LUXEMBURG
CHRISTIAN SPIELMANN

Goldene Palme 2018 in Cannes, jetzt in Luxemburgs Kinos: „Manbiki kazoku“

Regisseur Hirokazu Kore-eda gewann dieses Jahr in Cannes die Goldene Palme für seinen Film „Manbiki kazoku“ (Shoplifters), der nun in unseren Kinos läuft. Das Familiendrama spielt in der untersten sozialen Schicht Japans, ein Land, das den Eindruck nach außen erweckt, als gäbe es dort keine armen Menschen. Dennoch nimmt die Armut in Japan ständig zu. Jeder sechste Japaner gilt als arm, wobei die Armutsgrenze bei 100.000 Yen liegt, also umgerechnet 800 Euro. Regisseur Kore-eda wirft nicht mit solchen Statistiken um sich, sondern zeigt konkret, wie eine Familie in Tokio ihre Existenz bestreitet.

Geheimnisvolles Mädchen

Allerdings sind verschiedene Zusammenhänge und Situationen nicht direkt zu verstehen und bereiten dem Zuschauer Kopfzerbrechen. Erst im zweiten Teil wird die Familiensituation geklärt, wobei dennoch Fragen offenbleiben. Osamu (Lily Franky) arbeitet im Bau und zieht mit seinem Sohn Shota (Jyo Kairi) durch die Geschäfte. Aber sie bezahlen die Sachen nicht, sondern klauen sie. Sie arbeiten nach der Devise, dass die Sachen im Laden noch keinen Besitzer haben und so können sie gestohlen werden. Auf dem Nachhauseweg treffen sie auf ein kleines Mädchen, Juri (Miyu Sasaki), das Hunger hat. Sie nehmen sie kurzerhand mit zu sich nach Hause und bemerken viele Narben und Wunden am Körper der Kleinen. Sie scheint von wenigstens einem Elternteil misshandelt worden zu sein.

Im Haus wohnen noch Oma Hatsue (Kirin Kiki), Osamus Ehefrau Nobuyo (Sakura Andô) und deren Schwester Aki (Mayu Matsuoka). Nobuyo arbeitet in einer großen Wäscherei, während Aki in einem Hostessen-Club Männer anmacht. Doch es scheint als würde Hatsue die ganze Clique ernähren. Die Zeit vergeht und Juri weilt immer noch bei der Familie. Nach über zwei Monaten wird sie im Fernsehen als vermisst oder gar gekidnappt gemeldet. Um nicht in den Verdacht zu geraten, Juri entführt zu haben, geben Osamu und Nobuyo ihr den Vornamen Lin, schneiden ihr die Haare und geben sie als ihre Tochter aus.

Alles ist anders als gezeigt

In ruhigen Bildern erzählt der Regisseur seine 121-minütige Geschichte, die erst im zweiten Teil etwas bewegter wird. Am Anfang scheint die Situation auf den ersten Blick in Ordnung zu sein, aber einzelne Indizien zeigen, dass dem nicht so ist.

Erst als Shota beim Stehlen erwischt wird, ändert sich alles und die Familienbande wird entlarvt. Ohne diese hier zu verraten, werden die einzelnen Schicksale überraschen, wobei nicht alles erklärt wird, wie das Verhältnis der Oma zu ihrem Sohn - ist es überhaupt ihr Sohn? -, der in besseren Verhältnissen lebt. Genau diese undefinierten Elemente machen, dass sich das Interesse des Zuschauers verliert, denn die Antworten lassen lange auf sich warten und können nicht vollends überzeugen, wie auch die Begegnung zwischen Nobuyo und Osamu. Aus ihrer Vergangenheit wird ersichtlich, dass sie über keine wirkliche Moral verfügen, sondern nur über das Bedürfnis, Liebe zu teilen.

Diese Liebe schweißt sie zusammen und macht sie stark. Die letzten Bilder von Juri zeigen, dass es nicht die eigene Familie ist, die wichtig ist, sondern die Liebe und das Verständnis, das von Menschen ausgeht.

Der absolut große Wurf ist „Shoplifters“ mit seiner Goldenen Palme nicht, sondern allenfalls ein Film, den man sich ansehen kann.