LUXEMBURG
NORA SCHLEICH

Von Ansprüchen und Ansprüchen

Das Beste ist gerade gut genug. Wer gibt sich im lang ersehnten Urlaub schon mit einem kleinen, dunklen Hotelzimmer zufrieden? Ein komfortables Bockspringbett, eine Badewanne, bitte Meeresblick, ruhige Lage – und bloß keine üblen Überraschungen. Es soll bitte alles mindestens so gut sein, wie es angepriesen wurde, sonst hagelt es Beschwerden und Rückerstattungsforderungen. Beim Handykauf ist es nicht anders, wir erwarten, dass das kleine Gerät alles leistet, was wir denken zu brauchen und darüber hinaus mindestens nochmal doppelt so viel kann. Erst wenn das Handy so performant ist, dass wir nicht einmal alle seine Funktionen verstehen, taugt es in unseren Augen erst wirklich was. Auch das Auto muss unseren Vorstellungen entsprechen: viel PS, große Felgen, viel Lack, Leder, digitales Schnickschnack und edelste Verarbeitung. Wir wollen schließlich etwas für unser Geld haben! Ja, wir haben es uns verdient, das tolle Auto, man gönnt sich ja sonst nichts! Wir verlangen eine freundliche Bedienung, fachkundige Beratung, aber auch Shopping zu jeder Zeit, viele Waren, preislich ausgewogen natürlich, aber am besten noch morgen vor die Haustüre geliefert. Wir haben halt Ansprüche, warum sollte man sich darüber schämen?

Jedem seine Träumerei und sein Weltbild, aber etwas ließ mich dann doch innehalten. Wie kann es sein, dass wir in Sachen Urlaub, Wohnen, Shopping dermaßen hohe Ansprüche haben – und die auch vehement verteidigen, notfalls sogar klagen? Falls man doch nicht so weit gehen möchte, wird sich aber zumindest ganz ordentlich aufgeregt, bei jedem und zu jeder Zeit. Jeder soll wissen, dass Sonderangebot X unserem Anspruch ganz und gar nicht entsprach. Wie ist es nur dazu gekommen, dass wir uns dermaßen empören, wenn es um solch banales Gut geht?  Wenn aber unser aller Frieden, unsere Freiheit und Demokratie auf dem Spiel steht, lässt die Intensität der Aufregung hingegen stark zu wünschen übrig.

Liegt das etwa daran, dass wir an unser gerechtes Miteinander keine so hohen Ansprüche stellen wie etwa an die neueste Version des Apfelphones? Wo bleiben die Ansprüche, wenn es um politische Regenten geht? Ist es zu viel verlangt, dass deren Gesinnung vorwiegend von Moral und Anstand geprägt sein sollte? Dass sie sich mit Scharfsinn, Logik und Strategie für das Wohl der Gemeinschaft, auch der Weltgemeinschaft, einsetzen? Sind wutgeleitete, lügende Wuschelköpfe wirklich diejenigen, mit denen wir unseren Anspruch als befriedigt ansehen? Wer regt sich denn noch auf, wenn eine Trumpsche Eselei die Friedensbalance wieder einmal ins Straucheln bringt? Wer fühlt sich in seinem Recht betrogen, wenn im Politbereich Machtgeschacher vor allgemeines Wohl gestellt wird?

Und wann haben wir angefangen, Kompromisse zu machen, wenn es um unsere Gesundheit geht? Ist der Anspruch an das komfortable Auto wirklich größer als an den eigenen, unversehrten Körper? Wie kann es sein, dass wir uns mit pestizidgetränkten Lebensmitteln eindecken, dass wir miserable Luft- und Wasserwerte in Kauf nehmen, ohne uns aufzuregen, zu empören, Widerstand zu fordern?

Beschwerden wegen der Luftqualität oder der miesen Bedingungen bei der Tierhaltung gibt es wohl, aber weitaus mehr Bewegung findet sich zum Beispiel auf den Rating-Seiten von Hotels oder Airlines. Erklärungen dafür gibt es vielleicht mehrere, es scheint mir jedoch naheliegend, dass Habitus und Bequemlichkeit hier Übeltäter sind. Es ist natürlich anstrengend, für seine Rechte zu kämpfen, besonders, wenn man auf der anderen Seite von komfortablen und luxuriösen Elementen profitieren kann. Opium fürs Volk?

Ich vermisse Aufregung, Regung, Erkenntnis des Ernstes der Lage! Ich vermisse Anforderungen an ein gerechtes Miteinander, ich vermisse passionierte Kritik an Politik und Wirtschaft, ich vermisse den Anspruch an eine Lebensführung, die nicht von einigen Wenigen so bestimmt gelenkt wird, dass sie denen Geld und Macht einbringt. Ich vermisse Streitschriften, Schuldzuweisungen, Debatten und Diskussionen mit Herzblut, konstruktive Dialoge, Engagement und Projekte, alles um der Verbesserung willen und gegen Stagnation und Verfall. Die Spirale, die sich hinabdrängt und der wir uns hingeben, indem wir gewähren lassen und uns nicht mehr einbringen, dreht sich stetig schneller und wird enger und enger. Bis wir aufhorchen, den Willen zur Selbstbestimmung wieder spüren und uns einsetzen wollen für das, was jeden Erdenbürger tatsächlich zusteht: freie Lebensentfaltung und bestmögliche Bedingungen dafür, und zwar im Einklang mit unseren natürlichen, biologischen Gründen. Dem gehört nicht nur die Forderung nach politischer Weisheit an, sondern auch der Anspruch an einen umsichtigen Umgang mit unserer Natur. Erst wenn dieses Bewusstsein zu drängen beginnt, kann erkannt werden, dass zusammen von jetzt auf gleich ein Ende von zerstörerischen Praktiken gefordert werden kann! Dass sich gegen politische Willkür, wirtschaftliches Konzerninteresse und soziale Gleichgültigkeit aufgelehnt werden kann und muss. Nicht ein „man sollte, man müsste“… sondern ein drängendes „man muss!“ Ja, ich stelle diese Ansprüche an Sie, und ja, ich stelle sie auch an mich und bin gewillt, sie geltend zu machen. Gemeinsam!