MONT ST. MICHEL
HELMUT WYRWICH

Welcher Energieträger kann am besten Umweltverträglichkeit herstellen?

Wenn es weltweit in der Klimapolitik eine Übereinstimmung gibt, dann die, dass Kohlenstoffdioxid (CO2) zurück gedrängt werden muss. Und dann, dass dies nur mit Regulierung des Gas-Ausstoßes geht. Das führt dazu, dass die Industrie sich auf die Suche nach neuen Energiequellen begibt, die umweltneutral sind. In der Industrie, zwischenzeitlich aber auch in der Politik, fällt dabei das Auge immer stärker auf Wasserstoff.

Der US Ökonom Jeremy Rifkin hat in seinem Leben 21 Bücher veröffentlicht. Sein Bestseller heißt „Die dritte industrielle Revolution“. Wesentlich wichtiger wird derzeit aber seine Veröffentlichung: „Die Wasserstoff-Wirtschaft“, ein Buch, das er bereits 2002 veröffentlichte. Rifkin blickt stets sehr weit voraus und hat das vor 18 Jahren auch getan. In seiner damaligen Veröffentlichung träumt er von einer Gesellschaft, in der jeder Solarzellen auf dem Dach seines Hauses hat, in der jeder per Elektrolyse Wasserstoff herstellen und in ein Netz einspeisen kann. Was damals beinahe revolutionär war, weil die Technik so durchaus noch nicht vorhanden war, war so neu aber auch wieder nicht. Schon Jules Vernes sagte in seinen Romanen voraus, dass man eines Tages aus Wasser Strom erzeugen würde. Nur hat Rifkin sehr konkrete Vorstellungen. „Die Wasserstoff-Wirtschaft“, sagt der US-Ökonom in einem Gespräch mit der deutschen Tageszeitung Handelsblatt, „ist da“.

Während vor 18 Jahren kaum jemand in der Öffentlichkeit die Wasserstoff- Voraussage ernst nahm, ist seine Idee von damals in der Wirklichkeit angekommen. Warum? Der Energieträger Wasserstoff kann dezentral überall in Fabriken oder beispielsweise an Tankstellen eingesetzt werden. In der Chemie-Industrie ist Wasserstoff heutzutage unabkömmlich. Und: Wasserstoff ist das Element, mit dem sowohl Industrie als auch Privatleute umweltfreundlich handeln können. Wir werfen einen Blick auf die aktuellen Entwicklungen.

Die Initiative „NortH2“

Europas größtes Projekt

Ein internationales Konsortium aus Gasunie, Groningen Seaports und Shell Niederlande will in Groningen unter dem Namen „NortH2“ Europas größtes grünes Wasserstoffprojekt errichten. Bis zum Jahre 2030 sollen bis zu vier Gigawatt produziert werden. Bis 2040 soll die Kapazität auf zehn Gigawatt aufgestockt werden. Der Wasserstoff soll mit Hilfe von erneuerbaren Energien, in diesem Fall Windkrafträdern, erzeugt werden, daher auch „grüner“ Wasserstoff. Ziel ist die Produktion von 800.000 Tonnen jährlich. Das bedeutet eine Einsparung von sieben Megatonnen Kohlenstoffdioxid pro Jahr.
Mit dem Windpark soll elektrische Energie erzeugt werden, die dann mit Hilfe einer Elektrolyse-Anlage in Wasserstoff verwandelt wird. NortH2 denkt daran, den Wasserstoff über ein „intelligentes Verteilernetz“ an die Industrie und auch an Haushalte zu liefern. Marjan van Loon, Präsident von Shell Nederland: „Wir treten hier an, um die Niederlande in Sachen Wasserstoff weltweit an die Spitze zu bringen.“ Wasserstoff ist ein idealer Speicher für den Strom, den die Windräder produzieren. Mit ihm lassen sich durch Rückwandlung Produktionslöcher ausgleichen wie auch Spitzenzeiten in der Anforderung von Strom abdecken.
Der Shell-Konzern ist weltweit in der Entwicklung alternativer Energien engagiert. In Australien baut er eine Sonnenfarm. Wichtiger aber: Bis Ende 2020 wird er um die 200 Tankstellen in Deutschland mit „Wasserstoff-Zapfsäulen“ ausgerüstet haben. Die Investitionen sind beträchtlich. Shell hat Erfahrung mit dem Umbau gesammelt und das Verfahren standardisiert. Der Umbau einer Tankstelle kostet etwa eine Million Euro.  wy.
Paul Wurth entscheidender Partner bei Projekt von Salzgitter

Stahl trennt sich von Koks und Kohlenstaub

Die Dresdener Firma Sunfire, seit 2018 eine Tochtergesellschaft des Luxemburger Unternehmens Paul Wurth, ist der entscheidende Partner am Modellprojekt des Stahlkonzerns Salzgitter AG, die unter Einsatz von Wasserstoff zukünftig Stahl produzieren will. Sunfire hat in Salzgitter den bisher größten „Hochtemperatur-Elektrolyseur“ der Welt installiert und produziert hochreinen Wasserstoff, den das Unternehmen in den kommenden Jahrzehnten zur Stahlerzeugung einsetzen und so die Kohle ersetzen will.
Der größte deutsche Stahlhersteller, ThyssenKrupp, will bis zum Jahr 2030 seine Emissionen um 30 Prozent reduzieren. Üblicherweise nutzt das Unternehmen für eine Tonne Stahl 300 Kilogramm Koks und 200 Kilogramm Kohlenstaub. Thyssen setzt nun in einer Versuchsreihe in Duisburg in einem Hochofen erstmals Wasserstoff statt Kohlenstaub ein. Auf diese Weise soll der Ausstoß von Kohlenstoffdioxid (CO2) um 20 Prozent reduziert werden. Statt des Gases wird Wasser als Abfallprodukt ausgestoßen.
In Hamburg baut ArcelorMittal ein Versuchsstahlwerk, das auf Wasserstoff Basis die Hitze für die Eisenschmelze erzeugen soll. Im Saarland experimentiert die Unternehmensgruppe SHS mit Wasserstoff zur Stahlherstellung. wy.
Seit gut 180 Jahren bekannt

Die Brennstoffzelle

Das Prinzip der Brennstoffzelle ist seit gut 180 Jahren bekannt. Vereinfacht ausgedrückt: Wasserstoff und Sauerstoff erzeugen in einer Reaktion miteinander Strom und Wärme. Der im Auto selbst erzeugte Strom wiederum kann für Elektroantriebe in Automobilen genutzt werden. Das Verfahren kann man aber auch umkehren. Das heißt: Man kann Strom in Wasserstoff verwandeln. Dieses Umkehrverfahren ist besonders wichtig bei der Windkraft. Deren Stromerzeugung ist bei der Umwandlung in Wasserstoff speicherbar und wird unabhängig von Batterien. Wasserstoff kann in diesen Fällen als Energiequelle über Leitungssysteme im Land verteilt werden.
Brennstoffzellen werden darüber hinaus zunehmend auch als Heizungsanlagen für Gebäudekomplexe und Einzelhäuser verwendet. Hier wird allerdings Erdgas beigemischt.  wy.