YOU DON'T KNOW MAN, YOU WEREN'T THERE
DANIEL OLY

Indochina hautnah: „Rising Storm 2: Vietnam“ zeigt den Konflikt in aller Härte

Der Tod lauert in „Rising Storm 2: Vietnam“ überall; hinter der nächsten Hecke. Im Schützengraben. In der Luft. Im Krähennest, oben in dieser einen Scheune - überall. Und er schlägt gnadenlos zu, denn schon die kleinste Wunde, der kleinste Treffer, ein einziger Splitter endet schnell tödlich. Wer zum Teufel tut sich so etwas als Spiel an? Und warum macht es trotzdem Spaß?

„Rising Storm 2: Vietnam“ ist einer dieser bockschweren, auf Realismus getrimmten Team-Shooter, die sich eine völlig andere Kundschaft aussuchen als die meisten anderen Shooter. „Battlefield“, „Call of Duty“ und Konsorten sehen, was Immersion und Komplexität betrifft, kein Land. Entsprechend spielen sich die Runden wesentlich methodischer; nur wer im Team zusammen arbeitet, kommt auch ans Ziel - und bleibt am Leben. Zeitweise zumindest.

Klare Rollenverteilung

Das liegt daran, dass „Rising Storm 2: Vietnam“ auf ein ganz klares Rollensystem aufbaut, das von den anderen Titeln des Entwicklers „Tripwire Interactive“ übernommen wurde: Schon in „Red Orchestra“ fanden sich die Spieler in einzelnen Trupps zusammen und erfüllten klar abgesteckte Aufgaben - ein MG-Schütze gibt Deckungsfeuer, der Aufklärer hält nach Feinden Ausschau, der Pionier räumt Minen.

Und der Funker? Ach, da war ja was: Jedes Team hat einen Offizier, der das Geschehen lenkt und über den sich Unterstützung wie Artillerieschläge oder Luftangriffe befehlen lassen. Dafür benötigt der Spieler aber zwei Dinge: Zum Einen muss er ständig in Kontakt mit den Anführern der einzelnen Einheiten stehen, die ihm die nötigen Koordinaten vermitteln. Zudem braucht er Funker, um die Angriffe auch befehligen zu können.

All das sorgt für sehr viel Tiefgang; Schützen geben sich gegenseitig Deckungsfeuer, Aufklärer legen dichte Nebelschleier, um einen Vorstoß zu decken - und irgendwo dazwischen wuseln die Funker umher, um Befehle zu vermitteln. Wenn das Team nicht zusammen arbeitet, hat es keine Chance. „Rising Storm 2: Vietnam“ ist eindeutig kein Gelegenheitsspiel. Mit dem nötigen Teamplay macht man sich aber ganz schnell Freunde.

Beispielsweise als Pilot: Warum durch den Sumpf waten, wenn man auch bequem mit Rotor-Knattern in den Einsatz brettern kann. Als Transportmittel stehen den US-Streitkräften zwei Hubschraubertypen zur Verfügung, hinzu kommen Kampfhubschrauber. Die wollen aber erstmal beherrscht werden - und müssen von Piloten geflogen werden, die dann keine andere Klasse wählen können. Entscheidungen über Entscheidungen.

Kein Moralapostel

Die gibt es bei den vietnamesischen Truppen nicht; Kampfhubschrauber und anderes High-Tech-Kriegsgerät? Fehlanzeige. Stattdessen gibt es Schützengräben, Erdlöcher und Tunnels. Während die USA eher auf Angriff setzen, liegt die Stärke der Vietnamesen in der Verteidigung. Dementsprechend sind die Karten und Szenarien oft so aufgebaut, dass die eine Seite Gelände einnehmen muss, während das Vietcong-Team das um jeden Preis verhindern möchte.

„Rising Storm 2: Vietnam“ fängt die Besonderheit des Vietnam-Konfliktes mit seiner asymmetrischen Kriegsführung damit gut ein. Präzisen Hubschrauber-Angriffen folgen herkömmliche Angriffe zu Boden. Rückzug und ständiges Hin und Her. Tunnel werden dann ganz schnell zur Falle für den herkömmlichen GI, während die Viet-Truppe sich nicht weiter daran stört. Gleichzeitig versuchen beide Seiten, den „Kopf der Schlange“ abzuschlagen: Der feindliche Offizier. Geheime Kommando-Aktionen versuchen, wertvolle Zielpersonen wie Truppenleiter oder Generäle auszuschalten. Wieder etwas, das so direkt aus dem Konflikt stammen könnte.

Damit haben die Runden eine gehörige Prise Taktik, die es in anderen Shootern nicht gibt. Beide Fraktionen spielen sich unterschiedlich, unabhängig vom Szenario. Beiden Seiten gemein: die ungeheuerliche Brutalität. Der kleinste Treffer endet tödlich, Waffen sind notorisch unpräzise. Sprengfallen und Bambus-Spieße sind gemein, Bomben sowieso. Krieg ist grausam.

Da hilft dann oft nur brutalste Bandage. Gleiches mit Gleichem vergelten: Flammenwerfer, Napalmbomben und ein Hagel an Handgranaten räuchern die Gräben und Tunnel regelrecht aus. „Rising Storm 2: Vietnam“ nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um die Gräueltaten beider Seiten in dem Zermürbungskrieg geht. Gleichzeitig vermeidet es aber, den Moralapostel zu geben und schulmeisterhaft auf den Kriegsverbrechen herum zu reiten. Zivilisten - eigentlich omnipräsent im Vietnam-Konflikt - gibt es zum Glück keine. Strohhütten niederbrennen kann man auch nicht. Gerade noch die Kurve gekriegt.

Präsentation nach Maß

Dennoch steckt man beim Spielen direkt mitten in dem Konflikt. Nach dem Spielstart begrüßt uns das Spiel bereits sehr passend: Mit „Run through the jungle“ tönt nicht nur ein Credence Clearwater Revival-Song durch das virtuelle Röhrenradio, auch der Rest der Aufmachung vermittelt direkt Fernost-Atmosphäre. Das liegt an der gelungenen Aufmachung, die trotz einer in die Jahre gekommenen Grafikengine immer noch sehr hübsch aussehen kann - sofern man nicht genauer hinschaut. Ansonsten fallen teils niedrig aufgelöste Texturen und etwas holprige Animationen auf.

Die Maps selbst wirken sehr stimmig und insbesondere die Effekte der Spezialfertigkeiten überzeugen: Artillerie-Einschläge, Brandbomben und dichte Nebelgranaten sind sehr gelungen. Und ganz ehrlich: Im Eifer des Gefechtes hat man Besseres zu tun, als die Landschaft zu vermessen. Am Leben zu bleiben, beispielsweise. Dass das nicht immer gelingt, liegt oft am Können anderer Spieler.

Potenzial zum Nachbessern

Einige Kritikpunkte gibt es dann aber doch. So beschränkt sich das „Tutorial“ auf eine Serie an Videos, die den Spieler nicht selbst Hand anlegen lässt. Die Videos erklären zwar kurz und knapp, worauf man sich einstellen sollte. Wirklich vorbereitend wirken sie aber nicht, dementsprechend wuseln viele Spieler in den Matches eher plan- und ziellos über die Karten. Das könnte besser gelöst sein, sollte sich aber mit der Zeit geben.

Was hingegen gut klappt: Der Fan-Support ist gesichert, Spieler können selbst neue Karten gestalten. Zugleich kündigte „Tripwire“ bereits an, auch selbst weitere Inhalte nachreichen zu wollen. So soll die ARVN-Truppe, die Armee Südvietnams, noch folgen. Das wäre zwar wohl „nur“ Kosmetik, würde das Setting aber dennoch komplettieren. Fahrbare Untersätze abseits der Hubschrauber wären als Abwechslung auch nicht verkehrt. Es muss ja nicht gleich ein Panzer sein.

Für PC erhältlich ab circa 20 Euro.