewesenen Cyber-Attacken“ die Rede. Sogenannte „Ransomware“-Angriffe, bei denen Unternehmen und sogar Institutionen mit der Veröffentlichung oder Weitergabe ihrer Daten erpresst werden, hätten stark zugenommen. Rund zwei Milliarden Datensätze über EU-Bürger seien in den vergangenen zwölf Monaten „geleaked“ worden. Hacker versuchen zunehmend, Kontrolle über Bankkonten, Bankautomaten oder einfach ans Internet angeschlossene Apparate zu erhalten und tricksen massiv bei der digitalen Bezahlung. Und was im „Darknet“ an Unappetitlichem hin und her geschoben wird, von der Droge bis zum Kinderporno, ist kaum zu ergründen. „Online-Kriminalität ist die neue Grenze des Gesetzesvollzugs“, sagt Julian King, der EU-Kommissar für die europäische Sicherheitsunion. Unter anderem die IT-Bedrohungen standen gestern auch im Mittelpunkt des ersten EU-Gipfels, der sich vollauf mit den digitalen Herausforderungen beschäftigten... sollte. Denn nach der wegweisenden Rede des französischen Präsidenten über seine Zukunftsvision für die angeschlagene EU wurde in den Kulissen wohl mehr über Macrons Ideen diskutiert, sowie über die ungenügenden Fortschritte bei den „Brexit Verhandlungen“, als über die Bemühungen der Esten, die Digitalisierung der europäischen Wirtschaft voran zu treiben. Die Datensicherheit ist natürlich ein kapitaler Aspekt davon - übrigens haben die Esten ja unlängst im Hochsicherheitsdatenzentrum in Betzdorf eine Kopie der vertraulichsten und kritischsten Daten ihres Landes hinterlegt - aber es gilt natürlich auch, Barrieren ab- und einheitliche Standards und Regeln aufzubauen, damit die EU als Ganze die Chancen der globalen digitalen Ära nutzen kann, die mit physischen Grenzen bekanntlich nichts anfangen kann.

Damit Europa sie vollauf nutzen kann, muss der digitale Binnenmarkt vervollständigt und Infrastrukturen sowie Sicherheitstechnologien auf den neuesten Stand gebracht werden. Aber es muss auch massiv in die „digital literacy“ investiert werden. Das ist mehr als nur die Fähigkeit, die neuesten Apparate nutzen zu können: Sie bedeutet verstehen lernen, was die Chancen aber auch die Gefahren der digitalen Welt sind, wie man letztere vermeidet und erstere nutzt.

In zu vielen Ländern ist das noch sehr unterentwickelt und auch Luxemburg hat erst vor noch nicht allzu langer Zeit dem Bildungssystem einen überfälligen Schub in diese Richtung verliehen. Aber auch in Sachen Weiterbildung gibt es da noch sehr viel zu tun. Die Menschen zu befähigen mit dem rasanten digitalen Wandel umzugehen, durch den schätzungsweise zehn bis 15 Prozent der heute bestehenden Jobs verloren gehen, während womöglich die Hälfte sich mitunter radikal ändern wird, ist die wahre Herausforderung des digitalen Europa, das natürlich auch konkrete Antworten darauf liefern muss, was mit jenen passiert, deren Jobs durch die technologische Entwicklung verschwinden.