CLAUDE KARGER

Nein, die Regierung arbeitet nicht an einer Reduzierung der Arbeitszeiten. Klare Worte des Premiers am Donnerstagabend beim Neujahrsempfang des Industriellenverbands Fedil, womit die Debatte endlich begraben sein dürfte, die LSAP-Vizepremier Étienne Schneider durch einen Halbsatz beim „Néijooschpatt“ der „Sozialistenmenschen“ vor zwei Wochen ausgelöst hatte. Man müsse das derzeitige Beschäftigungsmodell „überdenken“ meinte er.

Worauf wieder andere meinten, das sei ein vom OGBL aufgeblasener Testballon, den Schneider da steigen ließ, um seiner Partei ein wenig mehr Profil zu verleihen.

Jedenfalls hatte die Aussage die Arbeitgeber, die immer noch fuchsteufelswild über den Durchmarsch der Regierung in Sachen „PAN“-Gesetzgebung über die Arbeitszeitregulierung sind - was der Fedil-Chef den Premier am Donnerstagabend nochmal wissen ließ - gehörig auf die Palme getrieben.

Während die CSV frohlockte, einen Ansatzpunkt gefunden zu haben, um einen Keil in den Regierungsblock zu treiben. Gestern noch schwadronierte ein Vielzwitscherer aus den Reihen der größten Oppositionspartei über die „35-Stunden-Woche“, als ob die LSAP das tatsächlich so gefordert hätte. Soviel zum kurzsichtigen Politgeplänkel um eine Frage, die viel weiter und tiefer reicht als nur die gesetzliche Wochen-Durchschnittsarbeitszeit und die Zahl der Urlaubstage, die nun eine - was Wunder sehr erfolgreiche - Petition im Privatsektor um fünf Tage anheben will. Es geht um einen ganzen Fragenkomplex, der zentral für die Gestaltung unseres täglichen Lebens ist. Der Frage, wie wir morgen arbeiten werden - und welche wirtschaftlichen, finanziellen, sozialen und gesellschaftlichen Auswirkungen das hat - muss ganz in den Mittelpunkt der weiteren Diskussionen über qualitatives Wachstum und Rifkin-Ratschläge für die Positionierung Luxemburgs im Zeitalter der Dritten Industriellen Revolution stehen.

Die hat natürlich schon längst begonnen und angesichts der fortschreitenden Automatisierung und Digitalisierung, der „Tertiarisierung“ der Wirtschaft, wird seit Jahrzehnten über die „Zukunft der Arbeit“ geforscht und gestritten und neue Arbeitszeitmodelle ausprobiert und eingeführt. Eigentlich findet diese Debatte seit Anfang der Ersten Industriellen Revolution im 19. Jahrhundert statt. Nur hat sie in den vergangenen Jahren angesichts massiver technologischer Fortschritte auch massiv an Geschwindigkeit gewonnen.

Am Donnerstagabend referierte der Gastredner der Fedil über die Fortschritte der künstlichen Intelligenz, die heute auf dem Niveau eines Kleinkinds sei, bald aber sehr viel weiter. Dass immer mehr Maschinen uns künftig immer mehr Arbeit abnehmen, klingt auf den ersten Blick verlockend. Auf den zweiten stellt sich die bange Frage: Wo bleibt denn da der Mensch, für den der Umstand, Arbeit zu haben, in unserer Gesellschaft bislang von zentraler Bedeutung ist. Wo bleibt er, wenn plötzlich Hunderttausende Jobs durch „Roboter“ verschwinden - ein Szenario, das unter anderem Rifkin bereits 2005 in „The End of Work“ vorzeichnete. Die Furcht davor herrscht derzeit vor. Um sie zu nehmen, müssen auf allen Ebenen andere Modelle der Arbeit und vor allem auch der sozialen Absicherung erarbeitet werden. Ein gesamtgesellschaftlicher Auftrag, der vor allem den Willen für Änderungen verlangt.