LUXEMBURG
PIERRE WELTER, FREIER JOURNALIST

Nach 21 Jahren: Prozess um City Concorde-Mord gegen Joël C. hat begonnen

Das Luxemburger Bezirksgericht wird Bühne eines außergewöhnlichen Prozesses: Ein Mord aus dem Jahre 1997 wird verhandelt. Die Kriminalkammer hat für den Prozess 16 Verhandlungstage geplant. Rund 21 Jahre nach dem Raub von rund zwei Millionen Franken aus einem Brinks-Ziegler-Geldtransporter, der sicherlich noch vielen im Gedächtnis ist, hat am gestrigen Dienstag am Luxemburger Bezirksgericht der Prozess gegen den mutmaßlichen Täter Joël C. (64) begonnen.

Seit 2015 in Untersuchungshaft

Am 24. Juni 1997 wurde der 35-jährige Geldbote Yvan Lecomte nach einer Verfolgungsjagd auf dem Kundenparkplatz der City Concorde in Bartringen niedergeschossen. Die Täter konnten entkommen. Jetzt muss C. sich wegen Mord und einem besonders schweren Fall des gemeinschaftlichen Diebstahls mit Waffen vor der Kriminalkammer (auch 13. Strafkammer) verantworten. Ihm droht lebenslange Haft. Der Beschuldigte sitzt seit 2015 in Luxemburg in Untersuchungshaft und streitet alles ab.

Was war passiert? Es ist der 24. Juni 1997, kurz nach 17 Uhr. Der Geldtransporter der Sicherheitsfirma Brinks hielt auf dem Kundenparkplatz der Cité Concorde. Ein 35 Jahre alter Geldbote stieg vom Beifahrersitz aus dem Transporter. Wachmann Yvan Lecomte erschien mit einem kleinen Koffer, die rechte Hand an der Pistole. Die Zwei-Mann-Besatzung holte die Einnahmen aus dem Supermarkt im Einkaufszentrum City Concorde in Bereldingen ab. Die Geldboten sind eigentlich zu dritt unterwegs.

Plötzlich wurde der Geldbote von zwei Männern angerempelt. Ein Schlag mit einem Pistolenknauf auf den Kopf ließ ihn zu Boden gehen. Der Wachmann ließ den Geldkoffer fallen. Die zwei Angreifer flüchteten mit dem Koffer, der zu diesem Zeitpunkt 2.057.915 Franken, umgerechnet 51.014 Euro enthielt.

Dem Geldboten wurde darüber hinaus seine Dienstwaffe, ein Smith & Wesson Revolver Caliber 38, entwendet. Doch der Geldbote wollte den Tätern das Geld nicht kampflos überlassen. Er verfolgte die Täter. Auf dem Supermarktparkplatz sprangen die beiden Männer in einen Renault 21, in dem ein Komplize fluchtbereit wartete. Der Wachmann riss die hintere Tür des Wagens auf, als ein Schuss fiel und ihn traf. Ein zweiter Schuss fiel, die Revolverkugel ging durch die Heckscheibe und trifft den Geldboten erneut. Der Geldbote trug, entgegen der Vorschrift, keine kugelsichere Weste.

Die Täter rasten weiter über den Parkplatz, erfassten einen Einkaufswagen und verfehlten nur haarscharf ein Kind. Wäre das Kind auch nur einen Schritt weitergegangen, hätte das Auto es erwischt.

Ein Notarzt versuchte noch, das Leben des Geldtransporteurs zu retten, aber vergeblich.

Gutachten

Einen Tag später wurden in Belgien, abseits der Autobahn E 411 unweit von Houyet, Teile der zurückgelassenen Maskierung gefunden. Kleider, Perücken, Handschuhe, auch die Waffen wurden aufgefunden.

Auf der Suche nach den Tätern tappte die Kriminalpolizei lange Zeit im Dunkeln. Erst 2011, 14 Jahre später, konnte die Kripo die DNA eines Täters durch die DNA-Schengen-Datenbank entschlüsseln - durch einen genetischen Nachweis auf einer Jeans und einem T-Shirt. Die DNA-Spur führte die Ermittler nach Frankreich zum einem Tatverdächtigen: dem vorbestraften Joël C..

Eine DNA-Spur könnte dem Angeklagten C. allerdings 21 Jahre später jetzt zum Verhängnis werden. Zur Klärung hatte das Gericht die DNA-Expertin Dr. Elisabet Petowsky mit einem Gutachten beauftragt. Sie soll am heutigen Mittwoch aussagen. Ein deutscher Sachverständiger hat die Textilspuren im Fluchtfahrzeug und einem zweiten Fahrzeug untersucht. Hier wurde Fasermaterial von einer rotbraunen Perücke und einem blauen Pullover auf einer Sitzlehne gefunden. Der pensionierte Polizist Armand Dousemont (Police technique) untersuchte die Kugeln. Zwei wurden bei der Autopsie des toten Geldboten sichergestellt, Herz und Lunge waren getroffen.

Fluchtwagen wurde in Frankreichgestohlen

Allerdings ist Dousemont der Überzeugung, dass die Kugeln, die im Körper des Toten entdeckt wurden, von der in Belgien gefundenen Kriegspistole stammen könnten. Es handelt sich dabei um einen Colt Kaliber 45 aus dem zweiten Weltkrieg. Die zwei anderen Waffen, ein Colt Cobra 38 und ein Smith & Wesson Revolver Kaliber 38, hatte Dousemont auch untersucht.

Die weitere Spurensicherung brachte zunächst nur wenige Ergebnisse: Der Renault mit der zerschossenen Heckscheibe wurde kurze Zeit später auf dem Parkplatz des Supermarktes „Belle Etoile“ entdeckt und untersucht. Es war der Fluchtwagen, den das Verbrechertrio für den Überfall auf den Geldtransporter benutzte. Der Wagen wurde vorher in Frankreich gestohlen und mit gefälschten französischen Kennzeichen versehen.


Der Prozess wird heute fortgesetzt