LUXEMBURG
MARA KROTH

„Remote Learning“: Studierende und Lehrpersonal der Uni Luxemburg sind seit Mitte März auf Online-Vorlesungen angewiesen

Mit einer Vorbereitungszeit von knapp drei Tagen konnte die Universität Luxemburg am 16. März fast alle Lehrveranstaltungen der jeweiligen Studiengänge online abhalten. „Nur wenige Universitäten wären dazu im Stande gewesen“: Der Rektor der Universität, Stéphane Pallage, bedankte sich via E-Mail bei allen Mitarbeitern, dem Lehrpersonal und den Studierenden, die sich nun für unvorhersehbare Zeit auf „Remote Teaching“, „Remote Learning“ und Homeoffice einstellen müssen. Die Pforten der Campi in Limpertsberg, Kirchberg und Belval wurden nach der Pressekonferenz der Regierung am Abend des 12. März geschlossen, die Mitarbeiter Schritt für Schritt nach Hause ins Homeoffice geschickt.

„Lernen aus der Ferne“

„Remote Learning“: Das bedeutet soviel wie „Lernen aus der Ferne“. War die Universität auf den Sprung ins kalte Wasser des digitalen Lernens und Lehrens vorbereitet? Die interne Plattform „Moodle“ gibt Lehrpersonal und Studierenden der drei Fakultäten bereits seit Jahren Zugang zu allen angebotenen Lehrveranstaltungen. Ein immatrikulierter Student kann sich in die belegten Kurse online einschreiben und dort Literatur, Präsentationen oder anderes Lernmaterial ansehen oder herunterladen, welches die Dozenten zuvor zugänglich gemacht hatten.

Auch Arbeitsaufträge werden über die Plattform hochgeladen und veröffentlicht. Hausarbeiten und auch die Bachelor- oder Masterarbeit können dem Betreuer via Moodle digital eingereicht werden. Demnach war eine wichtige Struktur zur Kommunikation und Organisation zwischen Studierenden und Lehrpersonal bereits gegeben, als die Zeit der Quarantäne in Luxemburg begann.

E-Learning und E-Solidarität

„Ich würde sagen, dass wir zum Teil auf diese Krise vorbereitet waren“, sagt Dr. Robert Reuter, Dozent für Psychologie an der Fakultät für Geisteswissenschaften, Erziehungswissenschaften und Sozialwissenschaften in Belval. Sein Forschungsgebiet: Strategische Nutzung von digitalen Medien und anderen Technologien im Bildungsbereich.

Für seine Lehrtätigkeit ist die momentane Situation der perfekte Moment, Theorie und Praxis zu verknüpfen. „Seit Jahren haben wir schon Arbeitsaufträge und Literatur auf Moodle hochgeladen, die Studierende zum selbstgesteuerten Lernen animiert“, fasst Reuter zusammen. „Jedoch müssen wir nun sehr viel genauer in unseren schriftlichen Anweisungen sein, da wir nicht mehr die Möglichkeit haben, Missverständnisse im Seminarraum zu klären. Dies ist jetzt nur noch über Live-Videokonferenzen möglich. Dort können wir auch individueller auf die Studierenden eingehen, Kontakt über Stimme und Video herstellen und eine persönlichere Ebene kreieren. Die emotionale Unterstützung von Studierenden durch Dozenten spielt in dieser Zeit eine noch wichtigere Rolle, was man nicht vergessen darf“, erinnert Reuter.

Technische Probleme bei dem ein oder anderen führe auch zu Solidarität unter den Studierenden, denn: Digitalisierung kann auch ungewollt andere ausschließen. So berichtet Robert Reuter von einem Online-Seminar, in der ein Student weder mit Mikrofon noch mit Kamera mit den anderen kommunizieren konnte, lediglich via Text-Chat. „Eine Kommilitonin hat daraufhin alles, was wir im Seminar besprochen haben, als kleine Zusammenfassung in den Chat gepostet, damit der „blinde und taube“ Kommilitone folgen konnte. Sie hätte sich auch ausschließlich auf die Diskussion im Kurs konzentrieren können. Diesen außerordentlichen Akt der Solidarität fand ich herzerwärmend, denn niemand sollte aus dem digitalen Lernumfeld ausgeschlossen werden. Solche Szenarien sollten in Zukunft verhindert werden, doch wir müssen auch spontan reagieren können“. Reuters Fazit: Auch wenn die Campi wie leergefegt sind, die Uni-Gemeinschaft rückt durch diese ungewöhnliche Situation näher zusammen.

Mit über 50 Personen im digitalen Hörsaal

Das Studium aus der Ferne wird mithilfe von „Webex“ durchgeführt, einem Videokonferenz-Programm von Cisco. Mit jenem Tech-Unternehmen hatte die Universität Anfang März 2018 noch den Start einer „Cisco Networking Academy“ für die Studierenden der Universität bekanntgegeben, die so Zugang zu e-learning Kursen der Academy im Bereich Security, Entrepreneurship und Datenanalyse bekommen. An einer Online-Vorlesung kann problemlos ein ganzer Hörsaal teilnehmen. An einem Seminar nehmen im Schnitt 15 Studierende, an einer Vorlesung ca. 50 Studierende teil, berichtet Alpha Muyizere, Bachelorstudent in Jura im 6. Semester. Teilnehmende können sich mit ihrer Matrikelnummer in die Webex-Vorlesungen einloggen, das Mikrofon und die Kamera können ausgestellt werden. Jeder kann also ohne akustische oder optische Ablenkung dem Vortragenden problemlos folgen.

Die Professoren können wie im Kurs ihre PowerPoint-Präsentationen für alle sichtbar machen und simultan vortragen. „Die Professoren passen sich der Situation sehr gut an, geben uns mehr Literatur zum Nachlesen. Man merkt, dass sie sich jetzt mehr Zeit zum Vorbereiten nehmen“, reflektiert der Jura Student. Das Feedback der Studenten ist durch und durch positiv. Der Tag kann flexibel gestaltet werden, denn die Jogginghose bleibt ja schließlich für das Online-Publikum unsichtbar. Die Anfahrtszeit zum Campus fällt weg, man kann auch mal ausschlafen und der leergegessene Teller neben dem Laptop fällt niemandem auf. Es fehle etwas Abwechslung, jedoch sind viele Studenten sehr zufrieden mit der „Remote Learning“-Variante. „Ich fände es gut, wenn Remote Learning auch nach der Quarantäne-Zeit weiterhin eine regelmäßige Option wird“, schlägt Muyizere vor. Inwiefern die Universität an den digitalen Lehrveranstaltungen festhalten wird, zeigt sich im kommenden Wintersemester.