LUXEMBURG
INGO ZWANK

Der deutsche Botschafter in Luxemburg, Dr. Heinrich Kreft, spricht über 30 Jahre Mauerfall

Es gibt meines Erachtens in Europa keine zwei Länder, deren politische Positionen so eng beieinander liegen wie Deutschland und Luxemburg.“ Dies ist eine tiefe Überzeugung des deutsche Botschafter in Luxemburg, Dr. Heinrich Kreft, der sich im Vorfeld der Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit, der auch im Großherzogtum wieder begangen wird, mit unserer Zeitung über das historische Ereignis „30 Jahre Mauerfall“ unterhielt.

Herr Botschafter, auch in Luxemburg findet wieder eine Feier zum Tag der Deutschen Einheit statt – vor 30 Jahren fiel die Mauer. Wie haben Sie dieses historische Ereignis erlebt?

Heinrich Kreft 1988 wurde ich aus dem Auswärtigen Amt in Bonn an die deutsche Botschaft in La Paz, Bolivien versetzt. Im Sommer 1989 hatten wir unseren ersten Heimaturlaub. Ende Juli war ich zu Besuch in Ost-Berlin. Die Führung der DDR hatte Ost-Berlin für die bevorstehende 40-Jahrfeier der Staatsgründung am 7. Oktober 1989 herausputzen lassen. Die nächsten Wochen verbrachten wir mit unserem kleinen Sohn in der Nähe von Hamburg und in meiner Geburtsstadt im Münsterland. Dort haben wir am Bildschirm das Pan-Europa-Picknick in Ungarn an der Grenze zu Österreich und das Öffnen des Grenzzauns, das Drama im Garten der deutschen Botschaft in Prag, wohin sich viele DDR-Bürger geflüchtet hatten, und die Proteste in der DDR mit großer Spannung verfolgt. Leider mussten wir im Oktober zurück nach Bolivien, so dass ich den Fall der Mauer nur von La Paz aus im spanisch-sprachigen CNN mitverfolgen konnte.

Am 3. Oktober 1990 wurde staatsrechtlich die Teilung Deutschlands überwunden. Was bedeutet die Vereinigung für Deutschland, was bedeutet der 3. Oktober auch für Sie?

Kreft Das Grundgesetz sah zwei Wege zur deutschen Einheit vor, nämlich den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland oder die Ablösung des Grundgesetzes durch eine neue gemeinsame Verfassung. Letzteres wäre sehr aufwendig gewesen, hätte entsprechend lange gedauert und hatte deswegen von Anfang an wenig Chancen, obwohl es dafür Befürworter im Osten wie im Westen gab.

Die ersten freien Wahlen der Volkskammer am 18. März 1990 führten am 12. April 1990 zur Regierung unter Ministerpräsident de Maizière. Ihr Bekenntnis und ihr Einsatz für die zügige Wiederherstellung der Einheit meines Landes und die schon am 1. Juli 1990 geschaffene Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion mit der Einführung der DM in der DDR machten den Weg zum Beitritt Bundesrepublik Deutschland frei.

Am späten Abend des 2. Oktober 1990 versammelte sich eine riesige Menschenmenge vor dem Reichstagsgbäude, heute Sitz des Deutschen Bundestages, und vor dem Brandenburger Tor, um die Wiedervereinigung Deutschlands mitzuerleben. Um 0.00 wurde die Bundesflagge gehisst, während am Schöneberger Rathaus die 1950 von US-Bürgern gestiftete Freiheitsglocke geläutet wurde. Bundespräsident Richard von Weizsäcker verkündete damals: „Die Einheit Deutschlands ist vollendet. Wir sind uns unserer Verantwortung vor Gott und den Menschen bewusst. Wir wollen in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt dienen.“ Seitdem ist der 3. Oktober unser Nationalfeiertag. Leider konnte ich auch diesen historischen Moment nur am Fernseher miterleben.

„Wir haben die politische Aufgabe, dafür zu sorgen, dass der Angleichungsprozess zwischen Ost und West bald geschafft ist – noch ist dies nicht geschafft“ – wie würden Sie diese Aussage von der Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Schwesig, - aus Luxemburg heraus - bewerten? Ist dies wirklich so?

Kreft Die Bundesrepublik Deutschland und die DDR haben sich in 40 Jahren Trennung unterschiedlich entwickelt, wobei die Westdeutschen 1945 eindeutig die besseren Startchancen hatten. Während die DDR in der Abschottung vom Westen, symbolisiert durch den Bau der Mauer, ihr Heil suchte oder suchen musste, integrierte sich die Bundesrepublik mit großem Erfolg in die neuen europäischen Institutionen und in die Weltwirtschaft. Das staatssozialistische Wirtschaftsmodell führte spätestens seit den 1970er Jahren zum Niedergang der DDR und schließlich zum ökonomischen Kollaps. Zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung war die DDR quasi bankrott und die meisten ihrer Unternehmen hatten aufgrund mangelnder Wettbewerbsfähigkeit keine Überlebenschance unter Marktbedingungen.

Dadurch fehlt den „neuen Bundesländern“ auch heute noch vor allem ein breiter selbständiger Mittelstand, der sowohl im Westen Deutschlands als auch in Luxemburg und in vielen anderen Ländern das Rückgrat der Wirtschaft und der Beschäftigung bildet. Das ist ein wesentlicher Grund dafür, dass trotz vieler „blühender Landschaften“ - wie zum Beispiel die sächsischen Metropolen Leipzig und Dresden, große Teile Thüringens, die mecklenburgisch-vorpommerische Ostseeküste oder im Speckgürtel Berlins – der wirtschaftliche und soziale Angleichungsprozess zwischen Ost und West noch nicht flächendeckend geschafft ist. Allerdings gibt es auch erhebliche Unterschiede zwischen den westlichen Bundesländern und ja wohl auch zwischen den Regionen und Gemeinden in Luxemburg.

Das ökonomische Gefälle zwischen Ost und West ist einer der Gründe - aber sicherlich nicht der einzige - für den Aufstieg der AfD zur zweitstärksten Partei in den Landtagswahlen am 1. September 2019 in Sachsen und Brandenburg.

Welchen Herausforderungen sieht sich die Politik, aber auch die Gesellschaft aus Ihrer Sicht (immer noch) nach 30 Jahren Vereinigung gegenüber?

Kreft Während des Vereinigungsprozesses sind sicherlich Fehler gemacht worden. Das ist verständlich, war er doch ein beispielloses Unterfangen. Insbesondere ist die Lebensleistung der früheren DDR-Bürger nicht hinreichend gewürdigt worden. Wir können und müssen alle voneinander lernen. Ostdeutsche und Osteuropäer haben dabei den Menschen im Westen zumindest eine wertvolle Erfahrung voraus, nämlich die Anpassung an massive gesellschaftliche Umwälzungen. Eine Erfahrung, die uns allen helfen könnte, die zu erwartenden neuen Herausforderungen durch eine beschleunigte Globalisierung und insbesondere durch die Digitalisierung zu meistern.