LUXEMBURG
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Über den Umgang mit Information in einer schnelllebigen Zeit

Es gab sie zu allen Zeiten: Falschinformationen, mit dem Ziel, die öffentliche Meinung in eine bestimmte Richtung zu lenken. Das war allerdings bis zur Internet-Ära mit erheblichem Aufwand verbunden. Heute kann eigentlich jeder in sehr kurzer Zeit eine professionell aussehende Webseite und Informationen, aber auch eben Falschinformationen um den Globus rasen lassen. Im täglichen Informationstsunami überprüfen die wenigsten den Wahrheitsgehalt der „News“, die etwa auf ihren Smartphones landen.

Während 83 Prozent der Europäer glauben, „Fake News“ - ein inflationär gebrauchter Begriff, den auch Populisten benutzen, um handfeste Fakten zu diskreditieren - seien eine Bedrohung für die Demokratie, sind Politik und Wirtschaft dabei, Strategien zu entwickeln, um „Fake News“ zu entlarven und aus der digitalen Sphäre zu verbannen. Ein Team von Studenten der Uni Luxemburg hat sich unlängst im Rahmen des Workshops „Working in the media“ des „Bachelor en Cultures Européennes“ mit der Thematik befasst und sie aus mehreren Blickwinkeln beleuchtet. Wobei eine Mannschaft Beiträge für das „Lëtzebuerger Journal“ verfasst hat, eine andere ein Video für RTL gedreht hat und noch eine andere eine Radioreportage für Radio 100,7 verwirklicht hat. Wie jedes Jahr war die Zusammenarbeit mit den Studenten für uns eine bereichernde Erfahrung. Wir hoffen, dass einige von ihnen auf den Geschmack des Journalistenberufs gekommen sind.
Der Beitrag “Fake News: wat stécht hannert de Ligen am Netz?” wird am Samstag in der Sendung "Generator" (18.08 bis 19.30) auf Radio 100,7 veröffentlicht: www.100komma7.lu/program/emission/generator Wer "live" reinhören möchte: www.100komma7.lu/player


Foto: Shutterstock - Lëtzebuerger Journal
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Versuch einer Annäherung an einen inflationär gebrauchten Begriff „Fake News“ nicht gleich „Fake News“


Beim Begriff „Fake News“ handelt es sich um einen Neologismus; ein Wort, das im Moment allgemein benutzt wird und sich weiterentwickelt. Für Dr. Claire Wardle, eine Wissenschaftlerin, die auf Medien spezialisiert ist, ist der Begriff „Fake News“ unproduktiv. Dr. Wardle ist Geschäftsleiterin von „First Draft News“, einem Projekt, an dem mehrere Plattformen für neue Medien beteiligt sind. Die Idee von „First Draft News“ ist es, „Fake News“ zu bekämpfen, indem sie kategorisiert werden, man versteht, wie und warum sie produziert und wie sie identifiziert werden können. Für Dr. Wardle solle der Neologismus „Fake News“ durch drei Kategorien ersetzt werden, damit Gespräche über „Fake News“ produktiver gestaltet werden können.

Drei Kategorien

„Mis-Information“ ist falsche Information, bei dem der Leser, der die Information teilt, davon ausgeht, sie wäre wahr. Ein Beispiel dafür wäre eine Person, die eine Schlagzeile liest, sich dazu verleiten lässt, zu glauben, die Schlagzeile wäre korrekt, und diese Information ohne weiteres weitergibt.
„Dis-Information“ ist falsche Information, bei dem der Leser, der die Nachrichten verbreitet, sich dessen bewusst ist. Der Begriff stammt aus dem Russischen und findet seinen Ursprung in der „dezinformatsiya“-Taktik der KGB-Ära, die danach strebte, Gegner in die Irre zu führen.

„Mal-Information“ ist wahre Information, die verformt und mit der Absicht geteilt wird, Schaden zu verursachen. Dies zeigt sich am Beispiel von Greta Thunberg, um die herum viele Gerüchte auftauchten, die zwar einen wahren Kern haben mögen, jedoch manipuliert und böswillig dargestellt werden, um politische Ziele voranzubringen.

Diese Kategorien helfen uns dabei, verarbeitete Informationen besser zu verstehen. (Igor Bunjevac)

Mehr über Dr. Wardles Arbeit finden Sie hier: tinyurl.com/ClaireWardle

Foto: AP - Lëtzebuerger Journal
Foto: AP

Wie Klimaaktivistin Greta Thunberg durch „Fake News“ diskreditiert wird

Im Auge des Sturms

Die für den Friedensnobelpreis nominierte 16-jährige Klimaaktivistin Greta Thunberg hat am eigenen Leibe erfahren, welche Folgen Verleumdung anhand von „Fake News“ haben kann. So sind im Netz viele Gerüchte über sie im Umlauf. Ein äußerst hartnäckiges besagt, dass das Phänomen Thunberg durch das Hochladen von Fotos des PR-Experten - und angeblichem Freund der Thunberg-Familie - Ingmar Rentzhog (WeDontHaveTime AB) erschaffen worden sei. Greta Thunberg machte in einer Stellungnahme in den öffentlichen Netzwerken darauf aufmerksam, dass es bereits vor den Fotos Rentzhogs erfolgreiche Bilder von ihrem Schulstreik für das Klima auf ihren Instagram- und Twitter-Konten gab. Auch von Rentzhogs Vorhaben, Gretas Namen für Werbezwecke mit der WDHT AB in Verbindung zu setzen, wusste die Familie Thunberg nichts. Beziehungen zwischen ihren Eltern und Rentzhog streitet Greta jedenfalls ab.

Verbreitet ist auch die Fehlinformation, dass Gretas Klimaaktivismus nur als ein profitorientierter Publicity-Stunt für ein Buch ihrer Mutter diene. In ihrer Stellungnahme gab die junge Thunberg an, dass ihre Eltern zunächst überhaupt nicht von ihrer Idee eines Schulstreiks für das Klima begeistert waren und sie ihn daher auf eigene Faust durchgeführt habe. Seit Gretas Erfolg übernähmen ihre Eltern die anfallenden (Reise-)Kosten. Die Klimaaktivistin stellt klar, aus eigenem Ermessen zu handeln und sich auch sonst keiner Organisation verpflichtet zu fühlen. Ihre Reden schreibe sie ebenfalls selbst und ließe nur Rechtschreibfehler verbessern. Dass die Veröffentlichung des Buches ihrer Mutter über das Leben als Familie in Zeiten des Klimawandels so nahe am Zeitpunkt ihres Protestes gelegen hat, sei durch Probleme mit dem Herausgeber zu erklären.

Den Vorwurf, dass Greta Thunbergs Asperger-Syndrom und ihr junges Alter sie anfällig für panikauslösende Klimapropaganda oder gar unzurechnungsfähig mache, streitet sie entschieden ab. Greta richte sich nur nach dem führenden wissenschaftlichen Konsens. Ihr Asperger sei ein Geschenk, das ihr erst ermöglicht habe, die Dinge so zu handhaben, wie sie es bisher getan hat. Trotz Stellungnahmen durch Greta und Rentzhog halten sich die Gerüchte um Thunberg nach wie vor und zielen im Netz weiterhin darauf ab, die junge Frau und die Klimabewegung zu diskreditieren.  (Fabrice Hermann)

Foto: Uni.lu - Lëtzebuerger Journal
Foto: Uni.lu

Wie Algorithmen uns gezielt beeinflussen

Im Visier der Stalker-Kekse

Haben Sie sich jemals gefragt, wieso das Armband, das Sie online kaufen wollten, als Werbung in Ihrem Facebook-Feed angezeigt wird? Gezielte Werbungen benutzen ,,Tracking-Cookies‘‘, um Reklame anzuzeigen, die den Bedürfnissen des Nutzers entspricht. Viele Unternehmen nutzen deswegen die Dienste von Online-Werbeagenturen, um dann Werbung auf verschiedenen Webseiten zu schalten. Eric J. François, ein technischer Leiter und IT-Entwickler des „Luxembourg Centre for Educational Testing“ (LUCET) an der Universität Luxemburg erklärt uns in einem Interview die Funktionsweise eines Online-Werbealgorithmus. ,,Ein Cookie ist eine Textinformation, die auf dem Computer und im Browser des Nutzers gespeichert wird.“ Webseiten sehen nicht nur unseren Browserverlauf, sondern nutzen diese ,,Tracking Cookies‘‘ um diesen auch zu speichern. Angenommen, Sie suchen nach einem Computer auf Amazon und wechseln später die Webseite, die aber die gleiche Werbeagentur mit Reklamen ausstaffiert. Anzeigen von der vorherigen Seite werden nun auch auf der neuen Seite angezeigt. Somit sorgen Webseiten dafür, dass man ständig ihren Produkten ausgesetzt ist.

Wie man ‚,Fake News‘‘ am besten entfliehen kann

Ähnlich funktioniert der Mechanismus der „Fake News“. Soziale Netzwerke versuchen, so viele Informationen wie möglich aus verschiedenen Quellen abzurufen. Dabei verwenden sie nicht nur Cookies, sondern auch andere Tools, um an Informationen des Nutzers zu kommen. Laut François gibt es ,,viele Möglichkeiten für Webseiten, an unsere Informationen zu kommen‘‘. Beim Verknüpfen des Telefonkalenders mit anderen Webseiten etwa können Artikel dieser Webseite auf sozialen Plattformen angezeigt werden.

Wenn man Teil einer Facebook- Gruppe ist, kann Facebook diese Gruppen analysieren und somit weitere Informationen über den Nutzer bekommen. Wird zum Beispiel eine Bierwerbung angezeigt, glaubt Facebook, dass der Nutzer Bier mag.

Das Liken und Kommentieren eines Artikels zeigt, dass man den Artikel interessant findet. „Wenn Sie „Fake News“ teilen, fügt der Facebook-Algorithmus das zu Ihrer Datensammlung hinzu und Ihnen werden dann weitere ‚Fake News‘ Artikel angezeigt“, sagt der Experte. François empfiehlt, die „Advertisement Killer“-Funktion im Browser zu aktivieren. Um „Fake News“ zu vermeiden, solle man vor allem „eher nicht alles glauben, was man liest‘‘. Deshalb darf man nicht vergessen Informationen zu prüfen, bevor man Nachrichten teilt. (Catarina Sofia Martins Ferreira)

Foto: Shutterstock - Lëtzebuerger Journal
Foto: Shutterstock

Eine kurze Umfrage auf dem Uni-Campus in Belval

Was Studenten über „Fake News“ denken

Lesen Sie einen Artikel komplett durch, bevor Sie ihn auf ihren sozialen Medien teilen? „Nein, aber ich sollte es tun“. „Nicht, wenn ich mich bereits mit dem Thema auskenne“.

Dies waren Kommentare der Teilnehmer, die an unserem anonymen Fragebogen an der Uni Luxemburg mitgemacht haben. Von 36 Studenten wollten wir wissen, aus welchen Medien sie ihre Nachrichten beziehen und ob sie immer glauben, was sie in den Medien lesen, hören oder sehen.

Alle Befragten haben vom Begriff „Fake News“ gehört. 33 gaben an, ihre Nachrichten aus sozialen Medien zu beziehen. 24 verlassen sich auf Nachrichten-Webseiten, 17 hören ihre Nachrichten im Radio, 13 verfolgen diese im Fernsehen und neun holen ihre Nachrichten aus der Zeitung.

16 Personen gaben zu, dass sie meistens nur die Schlagzeile eines Artikels lesen, im Glauben, die Nachricht zu verstehen, ohne den ganzen Artikel lesen zu müssen. 17 lesen ganze Artikel und drei machen beides. Demnach verlässt sich die Hälfte nur auf die Schlagzeile eines Artikels.

Obwohl nur elf der Befragten Nachrichten über die sozialen Medien teilen, gab die Mehrheit an, ganze Artikel zu lesen, bevor sie diese teilt und deren Fakten zu prüfen.

Die Mehrheit würde auch nur zuverlässigen Quellen Glauben schenken und nur dann eigenständig recherchieren, wenn die Nachricht aus einer unzuverlässigen Quelle kommt.

Unser Fazit: Studenten wissen über „Fake News“ Bescheid. Sie wissen, welche Wirkung solche Falschinformationen haben können und sind sich bewusst, dass sie Nachrichten nur dann auf ihre sozialen Medien teilen sollten, wenn diese aus einer zuverlässigen Quelle stammen. (Majlinda Shalijani)

Foto: Uni.lu - Lëtzebuerger Journal
Foto: Uni.lu

Warum wir unsere Informationen selten überprüfen

„Wir sind kognitive Geizhälse“

Nicht jeder Mensch wird gleichermaßen von „Fake News“ beeinflusst. Menschen, die soziale Medien weniger kritisch betrachten und nicht auf traditionelle Medien wie Zeitungen zugreifen, werden leichter davon manipuliert. Weshalb manche „Fake News“ Glauben schenken, liegt laut Dr. André Melzer, „Assistant Professor“ im Bereich Psychologie der Universität Luxemburgs, in der Natur des Menschen.

„Wir wollen nicht nachdenken, wir wollen nicht prüfen. Das kostet Energie und Kraft. Je geringer die Bereitschaft von Menschen ist, diese Energie aufzuwenden, umso eher fallen diese auf „Fake News“ herein“, sagt Dr. Melzer.

Das zeigt sich daran, dass Menschen an Themen interessiert sind, die ihre Meinung bereits bestätigen. Denn sich mit neuen Themen zu beschäftigen bedeutet wieder Aufwand. „Es bedeutet alte Muster wegzutun und neue Muster zu lernen. Das kostet Energie und das wollen wir nicht.“

Was der Spezialist sagt

Auf die Frage, weshalb Menschen an Lügen im Internet glauben, antwortet Dr. Melzer, dass wir „kognitive Geizhälse sind“. „Es gibt einen Bestätigungsfehler. Wir suchen uns Menschen und Informationen aus, die mit unserer eigenen Einstellung übereinstimmen. Wir glauben diesen Menschen eher als Menschen, die eine andere Meinung haben oder die wir nicht kennen“, meint Dr. Melzer. Dem Forscher zufolge gibt es auch das „Motivated Reasoning“, was ganz ähnlich funktioniert: Wir halten das, was wir ohnehin schon dachten, für glaubwürdig. Bei einer Debatte zwischen zwei Kandidaten, „(…) werden die Anhänger der einen Seite ihre Kandidaten besser finden als die anderen, obwohl es vielleicht objektiv gar nicht stimmt, was die Leute sagen.“ Hier versuchen Menschen, etwas zu bestätigen, was sie bereits glauben, ignorieren dabei aber widersprüchliche Informationen. Trotzdem sollte die Wirkung der Verbreitung von „Fake News“ nicht unterschätzt werden. Deshalb empfiehlt Dr. Melzer: „Mehrere Quellen konsultieren, sich nicht auf eine Quelle verlassen und auch wenn es noch so einleuchtend erscheint, immer gegenprüfen und kritisch bleiben.“ (Majlinda Shalijani)