COLETTE MART

Als politische Kommentatorin kann man nicht abschalten von dem, was uns alle bewegt, auch wenn mittlerweile die Medien weltweit Stellung zu dem Terroranschlag und den anschließenden Geiselnahmen in Frankreich bezogen. Eine der wichtigen Fragen, nämlich jene der Identität und des sozialen Hintergrunds der Täter wurde mittlerweile erläutert. Die Brüder, die die Redaktionsmitglieder von „Charlie Hebdo“ hinrichteten, waren Waisenkinder algerischer Abstammung. Diese Herkunft der beiden Attentäter rührt an unbewältigte soziale Probleme in Frankreich und an das Thema der Immigration in einem Land, das zahlreiche ethnische und kulturelle Gemeinschaften aus den ehemaligen Kolonien integrieren muss. Die französischen Schlagzeilen der letzten Jahre offenbaren, dass viele Familien mit Migrationshintergrund in Ghettos leben; die jungen Menschen haben hier keine gute Ausbildung, keine Arbeit, keine Perspektiven und keine Lebensqualität. Sogar jene eingewanderten Familien, die zur Mittelschicht gehören und deren Kinder vielleicht alles richtig gemacht haben, haben Schwierigkeiten, eine Arbeit zu finden. Ein arabisch klingender Name, die Zugehörigkeit zum Islam, eine Adresse in einer Wohngegend von Migranten genügen, um auch in Frankreich keine Arbeitsstelle zu bekommen.

Im Land der „Liberté Egalité et Fraternité“ weht dann auch ein kalter Wind, jener von Marine Le Pen, die viel zu viele Franzosen davon überzeugen konnte, dass Frankreich doch den Franzosen gehört, was keineswegs zur Aufarbeitung einer schwierigen Geschichte der Kolonisation, der Dekolonisierung und dem damit verbundenen Vielvölkerstaat Frankreich beiträgt. Während unser französischer Nachbar, dem wir Luxemburger emotional sehr verbunden sind, einerseits noch immer ein Beispiel für Demokratie, Fortschrittlichkeit, und Kultur bleibt, grassiert in genau diesem Land auch Rassismus, Ausgrenzung, Diskriminierung, die dazu führt, dass Jugendliche ohne Halt kriminell werden können.

Wenn wir also als Europäer jenen Terrorismus, der in unseren eigenen Ländern gewachsen und also nicht aus dem Fernen Osten importiert ist, effizient bekämpfen wollen, müssen wir zuerst einmal unsere demokratischen Werte weiter festigen, und dem sozialen Ausschluss entgegen wirken. Die Inklusion in der europäischen Gesellschaft bleibt die einzige Antwort auf die Fragen, die jetzt aufgeworfen wurden, und selbstverständlich impliziert die Inklusion alle religiösen Gemeinschaften, das heißt Christen, Juden und Muslime. Die Tatsache, dass die beiden Attentäter aus Frankreich bereits auf terrorverdächtigen Listen fungierten, zeigt, dass potentielle Terroristen Wiederholungstäter sind, und dass also hier über Strategien der polizeilichen Prävention auf europäischer Ebene nachgedacht werden muss. Auch wenn der aktuelle Terrorismus mit einem radikal ausgelegten Islam in Verbindung steht, sollten wir uns hier und jetzt daran erinnern, dass die schlimmsten Verbrechen gegen die Menschlichkeit, nämlich die Shoah und die transatlantische Sklaverei, von christlichen Gesellschaften ausgegangen sind. Allerdings stellt niemand mehr heute diese Zusammenhänge her; es ist also demgemäß auch nicht opportun, allgemein islamfeindliche Haltungen aufkommen zu lassen, die uns keineswegs weiterbringen werden.

Trotz des Attentats am vergangenen Mittwoch hat die Redaktion von Charlie Hebdo beschlossen, an diesem Mittwoch eine Ausgabe heraus zu bringen, inklusive neuen Mohammed-Karikaturen. Finden Sie das gut?

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