SANKT GALLEN/LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Personal-Vorstand Wilfried Porth erzählt, wie Daimler Mitarbeiter für digitale Arbeit trainiert

Kaum eine Industrie steht so unter Druck wie der Automobilsektor, in dem Daimler einer der ganz größten Produzenten ist. Wie geht der oberste Personalchef in Stuttgart mit Themen wie Digitalisierung in Produktion und Ausbildung um, wie schwierig ist es Mitarbeiter zu finden und mehr Frauen einzustellen? Am Rande des Symposiums Sankt Gallen fand Personalvorstand Wilfried Porth Zeit für ein Interview.

Daimler hat sich das Ziel gegeben, bis 2020 den Frauenanteil auf 20 Prozent zu heben. Wie weit sind Sie auf dem Weg dahin?

Wilfried Porth Wir sind überzeugt, dass mehr Vielfalt zu besseren Ergebnissen führt. Die Vielfalt in unserem Unternehmen ergibt nicht nur einen bunten Mix, sondern steigert unser Innovationspotential und unsere Kreativität. Das macht uns als Unternehmen erfolgreicher und schafft klare Wettbewerbsvorteile. Das Diversity Management ist schon seit 2005 fester Bestandteil der Unternehmensstrategie. Wir haben das klare Ziel, den Anteil von Frauen in leitenden Führungspositionen weltweit bis 2020 auf 20 Prozent zu steigern. Als wir gestartet sind, gab es fünf Prozent Frauen in leitenden Führungspositionen. Seither ist dieser Anteil Jahr für Jahr gestiegen. Ende 2017 waren mehr als 18 Prozent unserer Führungskräfte im mittleren und oberen Management weiblich - Tendenz weiter steigend. Um das zu erreichen, haben wir unter anderem spezielle Recruiting-Maßnahmen wie die Daimler „Women Days“, zahlreiche Bindungs- und Förderprogramme für Jungakademikerinnen sowie Leadership-Workshops speziell für Frauen initiiert. Der Anteil an Frauen in den Ausbildungsgängen variiert je nach Beruf, in Deutschland werden aktuell mehr als 23 Prozent Kolleginnen ausgebildet.

Wie stimmen Sie Ihre Mitarbeiter auf den digitalen Wandel ein?

Porth Digitalisierung, Vernetzung, Elektromobilität, der Weg zum autonomen Fahren, Share-Economy - all das verändert unser Geschäft mit einer Geschwindigkeit wie nie zuvor. Connected, Autonomous, Shared und Electric - oder kurz C.A.S.E sind die vier Themenfelder, die unsere Zukunft prägen werden. Die Qualifizierung der Mitarbeiter ist der Schlüssel, um die digitale Transformation zu gestalten. Nur mit gut ausgebildeten und qualifizierten Mitarbeitern können wir die Digitalisierung erfolgreich meistern und sind auch in Zukunft wettbewerbsfähig. Daher spielt die Qualifizierung unserer Mitarbeiter eine entscheidende Rolle. Lebenslanges Lernen wird immer wichtiger, als Arbeitgeber haben wir hier eine Verantwortung. Wir haben mit der Daimler Corporate Academy, eine der größten innerbetrieblichen Fortbildungsinstitutionen in Deutschland. Sie unterstützt unsere Mitarbeiter bei der fachlichen und persönlichen Weiterbildung, mit großem Erfolg.

Sie haben viele IT-Leute in den Konzern geholt. Haben Sie Probleme, diese Profile zu finden?

Porth Als Arbeitgeber sind wir sehr attraktiv und finden unsere Wunschkandidaten ohne Probleme. Alleine in Deutschland erhalten wir jährlich eine sechsstellige Anzahl an Bewerbungen. Wir bieten spannende Themen, weltweite Einsatz- und Entwicklungsmöglichkeiten und haben Digital Hubs in Berlin, Lissabon, Bangalore und Russland. Dort geht es ganz speziell um IT-Themen.

Siri und Alexa bestimmen bald zu Hause und auch im Auto. Wollen Sie dem etwas entgegen setzen?

Porth In ersten Linie geht es vor allem darum, die Chancen der neuen Technologien zu nutzen. In der neuen A-Klasse von Mercedes-Benz haben wir beispielsweise ein intuitives und lernfähiges Multimedia-System MBUX. Man kann sich darüber richtig mit seinem Auto unterhalten. Das funktioniert super einfach. Unseren Auszubildenden gefällt das auch sehr gut.

Was lernen eigentlich Ihre Azubis im so genannten Industrie 4.0 -Labor?

Porth Unsere jungen Kollegen lernen, mit der digitalen Welt umzugehen - sie arbeiten mit Robotern, steuern Anlagen per Tablet-PC oder programmieren eine vernetzte Produktionslinie. Beim digitalen Schweißen tragen die Azubis eine Maske und sehen Funken wie beim klassischen Schweißen, aber das ist eine Virtual-Reality-Brille. Die Methode ist effizient, nachhaltig und umweltfreundlich, wir brauchen wenige technischen Voraussetzungen, keinen Rauchabzug und keine Sicherheitsvorrichtungen. Beim Lackieren ist es ganz ähnlich. Das ist alles sehr realitätsnah und erlaubt eine genaue Analyse -, und zeigt, wie sorgfältig gearbeitet wurde. Virtual Welding und Virtual Painting nennt sich das Ganze. Darüber hinaus stellt das Labor eine vernetze Produktion dar und bildet so das moderne Produktionsumfeld in den Mercedes-Benz Werken ab.

Hier lernen unsere Auszubildenden Abläufe zu steuern und programmieren, viele kennen so etwas aus dem Videospiel. In dem Ausbildungszentrum in Esslingen-Brühl sind aber nicht nur unsere Auszubildenden, sondern auch Studenten aus insgesamt 13 dualen Studiengängen, die hier alles rund um das moderne Produktionsumfeld in den Mercedes-Benz Werken erfahren. Wir arbeiten mit 3-D-Druck, führen die jungen Kolleginnen und Kollegen an den Einsatz von Smart Glasses heran und mit Augmented-Reality-Brillen können sie außerdem das Innere eines Autos aus allen Blickwinkeln erleben. Durch Handbewegungen können sie Teile in der virtuellen Realität herausnehmen und wieder einbauen. Das kommt zukünftig immer mehr zum Einsatz, macht vor allem aber auch Spaß.

Als Sie für den Konzern in Brasilien waren, mussten rund 4.000 Mitarbeiter entlassen werden. Würden Sie die heute umschulen und behalten?

Porth Das war eine schwierige und sehr spezielle Situation. Wir haben damals in Brasilien Integralbusse hergestellt, ganz ohne Partner und waren damit nicht wettbewerbsfähig. Um die Wettbewerbsfähigkeit wieder herzustellen, mussten wir uns strategisch neu ausrichten. Wir haben den Komplettbusbau aufgeben und die Produktion der Fahrgestelle beibehalten. Qualifizierung war hier nie das Thema, die Arbeiter waren gut qualifiziert. Das Geschäftsmodell muss wirtschaftlich tragfähig sein, sonst nutzen auch Weiterbildungen und eine Top-Mannschaft nichts.

Sie sind Personalvorstand, aber selbst auch Vater. Was würden Sie Ihren Söhnen in Sachen Berufsausbildung raten?

Porth Digitalisierung wird die Zukunft der Arbeit bestimmen und bietet viele Chancen und spannende neue Möglichkeiten. Ich rate jedem ein digitales Element in die persönliche Ausbildung einzubauen. Wirtschaft und Technik alleine sind nicht mehr so entscheidend.

Was machen Sie dann, nach einem ganzen Leben bei Daimler?

Porth Lassen Sie sich überraschen, das ist ja noch eine ganze Weile hin. Ich bin vielfach interessiert und bin sehr aktiv im Kuratorium des Festspielhauses Baden-Baden. Darüber hinaus bin ich beim VfB Stuttgart im Aufsichtsrat und in einer Bürgerstiftung tätig. Ich bin sicher, Langeweile werde ich auch nach meiner Zeit bei Daimler nicht haben.

Seit 2009 ist Wilfried Porth Personal-Vorstandsmitglied der Daimler AG. Gleichzeitig ist er Arbeitsdirektor des Unternehmens, verantwortlich für den Einkauf von Nichtproduktionsmaterial und Dienstleistungen sowie das Geschäftsfeld Mercedes-Benz Vans. Seit seinem Maschinenbau-Abschluss an der Universität Stuttgart 1985 ist er für den Automobilkonzern tätig, unter anderem auf verschiedenen Positionen in Japan, Südafrika und Brasilien. Darüber hinaus ist er seit 2011 Vorsitzender des Vorstandes der Hanns Martin Schleyer-Stiftung und sitzt seit 2014 im Aufsichtsrat des VfB Stuttgart.