LUXEMBURG
MONIQUE MATHIEU

Das „Atert Lycée Redange“ feiert zehn Jahre Innovation, Zusammenhalt, Leistungsorientierung

Durch das Gesetz vom 12. Januar 2004 wurde die Gründung einer Sekundarschule in Redingen, im Westen des Landes, festgelegt. Am 16. September 2008 besuchten die ersten 370 Schüler das neue Lyzeum, das mit einem etwas anderen pädagogischen Konzept startete. Seither kannte das „Atert Lycée Redange“ (ALR) eine fulminante Entwicklung und zählt seit diesem Schuljahr über 1.200 Schüler.

Wir unterhielten uns mit Direktor Claude Boever über die Erfahrungen, die im Laufe der zehn Jahre gesammelt werden konnte und über die aktuellen Herausforderungen einer Schule, die auf ihre Einbindung in die Region pocht, viel von ihren Lehrern und Schülern verlangt und ihnen den bestmöglichen Rahmen für eine erfolgreiche Ausbildung in einem wichtigen Lebensabschnitt bieten will.

Das Motto Ihres Lyzeums lautet „Zäit fir méi“. Könnten Sie unseren Lesern erläutern, was genau damit ausgedrückt werden soll?

Claude Boever Als die Schule ihren Betrieb im Jahr 2008 aufnahm, tat sie dies aufgrund eines pädagogischen Konzepts, das in den Jahren zuvor von einer Lenkungsgruppe ausgearbeitet worden war. Diesem Konzept gemäß bedeutet „Zäit fir méi“, dass wir den Lernprozess in die Schule integrieren, und uns im Atert Lycée mehr Zeit für die Schüler nehmen. Im Umkehrschluss müssen die Schüler selber mehr Zeit in ihre schulische Ausbildung investieren, als in anderen Sekundarschulen, was konkret heißt, dass die Schulwoche für die Schüler 75 Minuten mehr zählt. Auf diese Weise können wir Coaching-Stunden anbieten und geben den Schülern die Möglichkeit, einen Großteil ihrer Hausaufgaben bereits in der Schule zu erledigen. Der anfängliche Grundgedanke war, eine Schule ins Leben zu rufen, die soziale Ungerechtigkeiten zu glätten versucht.

Entspricht die Umsetzung des Konzepts heute den Erwartungen, die Sie vor zehn Jahren hatten?

Boever Nun, unser Konzept ist nach wie vor aktiv und findet großen Anklang bei Eltern und Schülern. Dies belegen schon allein die stetig steigenden Schülerzahlen. Ob wir auf sozialer Ebene unser Ziel erreicht haben, vermag ich indes nicht zu sagen. Natürlich hat sich das Konzept entwickelt und wurde angepasst. Die Arbeit des Coachs zum Beispiel hat sich konkretisiert und tendiert heute stark in Richtung Orientierung des Schülers.

Das Atert Lycée kennt ein enormes Wachstum: Vor zehn Jahren nahm es mit 370 Schülern den Schulbetrieb auf, heute wird es von 1.260 Schülern besucht und musste bereits ausgebaut werden. Mich fasziniert, dass sich so viele junge Menschen für einen Schultypus entscheiden, der auf einer längeren Schulwoche basiert.

Wie erklären Sie sich den Erfolg Ihres Lyzeums, das zudem noch auf dem Lande angesiedelt ist?

Boever Aufgrund unserer „Feedback-Kultur“ - wir fragen sporadisch bei Lehrern, Eltern und Schülern nach - kann ich von einer 95-prozentigen Zufriedenheit sprechen. Die Eltern sagen: das ALR kümmert sich, die Schüler fühlen sich wohl und die Lehrer sind engagiert und arbeiten zusammen. So sitzen sie oft an den für Schüler freien Freitagnachmittagen zusammen und sprechen sich ab. Im Untergrad findet in verschiedenen Fächern sowohl im „Classique“ als auch im „Général“ eine „Epreuve commune“ für alle Klassen eines Jahrgangs statt, wo sich etwaige Unterschiede zeigen und Mängel gemeinsam behoben werden können. Den „isolierten Lehrer“ gibt es bei uns nicht. Der Arbeitsaufwand, gemessen an den Stunden, die man insgesamt in der Schule verbringt, ist demnach hoch, wird jedoch durch die Berufszufriedenheit ausgeglichen.

Auch dem Zusammenspiel Lehrer-Schüler wird im ALR eine große Bedeutung beigemessen, es wird im Großen und Ganzen als stimmig eingeschätzt und trägt stark zur positiven Bewertung des Ambientes, sowohl bei den Lehrkräften als auch bei den Schülern, bei.

Bringt dieser Erfolg nicht auch Probleme mit sich? Während neue Klassensäle geschaffen wurden, wurde beispielsweise die Kantine nicht vergrößert. Dies bedeutet, dass dort viele Schüler keinen Platz finden, es sei denn, sie nähmen eine längere Wartezeit in Kauf, was ob der kurzen Mittagspause aber oft nicht möglich ist. Andererseits ist der Raum, der den Schülern in den Pausen zur Verfügung steht, gemessen an ihrer hohen Zahl, recht begrenzt.

Boever Eine Schülerzahl von 700 bis 800 wäre eigentlich das Idealmaß einer Schule. Doch funktioniert unser Konzept auch mit einer höheren Schülerzahl. Unsere Klassen zählen 20 bis 29 Schüler, was dem entspricht, was in Luxemburg (bedauerlicherweise) üblich ist.

Der Ausbau unserer Kantine ist beantragt - und wurde im Erziehungsministerium bereits positiv begutachtet! Unsere Schüler verfügen über viel Pausenraum im Freien, doch nutzen sie diesen nicht genügend.

Zum Lyzeum gehört ein ebenfalls vor zehn Jahren eröffnetes Internat. Wie viele Schüler können dort aufgenommen werden? Ist es ausgelastet? Allgemein: Ist ein Internat ein Pluspunkt für eine Schule?

Boever Das Internat ist für 80 Schüler vorgesehen, ist zurzeit jedoch nicht ausgelastet. Wir legen Wert darauf, im Internat sowohl Schüler aufzunehmen, die verstärkt Unterstützung brauchen, als solche, die diese nicht benötigen. Es fällt jedoch auf, dass immer mehr Kindern ein geregelter Tagesablauf fehlt. Insofern wir ihnen diesen bieten, stellt unser Internat sicherlich ein Pluspunkt dar. Eigentlich entspricht die Verwaltung eines Internats einem Fulltime-Job und mein Wunsch wäre, einen Direktionsbeauftragten einsetzen zu können.

Im Atert Lycée wird nach „Wochenplan“ gearbeitet: Die Schüler müssen ein gewisses Quantum an Aufgaben bis zur nächsten Woche erledigen, und nicht, wie bei Hausaufgaben, bis zur nächsten Unterrichtseinheit in einem bestimmten Fach. Hat sich dieses Modell bewährt?

Boever Durchaus. Was uns, nach anfänglichen Versuchen, nicht gelungen ist, ist aus dem Wochenplan ein Instrument des differenzierten Unterrichts zu machen und die Aufgaben auf die einzelnen Schüler zuzuschneiden. Dennoch wird das Arbeiten nach Wochenplan geschätzt und bietet auch den Eltern die Möglichkeit, Einblick in die Arbeit ihres Kindes zu haben. Eine Möglichkeit, die sie nutzen sollten.

Vor vier Jahren wurde auf Semester statt Trimester umgestellt. Wie sind Ihre Erfahrungen mit dieser Form der Schulorganisation? Persönlich sehe ich mehr Stress beziehungsweise Dauerstress für den Schüler.

BOEVER Die Umstellung erfolgte aufgrund pädagogischer Überlegungen. Statt der drei „Stressperioden“ im Laufe des Schuljahrs wollten wir eine bessere Aufteilung von Lern- und Testperioden. Dank Semestern können die Tests nun auf 18 Wochen verteilt und in kleinere Zwischentests eingeteilt werden. Die Einführung und Umsetzung von Semester wurde vom SCRIPT begleitet, und kommt insgesamt gut bei allen Schulpartnern sowie den Schülern an. Das ALR ist übrigens nicht die einzige Sekundarschule, die nach Semestern funktioniert, das Sportlyzeum und das Lycée agricole beispielsweise tun dies auch. Ich denke, dass mehr und mehr Schulen auf Semester umstellen werden, zumal die neuen Bestimmungen jetzt die Wahl zwischen Trimester und Semester zulassen.

Stichwort iPad-Klassen: Seit diesem Schuljahr ist das ALR auf dieses angebliche Zukunftsmodell aufgesprungen. Werden im kommenden Schuljahr alle Klassen mit dem iPad arbeiten müssen?

BOEVER Im vergangenen Schuljahr hat das ALR die Anwendung des iPads in einer Klasse getestet, in diesem Jahr sind es sechs Klassen, die damit arbeiten, und im kommenden Schuljahr werden es zwölf sein. Am iPad führt kein Weg vorbei, die Zukunftsszenarien lassen uns keine Wahl. Noch muss das iPad sinnvoll eingesetzt werden. Und: wir benutzen iPads mit Stift, so dass kein Schüler das Schreiben verlernt.

Sie selber sind Sportlehrer. Erklärt dies, weshalb dem Sportunterricht im ALR ein hoher Stellenwert zugemessen wird?

Boever Mitnichten! Das hängt vielmehr damit zusammen, dass wir über überaus dynamische Sportlehrer verfügen. In punkto Schulsportstunden ähnelt unser Angebot dem der anderen Lyzeen. Es verhält sich lediglich so, dass auf der Oberstufe zwei Stunden Sport statt der vorgesehenen einen Stunde angeboten werden. Dies hat aber praktische Gründe: Da die Dauer einer Lerneinheit im ALR lediglich 45 Minuten beträgt, wäre es bei einer einzigen Sportstunde unmöglich, sich angemessen aufzuwärmen und eine Sportart auszuüben. Andererseits sind viele der Aktivitäten und Optionen, die wir unseren Schülern anbieten, sportlicher Natur.

Ihr Lyzeum hat Erfahrungen mit der Einteilung der Sprachkurse im „Général“ in Basis- und Fortgeschrittenenkurse. Führt diese Einteilung nicht zu zusätzlichem Stress? In meinen Augen stellt sie eine Hürde dar, insofern ein Schüler nur dann seine Sektion frei wählen kann, als er überall Fortgeschrittenenkurse belegt, bzw. eine Sektion wählt, die ihm nicht zusagt, bloß, um das Jahr nicht wiederholen zu müssen - was wiederum andere tun, nur um die gewünschte Sektion wählen zu können. Was hat das ALR dazu bewegt, sich für das „Avancé-base“-System zu entscheiden und wie bewerten Sie die Ergebnisse?

Boever Bei der Aufstellung des pädagogischen Konzepts sahen wir in dieser Aufteilung eine Möglichkeit des differenzierten Unterrichts, weshalb wir von Anfang an Basis- und Fortgeschrittenenkurse im dritten Jahr im „Général“ (vorher Technique) angeboten haben. Die Anforderungen an die Schüler sind in der Tat hoch, ohne Anstrengung und regelmäßiges Lernen gehen viele Türen zu. In diesem Schuljahr wurde das „Proci“-System allgemein in Luxemburg eingeführt.

Wie drückt sich Demokratie im ALR aus?

BOEVER Die Lehrerschaft funktioniert gemäß einer distributiven Gemeinschaft. Darüber hinaus hat die Schule ein Eltern- und ein Schülerkomitee. Es gibt Befragungen zu den großen Themen (wie beispielsweise der Semestereinführung und zum Schulklima), es gibt auch Elternsprechtage, an denen sich die Eltern mit den Lehrern ihrer Kinder austauschen können. Ebenso sind unsere Lehrer sowohl für die Schüler als auch für die Eltern per Email erreichbar. In unserem Schulentwicklungsplan wird die Verbesserung der Kommunikation indes als ein Ziel genannt, und wir werden weiter hieran arbeiten.

Das ALR ist einst als Lyzeum für die Unterstufe gestartet. Dies wurde recht schnell geändert. Heute verhält es sich so, dass trotz der hohen Schülerzahl sowohl im klassischen als auch im technischen Sekundarunterricht nicht alle Sektionen angeboten werden. Schränkt dies nicht ein?

Boever Mir scheint es illusorisch, alle Sektionen anbieten zu wollen. Hierzu braucht es eine gewisse kritische Masse. Dank unserer aktuellen hohen Schülerzahl können wir die Sektionen B, C, D und G im klassischen Unterricht und die Sektionen „GIG“ (Technik), „Administration & commerce“ sowie „Professions de santé“ (4e und 3e) anbieten. Über einen Ausbau in Richtung Soziale Wissenschaften (SO) im „Général“ ab nächstem Schuljahr wird aktuell beraten.

Ihr Lyzeum bietet, als einzige Sekundarschule im Land, eine Ausbildung zum „Energietechniker“ an. An wen wendet sich dieses Angebot und wie viele Schüler zählt die Klasse?

BOEVER Der „Energietechniker“ ist eine vierjährige Vollzeit-Schulausbildung von 4e bis 1e und führt zu einem Technikerdiplom, mit der Möglichkeit zur weiterführenden Hochschulausbildung. Es gibt zwei Hauptbereiche: Elektroinstallationstechnik und Heizungs-Klima-Lüftungstechnik. In beiden Fällen geht es um Nachhaltigkeit und Technologien, die in unserer heutigen Zeit eine große Rolle spielen. Das Ausbildungskonzept wurde in Zusammenarbeit mit der Handwerkskammer erstellt. Zurzeit haben wir pro Jahrgang eine Klasse, es werden maximal 16 Schüler pro Klasse aufgenommen, da unsere Werkstätten für diese Zahl ausgestattet sind. Die Auslastung ist jedoch nicht hundertprozentig.

Mittlerweile dürften schon einige Absolventen im Berufsleben stehen. Haben Sie Rückmeldungen?

BOEVER Nun, die Arbeitgeber würden die jungen Leute am liebsten von der Schule weg engagieren, die Chancen, einen Arbeitsplatz zu finden, sind demnach exzellent. Es ist jedoch eine Ausbildung, die hohe Anforderungen an die Schüler stellt. Diese sind wiederum gut betreut und schließen in der Regel ihre Ausbildung mit Erfolg ab. Was die letztjährigen Abschlussschüler angeht, waren die Resultate herausragend.

Ein Tabuthema hierzulande ist die Drogenproblematik an den Schulen. Doch nicht, weil man nicht über ein Problem spricht, ist es nicht real. Wie schätzen Sie die Situation im ALR ein?

BOEVER Ich sehe die Drogenproblematik nicht als ein Tabuthema an. Wir sensibilisieren sehr viel in diesem Bereich…

Es ist nicht die Sensibilisierung, die ich ansprechen möchte, sondern vielmehr den Konsum.

BOEVER Drogen gibt es überall. Auch das ALR ist davon nicht verschont, obwohl ich denke, dass die Problematik bei uns weniger akut ist als an Schulen, die in Ballungsgebieten angesiedelt sind. Wenn Drogen entdeckt werden, reagieren wir entsprechend. In letzter Zeit war es allerdings ruhig.

Schüler, welche den Unterricht über Gebühr stören, werden im ALR in den „Reflect“ verwiesen. Was hat es damit auf sich?

BOEVER Der „Reflect“ bietet dem betroffenen Schüler die Möglichkeit, sich und sein Verhalten zu reflektieren und geeignete Alternativen zu entwickeln. Ein Erzieher oder eine Lehrkraft sind ständig präsent. Unterdessen werden die Klasse und der Lehrer entlastet, der Unterricht kann ohne fortwährenden Unterbrechungen ablaufen. Um jungen Menschen gerecht zu werden, die nahezu komplett aus dem sozialen Rahmen fallen, und die Schule schwänzen beziezungsweise. riskieren, diese abzubrechen, hat das ALR eine „Liewensschoul“ geschaffen. Vier bis fünf Schüler werden quasi 1:1 betreut, sind viel im Wald oder im „Päerdsatelier“ und lernen, sich selber wieder in den Griff zu bekommen. Das fängt manchmal mit den alltäglichen Hygieneregeln an. Dieses Angebot ist möglich, weil unser Quorum an Erziehern erhöht wurde.

Vor kurzem fand - im Rahmen der Feierlichkeiten zu 10 Jahre ALR - eine erste „Journée des Anciens“ statt. Wie war das Echo? Kommt es zu einer Neuauflage?

BOEVER Das Echo war sehr positiv, über 300 ehemalige Schüler nahmen an diesem Abend teil. Zurzeit planen wir, alle drei Jahre zur „Journée des Anciens“ einzuladen.

Sieht das 10-Jahres-Programm, neben einer akademischen Sitzung im Januar, auch öffentliche Veranstaltungen vor?

BOEVER Am 1. Februar organisiert das ALR eine Konferenz mit Prof. Elsbeth Stern und am 16. März mit Dr. Marc Schoentgen, die den Abschluss des Konferenzzyklus bildet, der im Rahmen der Festivitäten vorgesehen ist. Am 2. April laden wir zum „Open MIC Event“ ein, und am 3. Mai zum alljährlichen „ALR on Stage“.

Alles in allem: Worauf sind Sie - nach 10 Jahren - besonders stolz? Sind Sie ein glücklicher Schuldirektor?

BOEVER Die Schulbevölkerung ist in den zehn Jahren seit der Eröffnung des Lyzeums stark angewachsen, die Examensresultate sind gut bis hervorragend, die Zufriedenheitsquote ist hoch. Die Weichen wurden demnach richtig gestellt. Ein unglücklicher Direktor bin ich sicherlich nicht.

Haben Sie einen Wunsch an die neue Regierung, beziehungsweise den Erziehungsminister?

BOEVER In der letzten Legislaturperiode wurden viele Reformen angeleiert. Mein Wunsch wäre, dass jetzt Ruhe in das Bildungswesen einzieht und uns die Zeit und die nötigen Mittel zur Verfügung gestellt werden, um das Geplante umzusetzen.