LUXEMBURG
SVEN WOHL

Netflix-Doku „The Speed Cubers“ lädt zum Entdecken eines besonderen Sports ein

Ein Dokumentarfilm hat zwei Ziele: Unterhalten und informieren. Der Hang dazu, eine Geschichte zu erzählen, um beides zu erfüllen, hat sich in den letzten Jahrzehnten etabliert. Das hat den Vorteil, dass auch jene Zuschauer, die typischerweise der Gattung oder einem Thema fernbleiben, sich dafür begeistern lassen können. Das Beispiel von „The Last Dance“ bietet sich an: Obwohl man nichts mit Basketball anfangen kann, zieht die gute Inszenierung einen sofort in seinen Bann. „The Speed Cubers“ setzt weniger auf klassische Spannung, dafür aber mehr auf die Emotionen, die einen Sport begleiten können. Dass es dabei um „Speedcubing“ geht, ist fast zweitrangig.

Sekundenschnell gelöst

Für die Nichteingeweihten: Speedcubing nennt sich der Wettbewerb rund um das schnellstmögliche Lösen von „Rubik‘s Cubes“ - im Deutschsprachigen als Zauberwürfel bekannt. Während Otto-Normalsterblicher vielleicht davon träumt, einen solchen bis zum Pensionsalter zu lösen, bringen Speedcuber das in Sekundenschnelle fertig.

Nun wäre es ein Leichtes, eine ganze Dokumentation darum drehen zu lassen, wie diese Zauberwürfel sich lösen lassen. Dahinter verbirgt sich genug Technik und Hirnschmalz, um ein abendfüllendes Formal zu vollenden. Es wäre auch trocken und wahrscheinlich langweilig. „The Speed Cubers“ geht einen anderen Weg und dokumentiert an und für sich vor allem die Beziehung zweier Spieler auf dem höchsten Niveau: Max Park und Feliks Zemdegs.

Letzterer hielt zeitweise zahlreiche Weltrekorde. Aktuell hält der Speedcuber aus Australien mit d5,53 Sekunden immer noch den Rekord für das Lösen eines klassischen 3x3x3 Zauberwürfels. In den anderen Kategorien wurde der 24-Jährige mittlerweile übertrumpft - unter anderem von Max Park. Der 18-jährige Amerikaner hält die Rekorde für die Zauberwürfel der Größen 4x4x4, 5x5x5, 6x6x6, 7x7x7 und 3x3x3 mit einer Hand. Max Park hat Autismus und Feliks ist sein großes Vorbild. Obwohl sie Kontrahenten sind verbindet sie eine tiefe Freundschaft, die Max auch hilft, mit seinen sozialen und motorischen Fähigkeiten auszubauen. Es ist genau dieser Aspekt, auf den die 40-minütige Doku eingeht: Sie beleuchtet das Umfeld, die Familien und die Wettbewerbe und zeigt, wie zwei Kontrahenten sich gegenseitig weiter vorantreiben. Sie entwickeln sich vielleicht nicht synchron zu einander, aber es ist eindeutig, dass ein Reifungsprozess beide begleitet. Das macht die kurze Doku interessant, wenn nicht sogar faszinierend, wird im Bereich des Sports doch allzuoft eine geradezu machohafte Inszenierung von Konkurrenzkampf aus Spannungsgründen bevorzugt.

Kurz und grundsolide

Der Doku zu Gute halten kann man ihre Kürze: Es gibt keine Längen, keine überflüssigen Momente. Alles ist so getrimmt und zurecht geschnitten, dass nichts stören kann. Die Zahl an Figuren wird überschaubar gehalten. Diese Gestrafftheit hilft der Doku ungemein, auch weil sie ohne Schnickschnack auskommt. Sie wirft einen ehrlichen, unverfänglichen Blick auf eine Welt, die einem zuvor vollkommen verborgen blieb und verknüpft dies mit leicht verständlichen Emotionen. Das mag nichts Besonderes darstellen, effizient ist es allemal.

Zu diesem grundsoliden Fundament gesellt sich eine Faszination für das Speedcuben. Während Zauberwürfel die Köpfe der meisten zum Rauchen bringen, werden sie hier gelöst, als wären es die reinsten Kinderspiele. Es wird genug darüber erklärt, dass dem Zuschauer die Welt nicht ganz verborgen bleibt, aber so wenig, dass es einem trotzdem rätselhaft bleibt, wie diese jungen Menschen das schaffen können. Auch, dass es hier eine regelrechte Wettbewerbsszene gibt, dürfte denen meisten unbekannt sein. Hier sollte sich durchaus jeder Zuschauer von seiner Neugier antreiben lassen und sich an dieser Netflix-Dokumentation versuchen.