LUXEMBURG
CLAUDE MÜLLER

Rachmaninows Meisterwerke mit dem Ural Philharmonic Orchestra

Wer Sergej Rachmaninow zu seinen Favoriten zählt, der kommt innerhalb von acht Tagen in den Genuss einiger seiner Hauptwerke, noch dazu mit bedeutenden Orchestern aus der Heimat des russischen, schon 1903 im Alter von 30 Jahren ausgewanderten, Komponisten. Nach dem außergewöhnlichen Konzert vom letzten Montag wird schon eine Woche später das „Orchestra of the Mariinsky Theatre“ unter Leitung von Valery Gergiev den begehrten Platz auf den Brettern der Philharmonie mit Werken des extremen Klangdenkers einnehmen.

Der vielseitige Komponist, der zeitlebens, aber hauptsächlich während seines amerikanischen Exils, als viel beschäftigter Konzertpianist, ständig auf Tournee war, nutzte seine knapp bemessene Freizeit zum Schreiben von meist elegischen Klangdarstellungen. Dies erklärt auch die niedrige Opuszahl von 45 Werken, die, sieht man davon ab, dass ein Teil seiner Kreationen unter einer einzigen Nummer zusammengefasst sind oder, wie frühe Opern, gar nicht katalogisiert sind.

Die Vertonung von „Kunstwerken“

Am Montag hatte das fantastische „Ural Philharmonic Orchestra“ eine ganz spezielle Eigenart des Komponisten programmiert, nämlich die Vertonung von „Kunstwerken“, die auf Vorlagen Dritter, der musikalischen Beschreibung eines Gemäldes, das Erleben der Gefühlswelt eines Gedichtes und der Verarbeitung einer Kultmelodie des legendären Teufelsgeigers Paganini, basieren. Die Vielschichtigkeit, die den Ruf Rachmaninows bestimmt, konnte in diesem Konzert, das mit einer bravourösen Interpretation seiner „Toteninsel“ begann und gleich die enorme Klangweite der tiefsinnigen Orchesterbehandlung in den unterschiedlichsten Farben seiner bestens bestückten Palette beleuchtet, vorbildlich verdeutlicht werden.

Unter Dmitry Liss’ beeindruckender Leitung entwickelte sich die hochsensibel illustrierte, tonliche Darstellung des Gemäldes von Arnold Böcklin „Die Toteninsel“ kontinuierlich zu einer reichen Schatzinsel an Fundgruben der musikpsychologischen Art. Das 24-minütige meditative Konzertstück, das quasi ohne Melodie auskommt, lebt von düsteren orchestralen Phrasen und harmonischen Kombinationen, die selten so akzentuiert und brillant wiedergegeben wurden.

Im Gegensatz zu seinen heroischen Klavierkonzerten hat Rachmaninow mit der „Rhapsodie über ein Thema von Paganini“ (Opus 43) eine Demonstration virtuoser pianistischer Formulierungen mit Schwerpunkt auf effektvollen Stimmungsreichtum geschaffen, die er 1934 für sich selbst schrieb. Ähnlich wie Brahms in seinen ungarischen Tänzen hat Rachmaninow in den konzertanten Abhandlungen ein populäres kontrastreiches Pendant zu seinen sonst ruhigeren sinfonischen Werken entwickelt.

Virtuoser Solist am Piano

Pianist Nikolai Lugansky meisterte die 24 Variationen mit dem nötigen Temperament, das ihm erlaubte, die Finessen seines Anschlags diskret aber permanent zielbewusst in das kompakte Spiel des Orchesters zu integrieren. Selbst die zeitweise kapriziöse, von leichter Unterhaltung angehauchte Stilistik, die teils an die Salonmusik der vorletzten Jahrhundertwende, der Belle Epoque, erinnert, konnte der virtuose Solist mit seiner leichten, überzeugenden Ausführung in fesselnder Form ausleben. Auch das Orchester zeigte sich nach der bedrohlichen Klangwelt der Toteninsel von seiner lieblichen, charmanten Seite, was wiederum das Ambiente der konzertanten Suite perfekt widerspiegelte.

Highlight mit 50-köpfigem Chor

Höhepunkt des unvergleichlichen Konzerts war die eher unbekannte Tondichtung „Die Glocken“ nach einem Gedicht von Edgar Allen Poe. Die Komposition, die 1912-13 entstand, offenbart einen moderneren Rachmaninow als dies in den beiden vorigen Werken der Fall war. Dem Orchester, das hier mit vollen Geschützen antrat, neben den markanten Einsätzen von Bassklarinette und Englishhorn spielten Celesta, Basstuba und erweitertes Schlagwerk eine wichtige Rolle, stand ein herrlich kompakt klingender gemischter Chor mit über 50 Ausführenden zur Seite, der mit einem ergreifend emotionalen Klangteppich die berauschende Klangfülle des ohnehin atmosphärisch verzaubernden Apparats mit einer Expression, wie sie wohl nur von der russischen Seele in eine solch berührende Tonsprache umgesetzt werden kann, ergänzte.

Bei dieser überdimensionalen, opernhaften Ausführung, die symbolisch den Ablauf des Lebens darstellt, überragten die drei Solisten, die jeder eine bestimmte Phase eines Lebensabschnittes darstellten. Der junge Tenor Egor Semenkov verkörperte die jugendlichen Erfahrungen mit verführerischer Brillanz, die Sopranistin Yekaterina Goncharowa verhalf der Lebensmitte mit melancholischer, lyrischer Expressivität zu poetischen Wirklichkeitsnähe und der vorzügliche Baryton Yuri Laptev war mit seinen berauschenden, hochkultivierten Reflexionen über Alter und Tod in seinem Element, während der extrem disziplinierte „Yekatarinburg Philharmonic Choir“ die geisterhaften, bedrückenden Klänge im Kontrast zu den fesselnden Ruhepolen und den wilden Elementen der malerischen Ausbrüche in spannender, außergewöhnlicher Manier untermalte.

Dank der perfekten, feinfühligen Koordination der komplexen, ständig wechselnden Registereinsätze, der Überzeugungskraft der vortrefflichen Solisten und dem leidenschaftlichen Einsatz des Chefdirigenten erlebten wir eine exquisite Soiree voller überschäumender Schwermut, nostalgischem Weltschmerz, die durch die bestechende Intensität des Orchesters unter der überzeugenden, leidenschaftlichen Stabführung des Orchesterchefs Dmitry Liss in bester Erinnerung bleiben wird.