LUXEMBURG
MADY LUTGEN

Dating-App Tinder im Selbstversuch

Mitte dreißig - und immer noch kein Traumprinz in Sicht. Die meisten meiner Freunde sind schon verheiratet oder leben in einer festen Beziehung. Viele von ihnen haben auch schon Kinder. Mich lässt dieser ganze Beziehungskram an sich ziemlich kalt, da ich mich nicht in eine, von der Gesellschaft vorgefertigte Kiste stecken lassen will. Und doch hätte ich schon gerne manchmal einen Partner an meiner Seite, einen „Partner in crime“.

Vor zehn Jahren war die Partnersuche noch leicht, fast jeder war noch zu haben und die, die in einer Beziehung waren, waren es meist nicht lange. Doch in den Dreißigern ist das anders. Die meisten Männer sind verheiratet oder neuerdings gepacst oder schwul oder sie haben einen Dachschaden. Aber vielleicht gibt es ihn doch, genau den Einen. Aber wo lässt sich dieser nur finden? Freundinnen von mir gaben mir den Tipp, doch mal Tinder auszuprobieren, eine Dating-App. Gesagt. Getan.

Fast wie Zalando

Tinder funktioniert fast so wie Zalando, der Kleider-Onlineshop. Ich gebe nur statt der Größe und Farbe der Kleider ein, wie alt mein Traumprinz sein soll sowie einen Radius, wie weit nach ihm ausgerufen werden soll. Es erscheinen Fotos von attraktiven und weniger attraktiven Männern. Wenn mir einer gefällt, drücke ich auf das Herz, wenn nicht, dann wische ich ihn ganz einfach weg. Falls der Mann mich auch gut findet und mir sein Herz auf Tinder schenkt, wird mir ein „Match“ angezeigt und ich kann dem Typen schreiben. Ich aber wische und wische und wische erstmal kräftig weg.

Ein paar Herzen vergebe ich dann doch. Und dann erscheinen sie, meine „Matches“. Für einige Männer bin ich wohl die Prinzessin. Ich frage mich, was ich schreiben soll, oder soll ich warten bis einer der Matches mich anschreibt? Nein, ich bin ja eine taffe Frau, also wage ich den ersten Schritt.

Ich hinterlasse ein kurzes „Hallo“ mit einem Smiley bei jedem meiner Treffer. Es dauert nicht lange und ich bekomme Antworten. Da ich nicht jedes einzelne Tinder-Gespräch beschreiben kann, packe ich die Tinder-Bekanntschaften kurzerhand in verschiedene Kategorien.

Die schnelle Nummer

Was mir sofort auffällt: Den meisten Männern geht es hier nur um das Eine, die Antworten sprechen für sich: Ein „Hey“ kommt noch zurück und dann die Frage „Was suchst Du hier?“ Ja, was suche ich denn eigentlich? Die große Liebe? Auf einer Dating-App? Das kann ich mir irgendwie nicht so ganz vorstellen. Also schreibe ich „Mal schauen, was sich finden lässt“.

„Ich will dich ficken“, „Ich suche Sex“, „Du siehst heiß aus, ich will dich spüren“, „Unsere Körper müssen aufeinander treffen“, „Ich sag dir ehrlich, ich will nur Spaß“. Das sind nur einige Antworten von etlichen, die ich hier zitiere. Auch Männer, die auf der Durchreise sind, melden sich. „Ich bin nur heute in Luxemburg, hast Du Lust auf Sex?“. Wenigstens wissen diese Männer, was sie wollen.

Der Fremdgeher

Etwas verwirrt bin ich, als mich Freunde von Freundinnen matchen oder auch Jungs, die ich von früher kenne und ganz genau weiß, dass sie in einer Beziehung sind. Ich stelle mich blöd und spiele mit. Die Gespräche laufen alle gleich ab, sie suchen ein Abenteuer neben ihrer super funktionierenden Beziehung - die anscheinend so gut läuft, dass sie sich bei Tinder anmelden müssen.

Der Verzweifelte

„Ich denke, Du bist die Frau meiner Träume“, „Ich will heiraten und Kinder“ oder „Ich habe mich in dich verliebt“, das sind Sätze, die mich abschrecken. Wie kann man sich in ein Foto verlieben? Nein, diese Männer scheinen mir zu aufdringlich oder einfach nur verzweifelt auf der Suche nach einer Frau zu sein.

Das Treffen

Seit drei Wochen schreibe ich regelmäßig Kurznachrichten mit einem der „Matches“. Er schrieb mir nicht sofort von Sex und auch nicht vom Heiraten. Ein gutes Zwischending also. Ich verabrede mich mit ihm in einem Lokal, das ich gut kenne und vereinbare mit einer Freundin, dass sie abrufbereit sein soll, falls das Treffen in einem Fiasko endet. Ich setze mich in eine Ecke und starre auf die Eingangstür. Die Tür geht auf, ein Mann, der eine kleine Ähnlichkeit mit meinem Tinder-Partner hat, kommt herein. Er ist nur viel breiter und sieht ungepflegt aus. Das kann er nicht sein. Oh doch, das ist mein Traumdate also. Er kommt auf mich zu und ich kann nicht flüchten. Als er den Mund aufmacht, sehe ich seine faulen Zähne und irgendetwas stinkt, stinkt er etwa? Ja! Wie komme ich bloß schnell hier weg? Auch die Flecken auf seinem T-Shirt stören mich. Ich reiße mich zusammen und versuche, ein Gespräch zu führen, bin nach zehn Minuten gelangweilt und halte auch den Gestank nicht mehr aus. Ich schreibe meiner Freundin: „Komm mich retten!“.

Tinder ist eine witzige Angelegenheit, doch meinen „Partner in crime“, meinen Mister Right, werde ich doch wohl eher im richtigen Leben suchen und auch dort richtig kennenlernen - irgendwie, irgendwo, irgendwann.