NORA SCHLEICH

... ist unantastbar - Doch wo kommt sie her?

Der Begriff der Menschenwürde wird seit jeher als ein mit allen Möglichkeiten zu verteidigendes „Gut“ des Menschen angesehen. Empörung kommt auf, sieht man sie mit Füßen getreten. Ihre Wahrung und Hochschätzung gilt als edle und auch notwendige Maxime eines jeden Erdenbewohners - und ist nicht nur als Eintrag im Verhaltenskodex der politischen Öffentlichkeit zu verzeichnen.

Die heutigen Überlegungen werden nicht das an Aktualität leider nicht einbüßende Thema der Verletzung der Menschenwürde betreffen, viel eher steht nun die Frage im Raum: Wie wird der Mensch seines Menschseins würdig? Ist die Würde angeboren oder muss man sie sich erst verdienen? In einem 2010 publizierten Essay über die Menschenwürde des Potsdamer Philosophieprofessors Ralf Stoecker finden sich die Grundgedanken des hier Besprochenen wieder, welche als Nährboden der niedergeschriebenen weiterführenden Reflexionen dieser Kolumne gelten.

Es gibt einige Theorien, die es sich bezüglich dieser Fragestellung anzusehen lohnt. Zum einen gibt es die Auffassung, dass der Mensch sich nur dann als würdevoll auszeichnet, wenn er ein der menschlichen, sprich der vernünftigen - zumindest in diesem Kontext - Rolle entsprechendes Verhalten aufweist. Das heißt, dass nur derjenige über eine Würde verfügen kann, der anhand seiner Fähigkeit zu Denken und zu Handeln die „richtigen“ Entscheidungen treffen und sich seiner moralischen Pflicht gemäß verhalten kann. Dieser Konzeption, die sich vor allen Dingen bei Cicero wiederfinden lässt - und später oftmals wiederaufgegriffen wird - kommen allerdings einige Schwierigkeiten zu. Zum einen gilt die Ausrichtung an diesen Verpflichtungen primär für das eigene Handeln und vermag eine Schutzbedürftigkeit vor der Behandlung anderer nicht direkt zu implizieren. Der wechselseitige Schutz vor Misshandlungen scheint aber im zeitgenössischen Gebrauch des Konzepts der Menschenwürde enthalten zu sein. Zum anderen wirft diese Deutung die Frage auf, ob Menschen, die nicht selbstständig leben, denken und handeln können, niemals der Rolle des sich „korrekt“ verhaltenden Menschen gerecht werden können und somit kein würdevolles Leben führen könnten? Auch dies scheint mit der heutigen Auffassung der Menschenwürde in Konflikt zu geraten: Muss die Menschenwürde nicht jeden gleichermaßen einschließen?

Sich über ein entsprechendes Verhalten erst für den Erhalt der Würde zu qualifizieren, scheint also so gesehen nicht haltbar zu sein. Kann die christliche Tradition einige dieser Probleme umgehen? Da es dieser Deutung gemäß Gott ist, der dem irdischen Bewohner die Würde verleiht - bedingt durch den Umstand der Schöpfung des Menschen - wird jeder von diesem Gut profitieren können, ganz gleich seiner Fähigkeiten und Beschaffenheit. Allerdings kann man auch hier einige Fragen aufwerfen. Wenn Gott es ist, der die Würde verleiht, wird dieser dann nicht der Eigenwert genommen? Ist die Menschenwürde nicht oberstes Gut an sich, das eigentlich unabhängig sein müsste und nicht auf ein weiteres „Höchstes“ zurückgeführt werden darf? Wir verfügen nur über eine Würde, weil Gott es so wollte? Ist der absolute Wert der Würde dann überhaupt noch gegeben? Des Weiteren wird, wenn der Mensch in seiner Würde verletzt wird, nicht nur die Missachtung des Schutzes des Einzelnen angeprangert, sondern ebenfalls die Respektlosigkeit gegenüber der Gabe Gottes. Die Wichtigkeit des Menschen in seiner Autonomie scheint nicht mehr unmittelbar im Vordergrund zu stehen. Ein weiterer Einwand gibt zu denken. Geht mit der christlichen Position die Verbindung an eine religiöse Einstellung einher? Verfügt der areligiöse Mensch seines Zeichens doch nicht aber auch über eine Würde? Oder versteht dieser Jemand es nicht, wegen fehlender Gebote, die Person des anderen zu achten?

Auch die Berücksichtigung dieser Auslegungen lassen die Deutung des „Erlangens“ der Menschenwürde für unseren heutigen Gebrauch unvollständig erscheinen. Was unser hochgeschätzter Kant zu dieser Thematik schreibt, und welche Einsichten das alltägliche praktische Miteinander zur Aufhellung bereithalten kann, wird Ihnen hier übernächste Woche dargelegt werden.