CLAUDE KARGER

Die Direktionsbeauftragte des „Kanner- a Jugendtelefon“, Barbara Gorges-Wagner, legte gestern Morgen im RTL-Interview den Finger in eine Wunde, die uns besonders sorgen müsste: den wachsenden Stress, dem bereits Kinder ausgesetzt sind. Laut Jahresbericht des KJT, dessen sehr wertvolle, stark vom Engagement von Freiwilligen abhängige Arbeit wir an dieser Stelle ausdrücklich würdigen möchten, wenden sich immer mehr junge Menschen an den Dienst, um Hilfe für den Umgang mit dem hohen Druck zu suchen, dem sie im Alltag ausgesetzt sind. Der Anstieg dieser Hilferufe mag damit zu tun haben, wie Frau Gorges-Wagner meinte, dass das KJT durch verstärkte Öffentlichkeitsarbeit auf dem Radar von mehr Leuten gelandet ist.

Dass es insgesamt aber immer mehr Menschen gibt - ob Erwachsene oder Kinder - die nach Hilfe suchen, weil sie mit der Geschwindigkeit eines Alltags nicht mehr klarkommen, der kaum noch zur Ruhe kommen lässt, liegt auf der Hand. Da braucht man nur einen Arbeitsmediziner oder einen Psychologen zu fragen. Laut Weltgesundheitsorganisation sind 25 Prozent der Bevölkerung in Europa von mentalen Problemen betroffen, deren Therapie und Vorbeugung einer der wichtigsten Problematiken der öffentlichen Gesundheit sein muss.

Die Faktoren für Stress sind sehr unterschiedlich. Das KJT berichtet über vollgepackte Stundenpläne, hohe Erwartungshaltungen der Eltern, Konkurrenzdruck, familiäre Probleme. Dazu kommt die digitale Reizüberflutung. Während das noch junge, aber längst nicht mehr wegzudenkende Internet einerseits unser Leben erleichtert und Zugang zu einem gigantischen Wissensschatz bietet, bringt es auch einen täglichen Informationstsunami, der kaum noch sortiert werden kann. Kein Wunder, dass jeder versucht, die Datenflut , die die Grenzen zwischen einer professionell recherchierten und überprüften Information und einem Meinungsstück irgendeines Bloggers, zwischen Fakt und Kommentar längst verwischt hat, irgendwie zu kanalisieren und nur noch das an sich heran zu lassen, was einen interessiert. Die Gefahr in einer „Blase“ zu landen, ist real. Genau wie jene, zum Opfer von allerlei Angriffen auf den sogenannten „sozialen Medien“ zu werden.

Nicht nur das KJT, das übrigens auch ein „Elterntelefon“ betreibt, sieht einen Anstieg von Cybermobbing-Fällen, die schlimme Auswirkungen besonders auf die Psyche von Jugendlichen haben können, die sich noch selbst suchen. Die Hilfs-Hotlines sind notwendiger denn je. Aber die kniffligste Frage die sich stellt ist die, wie Stress und Mobbing vermieden werden können. Es gibt zum Glück eine Menge Initiativen an Schulen und in Jugendstrukturen, um die Gefahren im Netz zu erkennen und das richtige Verhalten in den digitalen Sphären zu lernen. Das müsste sehr früh noch stärker in die Bildungsprogramme integriert werden, genauso wie der kritische Medienkonsum und Techniken zur Entlarvung von „Fake News“ etwa. Aber natürlich kann der Schule nicht die ganze Erziehung überlassen werden. „Nicht zuletzt leben gestresst lebende Eltern „das gestresste Leben“ vor“, heißt es im KJT-Bericht. Muss das sein? Vielleicht hilft ein Waldspaziergang - ohne Smartphone.