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CORDELIA CHATON MIT DPA

EZB mahnt Banken: Keine Gewinnausschüttung 2020 wegen Corona-Krise

Kredite statt Dividenden: Banken im Euroraum sollen nach dem Willen der Aufseher wegen der Corona-Krise in diesem Jahr keine Gewinne ausschütten. Auch auf Aktienrückkäufe sollen die Institute möglichst bis zum 1. Januar 2021 verzichten, mahnten die Bankenaufseher der Europäischen Zentralbank (EZB) am Dienstag. Ziel des Dividendenstopps ist, die Fähigkeit der Geldhäuser zu stärken, mögliche Verluste infolge der Pandemie zu verkraften und ausreichend Mittel für die Kreditvergabe an Privatleute und Firmen zu haben. Die Luxemburger Finanzaufsicht CSSF unterstützt diese Haltung.

„Der Aufbau starker Kapital- und Liquiditätspuffer seit der letzten Finanzkrise hat es den Banken in dieser Krise ermöglicht, weiterhin Kredite an private Haushalte und Unternehmen zu vergeben und damit zur Stabilisierung der Realwirtschaft beizutragen“, begründete der Chef der EZB-Bankenaufsicht, Andrea Enria, die Verlängerung des Dividendenstopps um drei Monate. „Umso wichtiger ist es, die Banken zu ermutigen, ihre Kapital- und Liquiditätspuffer jetzt zu nutzen, um sich weiterhin auf diese übergeordnete Aufgabe zu konzentrieren: die Kreditvergabe.“

Bislang hatte die EZB an Banken appelliert, mindestens bis zum 1. Oktober dieses Jahres keine Dividenden an ihre Aktionäre auszuzahlen. Viele Banken strichen in der Folge geplante Gewinnausschüttungen für das Geschäftsjahr 2019 oder verringerten diese zumindest.

Bindende Vorgaben, wenn Banken nicht hören

Enria betonte in einer Videokonferenz: „Wir erwarten, dass Banken unserer Empfehlung folgen.“ Sollten Institute dies nicht tun, werde die EZB nicht zögern, einzelnen Häuser auch bindende Vorgaben zu machen. Im Dezember werde die EZB-Bankenaufsicht anhand der dann vorliegenden konjunkturellen Daten den temporären Dividendenstopp erneut überprüfen - mit ausreichend Vorlauf zu dem Zeitraum, in dem die Gewinnausschüttungen an die Aktionäre für das Geschäftsjahr 2020 anstünden. „Wir hoffen sehr, dass wir möglichst bald zur Normalität zurückkehren können“, sagte Enria.

Einer Analyse der EZB-Bankenaufsicht zufolge sind die Banken im Euroraum ausreichend gegen Rückschläge in der Corona-Krise gerüstet. Sollte sich das wirtschaftliche Umfeld noch deutlich verschlechtern, würden die Kapitalpuffer allerdings „erheblich“ zusammenschmelzen, warnte Enria. In einem solchen Fall müssten die Behörden bereit sein, weitere Maßnahmen zu ergreifen, „um einen gleichzeitigen Schuldenabbau durch Banken zu verhindern, der die Rezession vertiefen könnte“.

Denkbar wären zum Beispiel staatliche Garantien zur Absicherung von Krediten. Die Aufseher analysierten anhand von zwei Szenarien, wie die Kapitalpuffer von 86 Instituten reagieren würden, die direkt von der EZB beaufsichtigt werden. In der ersten Berechnung, die die EZB für wahrscheinlicher hält, geht die Notenbank von einem Rückgang der Wirtschaftsleistung im Währungsraum um 8,7 Prozent dieses Jahr aus.

Im zweiten Fall wird ein tieferer Absturz um 12,6 Prozent unterstellt. In beiden Szenarien erwartet die EZB, dass die Wirtschaft 2021 wieder auf Wachstumskurs gehen wird - wenn auch unterschiedlich schnell.

Je nach Schwere der konjunkturellen Krise würde die Kernkapitalquote (CET1) der Banken von einem Ausgangswert von 14,5 Prozent um 1,9 beziehungsweise 5,7 Prozentpunkte sinken. Im letzteren Fall müssten mehrere Institute Maßnahmen ergreifen, um die Mindestkapitalanforderungen der Aufseher zu erfüllen.

Die EZB beaufsichtigt seit November 2014 die größten Banken und Bankengruppen im Euroraum direkt, derzeit sind dies 115 Institute im gemeinsamen Währungsraum, die für fast 82 Prozent des Marktes im Währungsraum der 19 Länder stehen. In Luxemburg sind drei Banken davon betroffen: Die BGL BNP Paribas, die „Banque et Caisse d’Epargne de l’Etat“ (BCEE) und die Banque Internationale à Luxembourg (BIL). Die Kernkapitalquote ist eine Kennzahl, die angibt, wie groß das Risiko einer Bank ist. Sie wird berechnet, indem man das Kernkapital, also  das unmittelbar haftende Eigenkapital, durch die Summe der Risikoposten wie etwa Kredite und Wertpapiere teilt. Die Kernkapitalquote sagt also aus, inwieweit die Risikopositionen durch eigene Mittel gedeckt sind, sprich wie dick der Risikopuffer der Bank ist. Die Kernkapitalquote gilt darum als wichtige Zahl, um Stabilität und Stärke einer Bank zu beurteilen.

 Sie wird für systemische Banken jährlich von der EZB festgelegt unter dem Begriff „Tier 1“. Bei der BCEE lag sie Ende 2019 beisielsweise bei 21,1 Prozent, bei der Raiffeisen bei 13 Prozent. Die BIL beispielsweise hat in den vergangen drei Jahren schon keine Dividende gezahlt und ihre Kapitalerhöhung zu Dezember 2019 dürfte mit Blick auf die Kernkapitalquote erfolgt sein.

Studie zu Kreditausfällen

Was passieren kann, wenn Unternehmen ihre Kredite nicht mehr bedienen können, zeigt eine aktuelle Studie von Bain & Companie, die dem „Journal“ vorliegt, sich jedoch auf den deutschen Markt bezieht. Nach dieser Prognose könnte die Kreditrisikovorsorge im Firmenkundengeschäft in diesem Jahr um bis zu 150 Prozent steigen und damit ein neues Rekordniveau erreichen. Die Ausfälle wären dann noch höher als während der Finanzkrise vor zwölf Jahren. Daher müssen die Kreditinstitute ihre Anstrengungen zur Kostenreduzierung und Steigerung der Kapitaleffizienz erhöhen, während gleichzeitig die Zinsen im Keller sind. Durch COVID-19 erhöht sich der Druck auf die Banken.

Die EZB will, dass Kredite vergeben werden, aber auch, dass die Banken ihre Finanzpolster ausbauen. Die Eigenkapitalrendite im Firmenkundengeschäft liegt jedoch laut Studie weiterhin unter den Kapitalkosten. „Institute verbrennen Geld“, schlussfolgert die Studie.

Es ist mehr als wahrscheinlich, dass in Luxemburg die Entwicklung ähnlich verläuft. Erst gestern gab die Handwerkskammer bekannt, dass 80 Prozent der Unternehmen für Mai einen Umsatzeinbruch angegeben haben, der im Schnitt bei 26 Prozent liegt. Es trifft dabei vor allem kleine Unternehmen.

 Bei Betrieben, die bis zu neun Mitarbeiter beschäftigen, lag der Umsatzverlust bei bis zu 35 Prozent.

Im März und April hatten die Zahlen zwar noch deutlich höher gelegen. Doch diese Verluste müssen erstmal wettgemacht werden - was bei einem geänderten Konsumverhalten nicht einfach ist. Dass es hier zu Insolvenzen kommt, die Kreditausfälle nach sich ziehen, gilt vielen Wirtschaftsvertretern als sicher.