LUXEMBURG/HAMBURG
CORDELIA CHATON

Hamburg hat Bürger in ein neuartiges Projekt zur Verteilung von Flüchtlingen eingebunden

Als in Hamburg 40.000 Flüchtlinge verteilt werden sollten, suchte der Senat nach Flächen und viele Bürger liefen Sturm. Die Lösung brachte ein Modell von Prof. Gesa Ziemer von der HafenCity-Universität, die in einem City-Science-Lab auf riesigen Tischen mit interaktiven Karten Flüchtlingsunterkünfte zwischen 300 und 1.500 Bewohner plante. Dabei zeigte das digitale Modell an, wie viele Flüchtlinge noch zu verteilen waren und wie das den Verkehr und den Schulbedarf beeinflusst. Das Projekt endete mit Erfolg, ein gefordertes Referendum fand nicht statt und der Senat der Hansestadt ist von dem Modell so angetan, dass er es wieder nutzen will. Die Modelle werden in Zusammenarbeit mit dem Media Lab des Massachusetts Institute of Technology (MIT) entwickelt und auch in anderen Städten oder Ländern wie Andorra, China oder Boston eingesetzt. Wir haben die Wissenschaftlerin gefragt, wie „CityScopes“ funktionieren, was es bringt und ob es sich auch hier nutzen ließe.

Frau Prof. Ziemer, was hat das „CityScope“ bislang in Hamburg gebracht?

Prof. Gesa Ziemer Wie haben dieses erst einmal für die Suche nach Unterkünften für Flüchtlinge eingesetzt. Das Projekt ist seit Ende September beendet. Die Ergebnisse haben wir präsentiert. Wir haben 44 öffentliche Flächen gefunden, die bebaubar sind und Platz für rund 6.500 Menschen bieten. Auf sechs Flächen hat der Bau von Flüchtlingsheimen für rund 800 Menschen bereits begonnen. Das reicht jetzt erstmal, weil durch die Schließung der Balkanroute weniger Flüchtlinge kommen.

Es ist ein Projekt zur Beteiligung von Bürgern. Wie viele Menschen waren dabei??

Prof. Ziemer Es waren knapp 450 Bürger, also nicht sehr viele in einer Stadt mit knapp zwei Millionen Einwohnern. Aber es kamen auch die, die unzufrieden waren und wir konnten erklären wie komplex die Suche nach Fläche ist. Wenn der Druck ganz hoch ist, wollen die Leute mitmachen. Als die Balkanroute dann geschlossen wurde, sank das Interesse. Entscheidend war aber auch, dass die Verwaltung der Stadt am Modell zusammen kam: Stadtplaner, Sozialbehörde und die Naturschützer. Wir haben neben den 40 Workshops mit Bürgern auch viele Veranstaltungen durchgeführt, die behördenübergreifendes Lernen ermöglicht haben. Die Modelle sind sehr plastisch und alle Workshops waren konstruktiv.

Wie viele Flüchtlinge konnten Sie unterbringen?

Prof. Ziemer Wir haben für knapp tausend Leute eine Bleibe gefunden. Genauso wichtig war es aber, dass das City Scope eine Plattform bietet, um komplexe Sachverhalte in Stadtplanungsfragen darzustellen und gemeinsam zu diskutieren. Zwar sind noch rund 4.000 Flüchtlinge in Erstunterbringung. Doch das Projekt hat sich sehr auf die Stimmung in der Stadt ausgewirkt. Im Frühjahr gab es eine Bürgerinitiative, die gegen die Unterbringung von Flüchtlingen in Großunterkünften waren - vor allem nicht in der Nähe ihres Heims. Da wurde ein Referendum gefordert. Aber wir haben das Projekt auch gemacht, um die Situation zu befrieden, indem wir den Diskurs von der emotionalen auf eine sachliche Ebene gehoben haben. Wir haben dann gezeigt, wo die Einschränkungen für die Stadt Hamburg liegen, also Dinge wie Lärmschutz, Überflutungsgefahr oder Industrieareale. Das war gut, weil sie verstanden haben, was es für Restriktionen gibt. Im Sommer gab es so genannte Bürgerverträge in den Bezirken. Insgesamt hat sich die Situation entschärft, gleichzeitig wurden Lösungen gefunden. Private Unterbringung wurde übrigens nicht einbezogen, weil wir wegen des Datenschutzes nicht über private Flächen sprechen durften. Aber der zentrale Koordinierungsstab hatte eine Nummer, da konnte man anrufen. Auf diese Art konnten noch mehr Flüchtlinge untergebracht werden.

Wie geht es jetzt mit CityScopes weiter?

Prof. Ziemer Wir werden das Projekt in Hamburg noch für andere Fragestellungen weiterverwenden; Themen wie Wohnungsbau, neue Formen von Mobilität oder Gesundheitsversorgung beispielsweise. Es gab ein großes mediales Interesse, der Sender RAI Uno hat eine große Reportage über uns gemacht. Katar hat auch angefragt, weil wegen der Fifa 2022 die Infrastruktur des Landes angepasst werden muss.

Was ist bei CityScopes anders als bei anderen Bürgerbeteiligungsmodellen?

Prof. Ziemer Ich glaube, das Spezielle ist die Kombination von Digitalen und Analogem. Man kann mit Legosteinen selbst in Karten eingreifen und diese sofort beeinflussen. 3-D-Modelle sind für viele zu technisch und schwerer nachvollziehbar. Wenn man dagegen einen Legostein für eine Unterkunft mit 400 Leuten setzt, dann sieht man direkt den Einfluss auf Kitas, Schulen, Straßen, Grünflächen, Sportplätze und mehr. Das ist das Attraktive an diesen Modellen.

Lässt sich das Modell auf andere Städte übertragen?

Prof. Ziemer Auf jeden Fall und das MIT arbeitet bereits sehr international. Man kann Fragen der Stadt- und Regionalentwicklung als „Was-wäre-wenn-Szenarien“ simulieren. Was wäre, wenn in den Innenstädten keine privaten Autos mehr fahren? Was wäre, wenn wir unsere Energieversorgung dezentralisieren würden? Wie sieht ein gesunder Stadtteil der Zukunft aus? Als Uni für Baukunst und Metropolenentwicklung haben wir die nötigen Kompetenzen. Bürgerbeteiligung mit digitalen Tools ist eine europäische und demokratische Spezialität. Das MIT macht nicht wirklich Bürgerbeteiligung, da diese in den USA oder Asien nicht so bekannt ist und die amerikanischen Kollegen profitieren viel von den neuen Erfahrungen.

Welche Voraussetzungen gibt es für das Modell?

Prof. Ziemer Entscheidend ist die Transparenz der Daten. Wir haben in Hamburg ein Transparenzgesetz. Das sind die Daten, auf die jeder Bürger zugreifen kann. Das ist sehr wichtig, weil solche Daten kein Herrschaftswissen sind. Denn mit Daten kann man sehr stark manipulieren. Eine weitere Voraussetzung lautet: Das Modell muss politisch gewollt sein. Unser Bürgermeister will die Bürgerbeteiligung mit digitalen Tools entwickeln und ausbauen. Das macht es für uns leichter.

Hatten Sie schon Kontakt zu Luxemburg?

Prof. Ziemer Nein, nicht bezüglich meiner wissenschaftlichen Arbeit, sondern über Rita Knott und das Female Board Pool. Luxemburg und Hamburg haben Ähnlichkeiten, es ist nicht so viel Fläche vorhanden und es findet Wachstum statt. Auch Luxemburg wird sich verdichten. Wie das zukünftig sinnvoll geschehen kann, wird auch hier die Frage sein. Und ich komme gerne für Projekte auch nach Luxemburg.


www.gesa-ziemer.com

www.findingplaces.hamburg